Ich liebe das Gefühl von Freiheit. Losgelöst und federleicht sein – nicht nur in Gedanken, sondern vor allem körperlich. In meinem fast blinden Leben gar nicht so leicht. Einfach drauflosrennen geht bei mir nicht – mein Kopf sagt „Nein“, die nicht barrierefreie Welt nickt zustimmend. Ich gehe konzentriert und kontrolliert durch meinen Alltag – ob mit führendem Hund oder pendelndem Stock. Die Ohren sind gespitzt, der Geist ist präsent, um Umweltinformationen zuzuordnen und so mehr Eindrücke zu sammeln, die ich über meine Augen nicht bekomme. Der organische Prozessor arbeitet und ruft ständig mentale Straßenkarten ab. Wie in einer Karten-App, wo man den eigenen Standort auf der Gesamtstrecke einordnet und entsprechend reagiert. Das passiert permanent hinter meiner Stirn. Ein Sehender tut das auch, doch, da unsere Gesellschaft für Sehende gemacht ist, kann er auf viele visuelle Hilfen wie Straßenschilder zurückgreifen oder schlicht voraussehen, ob man baustellenbedingt die Straßenseite wechseln kann, ob es eine Ampel oder einen Zebrastreifen gibt – ich muss mir das merken oder danach suchen. Wo ist die Treppe? Wo biege ich am besten ab? Ist heute Markttag?

Wie passen körperliche Freiheit und Blindheit zusammen?

Das ist eben so, ich kenne es nicht anders. Natürlich unterstützt mich mein Blindenführhund Harry mittlerweile ganz wundervoll darin, bekannte Wege zu gehen. Da brauche ich nicht so viel zu denken, kann mich auf seinen unschlagbaren Orientierungssinn verlassen. Trotzdem ist ein Hund keine Maschine und wenn Unerwartetes geschieht, muss ich da sein, reagieren, entscheiden. Eine Grundaufmerksamkeit gehört einfach dazu. Körperspannung durch und durch.

Kein Wunder, dass man mich im krassen Kontrast dazu auf Strandbildern fast ausschließlich rennend, springend oder mit ausgebreiteten Armen sieht. Weil ich dort loslassen kann! Keine Stufen, keine Hindernisse! Einfach Sand und Wasser! Dann klettere ich die Dünen an der Nordsee hinauf und rase ungebremst wieder hinunter. Werfe mich in den Schwung. Die Geschwindigkeit, die Leichtigkeit lässt mich lachen wie ein schaukelndes Kind! Keine Angst vorm Hinfallen – der weiche Sand fängt mich und so renne ich weiter bis meine Füße ins Wasser platschen und die sprühenden Tropfen mich erfrischen. Ich schnappe nach Luft und fülle meine Lungen mit salziger Lebendigkeit. Meer heißt für mich heimkommen. Entspannen. Einklang von Körper und Geist. Raum für mich, mein ganzes, großes, weites, ungebremstes Ich. Pures Glück.

Kompromisse, die man gerne eingeht

Grund genug, in der Nebensaison zu gehen und am liebsten in abgelegene Gebiete, wo wenig Menschen meinen Dünen-Run stören 😊 Ein typischer Sommerstrand kommt für mich eher weniger in Frage – spielende Kinder, Sonnenanbeter, Wasserballer, Verliebte und Träumer, Sandburgarchitekten – heißt für mich: wieder aufmerksam sein, sehr viel Rücksicht nehmen. Badeurlaub ist ab und an schön, doch viel lieber gönne ich mir meine wunderbaren Momente der körperlichen Freiheit in Abgeschiedenheit, die ich ohnehin so liebe. Dort kann ich meinen Körper im offenen Raum spüren und erleben und was dabei in meinem Kopf passiert. Jedes Mal eine bereichernde, erfüllende Erfahrung.

Solltest du allerdings einen Tipp für mich haben, wo man ohne Massentourismus schön Badeurlaub machen kann, bitte unbedingt HER DAMIT!

Wie geht körperliche Freiheit im Alltag?

Selbstverständlich hole ich mir auch außerhalb des Urlaubs meine Bewegungs- und Freiheitskicks. Eben in kleineren Dosen und Graden. Für mich macht es indes einen gewaltigen Unterschied, ob ich etwas alleine tun kann oder Begleitung dafür brauche. Wandern oder Tandemfahren sind beispielsweise sehr schöne Bewegungsarten, doch haben sie im Hinblick auf Freiheit und Leichtigkeit ihre Grenzen. Dafür sind sie tolle Teamübungen.

Als Selbstständigkeit und Unabhängigkeit liebender Mensch brauche ich jedoch Ventile, die für mich alleine funktionieren. Darum renne ich nachts über ebene Wiesen, meinen begeisterten Goldbären mit wehenden Schlappohren an meiner Seite. Nachts, weil ich in der Dunkelheit mein visuelles Potential ausschöpfen kann. Weil wenige Menschen unterwegs sind. Weil Hektik und Helligkeit schlafen. Und ich , ich tanze, tanze und wirble über das grüne Gras mit ausgebreiteten Armen… und muss wieder lächeln. In Bewegung sein lässt mich IMMER lächeln.

Apropos tanzen – ebenfalls eine wunderbare Art für mich, loszulassen. Wenn Lieblingsmusik und leichter Rausch ins Blut fließen und der Bass durch den Körper vibriert, ihn gemeinsam mit Emotionen in Schwingung versetzt und er sich ausgelassen bewegen darf. Als Ausdruck für meine Stimmung, mein Selbst. Dann schwimme ich in der Musik, leichter als sonst, freier als sonst. Sie trägt und erfüllt mich, fließt um mich herum und durch mich hindurch und auch in ihr bin ich frei. Losgelöst. Federleicht.

(M)eine Glücksformel: Bewegung gleich Freiheit

Diese beiden Dinge sind in meinem Empfinden untrennbar miteinander verbunden. Vielleicht resultierend aus dem krassen Kontrast aus Anspannung, Selbstkontrolle und Zurückhalten. Vielleicht, weil meine große, geistige Freiheit harmoniebestrebt ihr Pendant im Physischen sucht. Vielleicht, weil das einfach meinem Wesen entspricht.

Warum auch immer, die Gleichung geht auf. Und wenn man erst einmal weiß, was man braucht, was einen glücklich macht, findet man immer den Zugang dazu, schafft Gelegenheiten, wagt und gewinnt. Mein Glück und meine Freiheit hängen nicht von meiner Behinderung ab, sondern von meiner Fähigkeit, Wege und Möglichkeiten zu schaffen, die Umstände anzunehmen und sie nicht als Urteil zum Unglück, zur lebenslangen Gefangenschaft in mir selbst zu sehen.

Unsere Welt ist groß in so vielerlei Hinsicht und hat für jeden etwas zu bieten. Vielleicht nicht immer im Mainstream, dafür im Nebenarm. Man muss sich nur bewusst machen, dass das, was als „normal“ gilt, nicht unbedingt voll und ganz zu jedem passt. Und das ist okay. Normal heißt weder richtig noch falsch. Es ist nur eine Ansammlung, die größte Schnittmenge eben. Daran kann man sich entlanghangeln, daran festhalten, wenn man will oder man steht dazu, auch abseits davon zu existieren. Oder mit einem Bein auf jeder Seite – denn warum eigentlich entweder oder?

Warum nicht den eigenen Weg losgelöst von der Norm wählen und annehmen, wo er hinführt? Ob an einsame Nordseestrände oder mal den italienischen Sommerstrand? Dafür reicht ein wenig Selbstliebe und Akzeptanz. Und sich selbst zu kennen, ist ebenfalls ein Schlüssel zur Freiheit – oder nicht? Hast du eine Glücksformel? Wann fühlst du dich körperlich frei? Losgelöst? Federleicht? Letzten Endes hat jeder Mensch auf die ein oder andere Weise eine Einschränkung – ob diese wie Blindheit nun einen Namen hat oder ob sie unbenannt existiert. Was hindert dich und was befreit dich davon? Ich würde mich sehr über deine Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren freuen. Falls dir dieser Artikel gefallen hat, teile ihn gerne mit deinen Freunden und Verwandten.

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