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Verwunderung! Da schreibt man eine E-Mail an Lizzis Welt und bekommt eine Antwort von einer Lisa! Wie denn jetzt? Lisa oder Lizzi?

Also, ich heiße tatsächlich Lisa, diesen Namen haben meine Eltern ausgesucht, er steht in meinem Perso, auf meinen Visitenkarten, auf Postkarten, die man von mir bekommt… ein guter Name, finde ich. Warum bitteschön heißt mein Blog dann Lizzis Welt? Wer ist denn diese Lizzi?

Lizzi – das bin ich natürlich auch. Auf eine andere Weise. Lizzi ist die digitale Lisa. So habe ich mich vor Ewigkeiten schon bei Knuddels, Kwick und heute bei Pokémon Go genannt. Wann immer ich einen Account erstelle, enthält er „Lizzi“.

Der Grund ist ganz simpel: online bin ich eine andere Person als offline, denn in der digitalen Welt, im Sein aus Bits und Bytes bin ich nicht die hochgradig Sehbehinderte. Sondern Lizzi, die keine Beeinträchtigung hat. Genau, wenn ich im Internet surfe, ob auf Facebook, Twitter, Instagram, bei Amazon, Wikipedia oder als Bloggerin – da kenne ich keine Grenzen! Da bin ich ICH!

Lizzi breitet auf einer Wiese vor einem Baum befreit die Arme aus und lächelt.

Ich lebe online barrierefrei!

Lizzi ist der Teil in mir, der nicht ständig an Hindernissen abprallt, der nicht andauernd kämpfen und Umwege suchen muss. Lizzi ist nicht behindert, sie gleitet dynamisch durch die Online-Ebene. Sie ist frei, unbeschwert, uneingeschränkt! Eine Frau mit vielseitigen Interessen, mit starken Emotionen, neugierig, unternehmungslustig, ehrlich, mutig, leidenschaftlich, energiegeladen! Meine charakterlichen Eigenschaften sind online und offline dieselben – meine Möglichkeiten dagegen divergieren gewaltig!

Digitalisierung schlägt Behinderung

Was unterscheidet mein materielles und mein digitales Sein? Nun, wenn ich in der Welt da draußen bin, hängt mein Restsehvermögen von den Lichtverhältnissen ab. Ist es dunkel, kann ich auf ganze 8-10 Prozent Visus zurückgreifen! Das klingt im Vergleich zu 100 Prozent natürlich nicht viel, aber glaube mir, es ist absolut genug, um sich zu orientieren, Wege zu finden und zu lernen, andere Menschen wahrzunehmen und vieles mehr. Wird es jedoch heller – sei es ein greller Sommermittag, ein verregneter Morgen, ein bewölkter Abend oder gar künstliches Licht – zerbröseln die knappen 10 Prozent wie ein zerdrückter Keks.

Wieviel dann übrigbleibt, ist schwer zu sagen. Manchmal gehe ich ein paar Meter völlig blind, wenn zum Beispiel durch Bäume fallendes Sonnenlicht den Asphalt zu einem gesprenkelten Licht-Schatten-Schachbrett macht. Dazwischen erkenne ich wieder schemenhaft, dass Passanten mir entgegen kommen. Oft sehe ich das Bäckerschild, das drei Brezeln zum Preis von zweien anpreist, ab und zu bemerke ich es erst, wenn meine Hüfte daran hängen bleibt.

So sehe ich als Lisa. Und als Lizzi?

Ha! am PC kann ich immer auf meine zehn Prozent zugreifen – und mehr! Ich stelle mir meinen Monitor sehr dunkel ein, damit er mich nicht blendet. Meine Brille schärft die vergrößerte Schrift, die sich leuchtend grün von schwarzem Hintergrund abhebt. Das Design meines Windows-Computers heißt „Kontrast Nr. 2“ – helle Elemente auf dunklem Grund.

Grüne Schrift auf schwarzem Hintergrund.

Mit Tastenkombinationen zoome ich mir problemlos heran, was mir einen Ticken zu klein ist. Wenn in Google-Chrome etwas nicht leserlich für mich dargestellt ist – zum Beispiel, wenn Webdesigner meinen, eine blassgraue Schrift auf Weiß wäre total schick – kopiere ich mir entweder den Text in Word, wo er zu meinen Bedingungen erscheint oder ich kehre einfach die Farben um. Kommt aber selten vor, denn das meiste geht ganz ohne Tricks. Und zur Not könnte ich es mir per Sprachausgabe vorlesen lassen.

Und das Schönste für mich: als Frau des geschriebenen Wortes lasse ich meine Gedanken, Gefühle und Ideen über meine Finger blitzschnell und geschmeidig in die Tastatur fließen und lese, was ich sekundenbruchteile zuvor im Kopf hatte auf dem Bildschirm vor mir. Mühevolles Entziffern von Kuliaufschrieben? Unnötig! Besonders groß schreiben mit fettem Filzstift? Irrelevant! Mühevolles Formulieren? Ach was! Ich habe mit elf Jahren das 10-Finger-System gelernt und schreibe selbstverständlich entsprechend schnell, sicher und ohne auf Hände oder Bildschirm blicken zu müssen.

Technik macht mein Leben jeden Tag ein bisschen besser

Eine wundervolle Blogparade von „Anders und doch gleich“ heißt „Wie Technik mein Leben verändert“. Und wie verändert sie meins?

Sie gibt mir Flügel! Lässt mich als Lizzi barrierefrei leben, teilhaben an der Onlinewelt, löst, was unterdrückt ist. Sie öffnet mir Tür und Tor zu meinem Innersten, das ungehindert von äußerlichen Bedingungen sein kann! Online gibt es kein Wollen, aber nicht Können!

Darum bin ich eine absolute Freundin der Digitalisierung. Wo andere sich fürchten vor der Veränderung, der Datensicherheit und Transparenz, da feiere ich diese wunderbare Möglichkeit, diese neue Ebene, auf der ich sein darf, wie ich bin.

Angst vor Technik? Im Gegenteil. Kennst du die Borg aus Star Trek? Ich warte nur auf den Tag, an dem ich wie Seven-of-Nine Borgimplantate haben darf, die mein physischen Unzulänglichkeiten kompensieren! Oder ich lasse mir einen Dataport wie Seamus Harper in Andromeda implantieren… Vielleicht wird das aber gar nicht mehr nötig sein, weil wir irgendwann alle avatarisiert werden? Super, bin dabei! Lad mich rauf, Scotty!

Zwischen Sci-Fi und Realität

Technik ist natürlich nicht nur die Digitalisierung bzw. die Verlagerung unseres Alltags in eine neue Dimension. Dazu gehören tolle Hilfsmittel wie mein Smartphone, das für mich Lupe und Lupenbrille, Monokular, Farblesegerät und vieles mehr ersetzt. Wozu am Bahnhof mit dem kleinen Fernglas den Fahrplan fixieren, womöglich mit von verspätungsbedingten Rennen zitternden Händen? Mein iPhone verrät mir, welche Überraschungen die Deutsche Bahn mal wieder für mich bereithält – gut leserlich zu meinen Bedingungen.

Lizzi schaut auf ihr iPhone

Siri sagt mir, wie das Wetter ist und per Kamerafoto kann ich mir die neue Speisekarte in meinem Lieblingsrestaurant heranzoomen – naja, falls ich sie nicht sowieso schon von zu Hause aus über die Website studiert habe.

Das furchtbar stressige Einkaufen mache ich natürlich meistens am PC. Klar, für Kleinigkeiten gehe ich liebend gerne in den dm-Drogerie Markt um die Ecke oder hole mir ne saftige Wassermelone bei Rewe. Aber wenn ich viel oder Spezielles brauche, bemühe ich den Lieferservice, den viele Supermärkte, Drogerien, Bekleidungshäuser und andere Anbieter mittlerweile haben.

Da schreit jetzt vielleicht der ein oder andere auf, weil man ja den Einzelhandel unterstützen soll und die ganze Verpackung! Ja, die Kartons nerven wirklich – aber was ich noch viel lästiger finde?

Kleines Beispiel: Lisa möchte einen Zimmerbrunnen kaufen. Das heißt bei gleißendem Sonnenlicht über die Stuttgarter Königstraße wandeln, die Fußgänger, die gerne auf ihre Displays starren oder einfach keine Lust haben auszuweichen, umschiffen und dann mit etwas Glück und gutem Gedächtnis (oder Siris Navigationstalent) das Dekogeschäft „Depot“ finden. Puh, geschafft, erste Schweißperlen auf der Stirn.

Ist diese Hürde genommen, wäre da noch die Kleinigkeit, das entsprechende Produkt zu finden. Naheliegend: ich spreche einfach einen Verkäufer an. Dummerweise haben diese keinen riesigen leuchtenden Pfeil über dem Kopf, wie man es aus manchen Videospielen kennt, sondern man muss sie zwischen Regalen, Aufstellern und Auslagen selbst finden. Oder man geht zur Kasse – die lässt sich durch das Piepsen der Registrierkasse einigermaßen gut orten. Doof nur, dass gerade Vormittag und nichts los ist. Gut, so ein Laden ist ja meistens nicht überdimensional, man kann alles ablaufen, aber das kostet Zeit und Konzentration.

Ah, mit etwas Glück werde ich dann doch durch meine kennzeichnenden Armbinden angesprochen und man bietet mir Unterstützung an. Ein Stockwerk höher, am hinteren Ende des fünften Ganges von links stehe ich endlich vor den 28 verschiedenen Zimmerbrunnen. Um die Produkte perfekt auszuleuchten, sind besonders helle Lampen darüber angebracht, sodass ich mit zusammengekniffen Augen und tastenden Fingern das Objekt mehr erahne als wahrnehme.

Was auf der Verpackung steht, vergessen wir lieber gleich. Das kann ich dann zu Hause lesen – oder mit dem Handy abfotografieren… alles sehr lästig. Mittlerweile habe ich Kopfschmerzen von Licht und Anstrengung und eigentlich ist mir der doofe Zimmerbrunnen langsam auch egal! Ach, ich nehme einfach den da, hab jetzt keine Geduld mehr. Verpackung unter den Arm klemmen, aus den Labyrinthgängen an einem gewaltigen Strandkorb vorbei zurück ins Erdgeschoss und zur Kasse… wo ist die jetz eigentlich?

Ich folge der Logik Richtung Ausgang und erspähe den Kassentisch. Beim Bezahlen mit Karte wird mir ein knittriger Kassenzettel zum Unterschreiben vorgelegt – was meine Hand da mit dem Kuli kritzelt, ist alles andere als mein Name, wie ich durch die dampfbeschlagenen Gläser meiner Sonnenbrille erkenne – aber egal.

Nächstes Mal bestelle ich einfach online meinen Zimmerbrunnen, nachdem ich ihn mir in Ruhe im Youtube-Video und auf den Produktbildern angeschaut habe. Über die technischen Daten bin ich selbstverständlich auch informiert, dafür gibt es schließlich Produktblätter.

Je mehr mein Alltag online stattfindet, umso weniger Barrieren habe ich zu überwinden

Dazu gehören kleine und große Dinge. Weißt du, wie ich mich damals in Heidelberg zum Studieren noch ohne Smartphone zurechtgefunden habe? Ich habe meinen Weg auf Google Maps auswendig gelernt – jede Straße, die zu überqueren war, jede Abbiegung – alles! Wenn das Gedächtnis oder die Zeit nicht reichte, rief ich meine Mutter in Stuttgart an, die sich selbst an den PC setzte und mich aus der Ferne dirigierte. Für diese Zeit war das eine super Lösung.

Heute navigiert mich Siri lässig von a nach b und wenn ich mit meiner Mama telefoniere, dann um zu reden und nicht als Navigationsdienst. Wobei wir bei diesen „gemeinsamen“ Ausflügen durchaus Lachflashs und sehr amüsante Momente hatten…

Smartphones her für Handicapper!

Wie wunderbar wäre es, wenn die Krankenkasse mir statt einer teuren elektronischen Lupe ein iPhone oder iPad bezahlen würde? Neuer PC nötig? Klar, hier ist die Bewilligung!

Ähm, nein. Das ist leider nicht die Realität. Alles Mögliche kann ich beantragen, das mir ein kleines bisschen hilft. Die Dinge, die mich im Leben wirklich weiterbringen, die ECHTE HILFSMITTEL sind, muss ich selbst bezahlen. Schade! Das ist ein gewaltiges Manko an unserem System. Ich hoffe inständig, dass sich da in näherer Zukunft etwas tut und wir mehr Dinge bekommen, die wir wirklich brauchen anstatt nur dem, was im Hilfsmittelkatalog festgehalten ist.

Etwas Cyber-Geschichte zum Schluss – meine Geschichte!

Ich habe viele Veränderungen erlebt, obwohl ich im Grunde schon in die aufkommende Digitalisierung hineingeboren wurde.

Lizzi als Kind mit Telefonhörer am Ohr

Als kleines Mädchen studierte ich mit meiner Handlupe die sogenannte Fernsehzeitung, als Jugendliche holte ich mir meine Infos aus dem Teletext und als Erwachsene hat Netflix meinen Fernsehanschluss ersetzt.

In meiner Kindheit hatte man kein Tablet, man rief sich noch ohne Flatrate mit einem Festnetztelefon an – und das hatte ein Kabel zwischen der Station und dem Hörer. Später kam dann das erste Schnurlose und als Teenager besuchte ich das Internet, nachdem unser Router minutenlang ein äußerst bizarres Rausch-Pieps-Klick-Krach-Geräusch gemacht hatte. Die Onlinezeit war beschränkt, da surfen nicht gerade günstig war.

Pure Freude also, als gegen Ende meiner Schulzeit die Surfflat Standard wurde und ich unbegrenzt online abhängen, recherchieren, spielen und frei sein konnte. Erste Profile wurden erstellt (natürlich auf den Namen „Lizzi“), ich probierte dubiose Flirtseiten aus, Blinddates, spiele FarmVille, begann Facebook zu verstehen und lernte, wie man googelt. Hausaufgaben, Aufsätze, Referate, Hausarbeiten – alles schrieb ich per Tastendruck!

Mein erstes Handy hatte ich bereits in der fünften Klasse bekommen, weil ich auf einem Schulausflug von meiner Lehrerin vergessen wurde – großes Drama, wie du dir vorstellen kannst – mein erstes Smartphone schenkten mir meine Großeltern, als ich zum Studieren in Heidelberg lebte. Das ständige Bahnchaos durch Verspätungen, Ausfälle, Gleisverlegungen und mangelnde Durchsagen war der Auslöser, weil ich mir einen mitnehmbaren Fahr- und Informationsplan wünschte.

Lisa digitalisiert zu Lizzi

Meine Verbindung zum Digitalen wurde so innig, dass ich nach einigen Praktika meinen Beruf schließlich danach auswählte – Online-Redakteurin. Jetzt schreibe ich SEO-optimierte, nutzerfreundliche Texte für Webseiten, beschaffe und pflege Content in selbstgebastelten Backends, in TYPO3 und WordPress, betreue drei Blogs – unter anderem meinen eigenen – und bringe mir durch eine Mischung aus Anleitung und Ausprobieren Neues bei.

Lizzi am PC

Die Bilder für Lizzis Welt mache ich ausschließlich selbst und bearbeite sie entsprechend. Ich mache Community-Management auf verschiedenen Social Media-Kanälen, unterstütze bereits den dritten Website-Relaunch und freue mich über ein wenig Kenntnisse in Html-Code. Und sooo vieles mehr!

Wenn ich so zurückblicke, ist es kein Wunder, dass ich geworden bin, was ich bin – sowohl Online-Redakteurin als auch Bloggerin, obwohl ich diesen Weg gar nicht so klar vor mir sah, als ich ihn ging. Aber wie sollte es anders sein? Jedes Mal, wenn ein bisschen aus Lisas Alltag durch Technik erleichtert, jedes Mal, wenn eine Grenze durchbrochen und eine Barriere eingerissen wird, wird etwas mehr Lizzi draus.

Ich bin so gespannt, was die Zukunft für uns bereithalten wird und freue mich über jedes Stückchen Technik, dass meinen sehbehinderten Alltag etwas einfacher gestaltet, jeden neuen Service, der meine Lizzi-Seite wachsen lässt und jede Brücke, die zwischen offline und online geschlagen wird!

Was sagst du zur Digitalisierung? Wie beeinflusst sie dich? Welche Technik möchtest du nicht mehr missen? Macht dir etwas Angst daran? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar – ich freue mich, von dir zu lesen!


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2 Kommentare zu „Wie Technik mein Leben bereichert – online bin ich nicht sehbehindert!

  1. Hallo liebe Lizzi – Lisa, toll beschrieben, die Diskrepanz zwischen dem digitalen, freien Online-Lizzi-ich und dem nicht-online Lisa-Ich. Ich bin so froh über diese technischen Entwicklungen. Ein Leben vor 50 Jahren, wie anders muss das gewesen sein. Es berührt mich von deinen zwei „Ichs“ zu lesen, weil ich merke: Ich kenne Lizzi, die freie, die alles kann im Netz, da richtig was drauf hat, fröhlich und unbeschwert. Dahinter verbirgt sich fast die Lebensleistung von Lisa. Verstehst du, was ich meine? Grüße aus Nimwegen, Anne

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