Gestern Abend war ich im Fitnessstudio. Nach einem ausgedehnten Training meldete ich mich spontan für den Yoga-Kurs heute morgen an. Ich stand früh auf, ging mit Harry Gassi, gönnte mir ein leckeres, leichtes Frühstück, zog mich trainingsbereit an und chillte noch etwas auf dem Sofa.

Noch 30 Minuten, bis ich das Haus verlassen sollte. Ich dachte kurz darüber nach, was ich mitnehmen musste: Yoga-Matte, Maske, Langstock, das Armband zum Check-in fürs Fitnessstudio. Gut, jetzt noch ein paar entspannte Schlucke Kaffee und den Rest einer Serie, für den ich am Vorabend zu müde gewesen war.

Noch 15 Minuten. Soll ich wirklich gehen? Irgendetwas in mir blockierte. Ist doch sehr gemütlich so unter der kuscheligen Decke mit dem iPad auf den Knien. Ich fühlte nach. Unsere übliche Yoga-Lehrerin, die mich (und meine Sehbehinderung) mittlerweile gut kennt, würde nachher vertreten werden. Von – einer unbekannten Person. Der Trainer, bei dem ich mich am Vorabend für den Kurs angemeldet hatte, konnte mir allerdings nicht sagen, wer das sein würde. Anderenfalls hätte ich ihn darum gebeten, die Vertretung kurz zu briefen. Sowas wie: „Hey, in deinem Vertretungskurs ist eine fast Blinde. Sie hat ihre Matte in der ersten Reihe und wenn du das Gefühl hast, sie kommt nicht ganz mit, beschreibe die Übungen noch einmal mit anderen Worten oder zeig‘s ihr direkt.“

Noch 10 Minuten. Ein Teil von mir sagt: „Meine Güte, jetzt reiß dich doch zusammen! Es passiert dir nichts Schlimmes. Du gehst einfach rüber ins Gym, in den Yoga-Raum, sagst nett „Guten Morgen“, legst deine Matte hin und es wird schon alles werden. Vielleicht bekommst du die Vertretung ja vorher kurz zu fassen und stellst dich einfach vor!“ Der andere so: „Aber was, wenn der Raum gewechselt wurde? Was, wenn ich die Vertretung nicht erkenne? Wenn es keine Zeit zum Ansprechen gibt? Will ich das vor allen Kursteilnehmenden machen? Die kenne ich ja auch nicht. Fühle ich mich heute stark genug, die Extrawurst zu sein?“

Noch 5 Minuten. Hoch vom Sofa, Yoga-Matte und den Rest einpacken, Schuhe anziehen, Türklinke in die Hand nehmen. Neben mir ein erwartungsvoll dreinschauender Hund, der am liebsten mitwollte. Das kühle Metall unter meinen Fingern. Ich ging im Kopf kurz durch, ob ich etwas vergessen hatte. Nein, die „gute“, sportgeeignete Sonnenbrille saß auf meiner Nase, das Haargummi war griffbereit an meinem Handgelenk platziert. Ein kleiner gelber Button mit drei schwarzen Punkten magnetisch an meinem Oberteil fixiert. Tief einatmen. Tief ausatmen. Eine Entscheidung treffen.

Bleiben oder gehen?

Diese Situationen voller Zweifel und Blockaden begleiten mich durch meinen Alltag. Der Kopf geht voraus, stolpert über Barrieren, mögliche Hindernisse. Die meisten aus der Erfahrung generiert und nun katastrophierend aneinander gereiht. Das Herz klopft und ein tiefes, sehnsüchtiges Gefühl nach Sicherheit, Geborgenheit und Verständnis macht sich beinahe schmerzhaft in mir bemerkbar. Gäbe es doch nur diese Herausforderungen nicht. Würden mich die Menschen doch nur verstehen, mit einem Blick, Satz oder Zeichen meine Seheinschränkung verstehen und mich normal behandeln, mich sein lassen.

Aber das geht nicht, wird nie gehen. Nie wird jemand, der nicht auf meinen Pfaden durch die Zwischenwelt wandelt, sie wirklich verstehen können. Selbst, wenn er sich mit Gedanken und Emotionen mit aller Macht und Weite darin hineinversetzt, er wird es nie ganz schaffen. So, wie ich keinen vollständigen Zugang zu anderen Welten habe, auch wenn ich sie als Besucherin durch mein intensives Gefühlserleben und Vorstellungsvermögen durchstreife.

Wir alle sind Gäste in der Individualität und Lebenswirklichkeit von anderen. Beeindruckend, dass Menschen überhaupt dazu in der Lage sind, sich so weitreichend in andere hineinzuversetzen. Möglich, dass es daran liegt, dass wir alle dieselben Gefühle haben. Mehr oder weniger ausgeprägt und in unterschiedlichen Kombinationen. Und doch vereinen sie uns. Machen Erlebtes teilbar. Schaffen Verbindung und Verständnis.

Nun sitze ich hier, schreibe diese Zeilen. Ich fühle die intensive Yoga-Stunde, die ich letztendlich besucht habe, nachwirken und bin mir sehr dankbar, dass ich am Ende gesprungen bin. Mir vertraut habe und loslassen konnte – die Zweifel, die Angst, die Ungewissheit. Ich habe mich entschlossen, die Türklinke herunterzudrücken. Als ich die Tür hinter mir ins Schloss fallen hörte, ging ich automatisch aus dem Haus, rüber ins Studio, in den Yoga-Raum und kam auf meiner Matte zum Sitzen. Kam an.

Es gibt Tage, an denen ich die Türklinke loslasse, die Schuhe ausziehe und in der Wohnung bleibe. Es gibt Tage, an denen ich nicht zum Bäcker gehe, weil es mich zu viel Überwindung kostet, weil eine unüberwindliche Blockade sich in mir auftürmt. Es gibt Tage, da sage ich Verabredungen ab, weil ich es nicht über mich bringen kann, mein sicheres Zuhause zu verlassen, wo mir alles vertraut ist, wo ich mit mir alleine sein darf, wo ich das Gefühl von Kontrolle habe. Wo ich bedingungslos ICH SEIN darf.

Lizzi in einer schmalen Gasse in Venedig.

Balance statt Kraftakt

Ich fürchte, solche Tage wird es immer geben. Genau wie jene, an denen ich mich für das Loslassen, das Tun, das Vertrauen entscheide. Früher habe ich eher in schwachen und starken Tagen gedacht. Heute sehe ich es als Balanceakt. Ich begebe mich auf den schmalen Grat zwischen Bleiben und Gehen, zwischen Nachgeben und Durchziehen, zwischen Rückzug und Öffnen. Wenn ich spüre, dass mir nur ein kleiner Schubs fehlt, um das zu tun, was ich möchte, gebe ich mir diesen, doch ich forciere nichts. Meine Welt dreht sich weiter, wenn ich einen Yoga-Termin sausen lasse. Doch damit es „meine“ Welt bleibt, braucht es auch den nötigen Biss, sodass es kein völliges Aufgeben des gesamten Yoga-Kurses wird. Keine Extreme, sondern die Spannung aushalten.

Ich stelle mich täglich meinen inneren Blockaden, versuche sie abzubauen und selbst in Balance zu bleiben. Einerseits fokussiert auf das, was ich tun möchte und woran sie mich hindern. Andererseits sensibel dafür, was sie mir mitteilen. Es ist ein Beobachten, Reinspüren, Abwägen, Balancieren und Entscheiden. Und das immer und immer wieder. Je häufiger es mir gelingt, diese Hindernisse zu überwinden, desto mehr fühle ich mich harmonisiert, ausgeglichen und wohl mit mir.

Gute Geister gegen innere Blockaden

Das gelingt mir in letzter Zeit relativ oft. Der Unterschied zu früher: ich versuche es nicht mehr mit hohem Energieaufwand. Nicht mehr um jeden Preis. Nicht mehr Wille über alles. Vielmehr gehe ich es ruhig an, nehme mir selbst die Angst, suche Halt in Dingen, die Bestand haben. Habe Auswege im Kopf, eine Hintertür, falls mich das Vorhaben in der Praxis doch zu sehr belastet. Schon alleine die selbsterteilte Erlaubnis, gehen und sich im Fall der Fälle herausnehmen zu dürfen, macht es so unsagbar viel leichter.

Erst sind es Gedanken wie: „Wenn dich der sonnige Weg zu sehr anstrengt, darfst du einfach umdrehen und nach Hause zurück gehen.“ Dann sowas wie: „Wenn du der Yoga-Vertretung nicht folgen kannst, musst du nicht perfekt sein. Du musst nicht mithalten. Du darfst die Übungen so machen, wie du kannst, auch wenn es anders ist, als bei anderen Kursteilnehmenden.“ Ganz oft auch: „Selbst wenn es richtig blöd wird, die Zeit ist auf deiner Seite. Es bleibt trotzdem nur eine Stunde, die genau nach 60 Minuten endet.“ Oder: „Wenn etwas schiefläuft, hast du trotzdem dein liebes Goldbärchen, das dich schwanzwedelnd und freudig zu Hause erwartet. Du hast deinen Partner und deine Familie, die dich lieben. Deine Freunde, denen du am Herzen liegst.“

Diese und andere Gedanken sind meine selbstbeschworenen guten Geister, die mich wie Lichtgestalten durch blockierte Wege führen, die mich vor verzehrender Dunkelheit schützen und scharfe Kanten weich machen. Sie spenden Trost, schenken Gelassenheit, schaffen Erleichterung. Sie sind die Kraft und Wirkung meiner zutiefst positiven, reflektierten, ehrlichen Gedanken, meiner Liebe und meines Vertrauens.

Hast du auch Blockaden, die dich begleiten? Die dich beeinflussen? Und wie gehst du damit um? Wenn du möchtest, schreibe es gerne in die Kommentare!

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