Lizzi etwas kritisch

Seit einem Jahr freiwillig abgestempelt – mein Leben mit Handicap #2

Seit genau einem Jahr kennzeichne ich mich als hochgradig sehbehindert. Damit nehme ich den Richtern des Alltags, meinen Mitmenschen, ihr heißgeliebtes Stempelkissen weg und drücke mir selbst eine fette Markierung auf die Stirn. Das hat positive und negative Effekte, es schützt mich vor früherer Aggression, beraubt mich meiner Individualität, hilft und schadet mir und verändert mein Leben – und zwar so:

Nahaufnahme von Lizzi in Grau

Das graue Grauen – mein Leben mit Handicap #1

Hilfe, ich bin ein Opfer des grauen Grauens, gefangen im Zwielicht, alleingelassen in der Schattenwelt. Ich irre nicht blind und nicht sehend durch eine Welt, die ungerührt meine lautlosen Hilferufe ignoriert, mich ausschließt und mir andauernd die Türe vor der Nase zuknallt. Willkommen im grauen Grauen, dort wo alle landen, an denen Etiketten nicht kleben bleiben und die nicht bequem in die Schublade passen. Es ist eine harte Wahrheit – traust du dich, sie zu erfahren?

Dem Licht entgegen

Menschen suchen Abkürzungen – Behinderte graben sich mit Löffeln einen Felstunnel

Schöne Ideen sind schnell geboren, müssen aber häufig von gehandicapten Menschen ebenso schnell wieder begraben werden. Wo gut Sehende nach Vereinfachung und Abkürzung suchen, kämpfen Menschen mit Behinderung oft darum, überhaupt einen Weg zu finden, um an ihr Ziel zu kommen. Wie das ist und warum ein Saunabesuch ein hochkomplexes Unterfangen ist, erfährst du hier...

Arme ausgebreitet

Zerrissen im Sturm aus Wollen und Können

Hier und jetzt möchte ich das oft Vergessene, Verkannte, Unausgesprochene hinter den Kulissen hervorzerren. Komm ins Rampenlicht, Schmerz! Komm auf die Bühne Wut! Das ist dein Scheinwerfer, Verzweiflung! Nur, weil man stark scheinen möchte, weil man seine Behinderung im Griff haben möchte, heißt das nicht, dass ich mich nicht damit dauernd schrecklich fühle. Das ist die Wahrheit und sie tut weh!

Regenschirmhimmel

Diese Redewendung ist behindert!

„Mist, die S-Bahn fällt schon wieder aus. Das ist doch behindert“, ein Satz, den man so oder in ähnlichen Formen nicht selten hört. Dies ist behindert, das ist behindert, alles behindert – oder? NEIN, eben nicht! ICH bin behindert, denn ich habe eine hochgradige Sehbehinderung und ich kann dir sagen, das ist kein Zuckerschlecken! Und … Diese Redewendung ist behindert! weiterlesen

Blumenwiese mit herzförmiger Handhaltung

Wenn Grau die Welt lebendig macht…

Der Himmel ist stahlgrau, kein Sonnenstrahl schafft es durch die undurchdringliche Wolkendecke. Es ist einer dieser ewigdüsteren Herbsttage, den die meisten Menschen „furchtbar“ nennen und das warme Heim nicht verlassen möchten. Darum gehören die Straßen heute ganz mir. Meine Welt steht Kopf Was die einen als Tristesse und unzumutbar empfinden, zaubert ein Lächeln auf mein … Wenn Grau die Welt lebendig macht… weiterlesen

Ein Herz und eine Seele

Menschen helfen Menschen

Manchmal bin ich regelrecht starr vor entsetzter Faszination, wie fortschrittlich und rückständig unsere moderne Welt zeitgleich sein kann… die Menschheit fliegt zum Mond, heilt Krankheiten, taucht bis in unendliche Tiefen, transferiert das analoge Leben auf die digitale Ebene und doch ist die Inklusion von gehandicapten Menschen größtenteils noch in Kinderschuhen unterwegs. Und das meine ich nicht (nur) auf öffentlicher Ebene, sondern in der Gesellschaft an sich. Andauernd begegnen mir Ignoranz, Unwissenheit, Desinteresse und hilfloses Stillstehen. Die einen interessiert es nicht, dass es auch Menschen mit Behinderung gibt, solange in ihrem Leben alles glatt läuft, andere sind nicht aufgeklärt, viele wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen und einige wenige wollen gerne helfen, trauen sich aber nicht.

Schwarz-Weiß-Bild einer blondgelockten Frau

SCHWARZ – unsichtbares Feuer

Süß, wie manche Menschen ganz unbewusst die Kleine mit der Sehbehinderung nicht ernstnehmen und von oben herab behandeln. Einige untergraben mein Wissen - hätte ich geahnt, dass sie alles besser wissen als ich, hätte ich mir mein Studium mal sparen und fünf Jahre in Heidelberg durchfeiern können. Andere meinen, sie müssten mich bevormunden, für mich sprechen oder lauter reden, damit ich es begreife... Es ist immerhin allgemein bekannt, dass visuelle Einschränkungen sich besonders auf die Ohren und den Verstand auswirken. Ja, sie halten sich für überlegen, weil ich für scheinbar simple Dinge oft Hilfe brauche, weil für

Offenes Auge

Das tägliche Halloween

Ich lebe in einer Welt, die von eigenartigen Wesen bevölkert wird. Jeden Tag umgeben sie mich, wohin ich auch gehe. Auf dem Weg ins Büro, beim Spazierengehen in der Pause, bei Kinobesuchen, im Supermarkt… IMMER! ÜBERALL! Nur nicht zu Hause, da bin ich vor ihnen sicher. Dort können sie mich nicht beobachten, sie, die unsichtbare Gesichter haben und identitätslos sind. Ja, oft richten sie ihre neugierigen, verurteilenden, drohenden, gierigen, verachtenden, wohlwollenden, freundlichen oder abschätzenden Blicke auf mich… Blicke, die ich nur spüren, nicht aber erkennen kann. Sie sind der Grund, weshalb ich mich häufig gefangen fühle und etwas verfolgt. Gefangen in mir, verfolgt von gesichtslosen Individuen, die alles und nichts von mir wollen.

Schloss Heidelberg

Reise in ein früheres Leben

Wir haben den Philosophenweg beschritten und die Erkenntnisse könnten nicht intensiver sein. Wir haben den Neckar überblickt, überquert und bereist und alles Gute von früher floss in das Hier und Jetzt. Wir haben das Schloss brennen gesehen, das Feuerwerk explodieren und strahlen und das Leuchtfeuer des Verstehens auf uns scheinen lassen. Wir sind über Brücken gegangen und haben Verbindungen im Leben geschaffen.