Geschafft!

Ich halte sie in Händen, die Bewilligung für meinen Blindenführhund. Ein einfaches Blatt Papier, das die Welt bedeutet. Ein paar bürokratische Zeilen, die mein Leben für immer verändern. Obwohl ich das glatte Material unter meinen Fingern spüre, die Worte lese, einen Hauch Tintenduft rieche, kann ich es nicht fassen. Diese große, gewaltige Wahrheit übersteigt meine emotionale Kapazität. Glück, Verwirrung, Zweifel, Überraschung, Triumpf und Angst steigen in mir auf, wirbeln mir durch Kopf und Herz, laufen über, rollen mir als Tränen die Wangen hinunter, während ich abwechselnd lache und schluchze. Minutenlang. Hemmungslos.

Dieses einfache Schreiben ist Anfang und Ende. Es ist die Ziellinie eines über dreijährigen, harten, steinigen, kräftezehrenden Weges und der Start für ein unabhängigeres, selbstbestimmteres Leben für mich. Darf ich das glauben? Wird mein Wunsch wirklich real?

Immer und immer wieder lese ich den Text, Satz für Satz, lasse seine Bedeutung auf mich wirken. Suche den Fehler, den Haken. Finde keinen. Alle Zweifel ausgeschlossen.

Es ist echt, es passiert.

Wie viele unbedeutende Notizzettel, Werbeschreiben oder Zeitungen habe ich in meinem Leben schon weggeworfen? Und wie mächtig, wie wertvoll ist dieser papierne Schatz zwischen meinen Fingern jetzt? Ein wahrgewordener Traum, schwarz auf weiß.

Ganz langsam sickert es in mein Bewusstsein: Ich bekomme einen Blindenführhund!

Mehr als das

Doch es ist nicht nur die Aussicht auf einen vierbeinigen Begleiter, die mich zutiefst bewegt, mir Gänsehaut über Arme und Rücken jagt. Diese Nachricht bedeutet viel mehr für mich.

Ich stehe auf dem Gipfel eines steilen Berges und blicke zurück. Mit etwas Abstand auf die einzelnen Etappen, erfasse die gewaltige Strecke, die ich zurückgelegt habe, jedes Detail meiner dreijährigen Reise. Kann den Start nur noch vage erkennen. Ich bin längst nicht mehr die Person, die damals aufbrach.

Dieser Kampf, dieser beinharte, aufzehrende Kampf hat mein Leben verändert, hat mich verändert, ist in mein Dasein, in meine Gedanken, in meine Welt bis auf den Grund eingedrungen, hat Starres gelockert, Hartes verbogen und Neues verknüpft. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Von der Entstehungssekunde der wunderbaren Idee eines Führhundes bis hin zu diesem Moment, da aus einem Gedanken ein greifbares JA wird, ist in mir so viel passiert.

Reiseeindrücke

Damals trat ich die Reise an als Sehende, die mit gigantischem Kraftaufwand ihr Leben mit Handicap lebte. Ich kompensierte und versteckte, löste und schaffte. Alles ohne Kennzeichnung, alles ohne Stock, alles ohne Verständnis. Alle Verantwortung lag bei mir. Meine Behinderung hatte keinen Raum und ich brannte langsam aus.

Die Auseinandersetzung mit dem Blindenführhund kippte alles ins andere Extrem. Ich wurde vorübergehend vollzeitblind: ich suchte Kontakt zu anderen Sehbehinderten, tauschte mich aus, genoss das Gefühl, mit meinen Problemen nicht allein zu sein. Und erkannte doch schnell: das ist für mich nicht das Wahre. Mein Handicap ist kein Hobby und ich möchte mich mit niemandem anfreunden, weil er auch behindert ist. Ich möchte Freunde, die auf meiner Wellenlänge sind, ob mit oder ohne Handicap. Meine Lektion: nicht alle Blonden verstehen sich, nicht alle Informatiker, nicht alle Hundebesitzer. Wieso sollte es unter Blinden ebenso sein?

Ich kaufte mir auch Blindenbinden, machte Langstock- und Mobitraining und genoss, wie die Kennzeichnung mehr Akzeptanz in meinen Mitmenschen weckte, wie ich durch sie Verantwortung abgeben konnte. Und gleichzeitig litt ich unter dem Individualitätsverlust, unter dem fetten Behindertenstempel, den ich erstmals in meinem Leben für alle sichtbar trug.

Plötzlich war ich die Blinde, die Behinderte. Aber ich war doch auch immer noch Lizzi, die lebenslustige Abenteurerin, Philosophin, Online-Redakteurin, Bloggerin… ein Ich, das nach und nach unter der Behinderung begraben wurde. Nun hatte sie zu viel Raum und ich erstickte langsam.

Drei Jahre lang kämpfte ich für meinen Blindenführhund mit Ärzten, Pessimisten, Unwissenden, dem MDK und der Krankenkasse, während auch in meinem Inneren ein Sturm tobte. Individualität und Handicap lieferten sich ein Duell der Extraklasse, wüteten, schliffen, schlugen wie tobende Götter in und an mir und formten unter unvorstellbarem Druck mein neues Ich… eine Lizzi, die sehbehindert und individuell ist, eine Frau, die erkannt hat, dass sie genauso selten wie ihre Augenerkrankung ist. In kaum einer Hinsicht der Norm entsprechend und das ist in Ordnung so. Ich bin nicht wie die meisten Sehenden und ich bin nicht wie die meisten Blinden. Ich bin ich. Ein Einhorn mit Sonnenbrille.

Und während ich innerlich wuchs, wuchs ich auch an meinem äußeren Kampf

Hast du schon einmal einen solchen Kampf gekämpft? Hast du dich mit jeder Faser deines Körpers in die Schlacht gestürzt für etwas, das dir das Leben erleichtert, das du brauchst, das dir zusteht und das dir doch verwehrt wird? Hast du vor Wut gekocht, weil du Lügner und Simulant genannt wurdest? Hast du vor Ungerechtigkeit gebrüllt, vor Hilflosigkeit geweint? Hast du dich kurz vor dem Zerbrechen gefühlt und es doch hinter Ruhe und Logik versteckt, um deinen Lieben nicht wehzutun? Hast du all deinen Mut, all deine Kraft zusammengenommen und alles gegeben, um für dich einzutreten, um dir Recht zu verschaffen?

Ich kann jede dieser Fragen mit Ja beantworten. Und darum halte ich dieses simple Stück Papier in meinen Händen und weine, weil ich weiß, dass ich endlich gewonnen habe. Mit tränennassem Gesicht begreife ich, wie stark ich bin, was ich geleistet habe und ich bin mir von ganzem Herzen dankbar, für alles, was ich für mich getan habe!

Kämpfen lohnt sich!

Ausblick

Okay, das war jetzt eine ganze Menge Emotion, eine krasse Geschichte. Drei Lebensjahre mal kurz heruntergebrochen, zusammengefasst, analysiert. Inneren und äußeren Stürmen getrotzt, Fazit gezogen, triumphiert. Aber wie war das jetzt genau mit dem Hund? Warum hat es so lange gedauert? Was habe ich gelernt? Was ist passiert?

Das verrate ich im nächsten Teil meiner Blogreihe „Mein Weg zum Blindenführhund“.

Eposode I – coming soon!

Hast du schon einmal etwas Ähnliches erlebt? Hast du für dich und deine Sache gekämpft? Erzähle es gerne in den Kommentaren.



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4 Kommentare zu „Mein Weg zum Blindenführhund #1: Prolog – Warum sich kämpfen lohnt!

  1. Was für ein wunderbarer, wahrer, Bewegender d und motivierender Beitrag, liebe Lisa! Ich hatte Gänsehaut beim Lesen. Voll blinde Menschen, wie ich, haben es meines Erachtens wesentlich leichter, ihre Rechte bei den Kostenträgern durchzusetzen. Zwar habe auch ich schon den einen oder anderen Kleinkrieg ausgetragen, dieser dauerte dann aber vielleicht einige Monate, nicht jedoch drei Jahre an.
    Für deinen weiteren Weg zum Blindenführhund und vor allem den Weg mit ihm wünsche ich dir Viel Freude,
    Energie,
    Motivation,
    Gelassenheit und, vor allem, ganz viel Leichtigkeit!
    Liebe Grüße, Melanie

  2. Ja, liebe Lisa, kämpfen lohnt sich. Ich freue mich so für dich! Und du sprichst so wichtige Themen an. Durchhalten einerseits, für etwas kämpfen, was dir wichtig ist, auch. Gewinnen – absolut! Aber noch mehr: Identität. Wer bist du? Wer möchtest du sein? Was will die Welt in dir sehen? Was setzt du dem entgegen? Wie definierst du dich selbst? Und ich erkenne mich auch wieder. Eine Angst, die mich lange davor abhielt, die SEHHELDIN ins Leben zu rufen war genau diese: Was, wenn ich nicht mehr die lebenserfahrene, kluge Anne bin mit jahrzehntelanger Erfahrung als Coach? Was, wenn ich dann nur noch die Anne bin, die irgendwie schlecht sieht? Auch, dass ich jetzt einen etwas anderen Weg damit einschlage hat etwas damit zu tun, dass ich mein volles Potentiial ausschöpfen will. Einerseits, aber auch, dass ich gemerkt habe, wie zentral die Frage nach Identität ist. Danke für deine erfrischende und mutige Offenheit! Und freu dich und sei stolz auf dich, liebe Kämpferin. Anne (aka SEHHELDIN)

  3. Liebe Melanie,
    ich danke dir herzlich für deinen schönen Kommentar und deine Wünsche! Ich denke, sobald man nicht perfekt ins Schema passt, muss man mehr kämpfen, weil man erstmal zu beweisen hat, dass man eben doch Anspruch hat. Dennoch finde ich, weder solche merkwürdigen Grenzfälle wie ich noch Vollblinde sollten so heftig für die nötige Hilfe kämpfen müssen. Wir möchten uns nicht beschweren, aber ein Leben mit Handicap ist doch eigentlich schon Herausforderung genug – da könnten wir doch bitte wenigstens das bekommen, was uns das Leben erleichtert. Träumen darf man ja 😉
    Ich wünsche dir alles Liebe und sende dir sonnige Grüße
    Lizzi

  4. Oh ja , ich kenne alle Gefühle die du hier beschreibst zu gut , ich musste auch lange und sehr hart für meinen Hund kämpfen. Ja und auch das andere kann ich total nachvollziehen , jeder Mensch ist einzigartig und man muss sich nicht zwangsläufig wegen einer Gemeinsamkeit gut verstehen. Liebe Grüsse Anja

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