Lizzi (33), weiblich, sucht: Nein, keinen neuen Mann. Sondern einen neuen Weg. Einen passenden Weg, der sich für mich stimmig anfühlt. Dem ich mit gutem Gefühl folgen kann. Denn ich fühle, dass der alte nun zu Ende geht.

Mehr als drei Viertel meines bisherigen Lebens habe ich als fast Blinde inkognito unter Sehenden verbracht. Regelschule, Studium und Praktika ohne Assistenz, keine Sehbehinderten beim Dating und im Freundeskreis und keinerlei Kennzeichnung – um nur ein paar Schlagwörter zu nennen. Ein Weg, den ich nicht bewusst einschlug, sondern der sich einfach ergab: ich kannte es nicht anders, hatte keine Berührungspunkte zum Blindenwesen. Es funktionierte für mich, ich hatte Freunde, verschiedene Hobbys, einen tollen Hochschulabschluss, ein aktives Partyleben, kam gut bei Vorstellungsgesprächen an. Es fand sich immer eine Lösung, wenn ich nur genug wollte.

Allerdings zu einem hohen Preis, denn wir leben in einer Welt, die für Sehende gemacht ist. Da (unbewusst) mitzuhalten ist anstrengend, erfordert immens viel Kraft, Wille und Durchhaltevermögen. Barrieren bremsen aus. Ein Preis, den ich irgendwann nicht mehr bezahlen wollte, weil das auf Kosten meiner Gesundheit ging. Zu oft fühlte ich mich, insbesondere nach einigen Jahren im Berufsleben, überlastet, erschöpft und verloren. Spannungskopfschmerzen, Stresssymptome, Migräne. Schwermut.

Kehrtwende

Also bog ich eines Tages abrupt ab und probierte etwas anderes: ich streifte mir Blindenbinden über die Arme und sprang ins kalte Wasser. Raus auf die Straße, rein ins Behindertendasein. Zunächst verspürte ich eine gewaltige Erleichterung, denn endlich konnte ich Verantwortung im Straßenverkehr abgeben, musste nicht lange erklären, wenn ich Hilfe brauchte und wurde nicht mehr mehrfach täglich wegen meiner Sonnenbrille angegangen.

Zum ersten Mal setzte ich mich intensiv mit meiner Sehbehinderung auseinander, gab ihr mehr Raum in meinem Dasein und drang tief in die Materie vor: ich trat dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und PRO RETINA bei, nahm den langwierigen Kampf um meinen Blindenführhund und Blindengeld auf, absolvierte ein auffrischendes Orientierungs- und Mobilitätstraining, besuchte ein AURA Hotel sowie die SightCity, lernte andere Blinde und Sehbehinderte kennen und vieles mehr. Das volle Programm.

Es tat sich ein breites Spektrum an Neuerungen, Hilfen und Erfahrungswerten auf. Außerdem hinterfragte und reflektierte ich mich intensiver als je zuvor. Mein Geist lief auf Hochtouren. Ein wichtiges Instrument in dieser Phase war mein Blog, für den ich viele meiner Gefühle und Erlebnisse in Worte fasste, um sie so „laut auszusprechen“ und mit anderen zu teilen. Es bewegte sich viel in mir und ich feilte an meinem Standpunkt, meinen Ansichten: meiner Haltung mir und meiner Sehbehinderung gegenüber, zu Inklusion und Aufklärung, zur Gesellschaft. Und weit darüber hinaus. All diese Gedanken fielen nach meinem Philosophiestudium natürlich auf fruchtbaren Boden. Ein lebhafter, spannungsgeladener, suchender und prägender Lebensabschnitt, der mich ungemein bereichert hat. Ein paar Resultate meines Prozesses findest du in diesem Blogbeitrag.

Sehnsucht nach Ausgleich

Seit einiger Zeit fühle ich jedoch, dass dieses Wegstück ausgedient hat, dass ich mich nach anderen Aussichten sehne und den Pfad gerne verlassen möchte, denn er birgt wie der anstrengende Aufstieg zuvor viele Tücken. Meine Individualität, die ich früher in vollen Zügen ausleben durfte, leidet entsetzlich unter der Kennzeichnung (mittlerweile bin ich von den hässlichen Armbinden zum Langstock übergegangen), dem Behindertenstempel. Dieser veranlasst meine Mitmenschen, mir mit Vorurteilen zu begegnen, mich in Schubladen zu stecken, in die ich nicht passe, die mich einengen und mir den Atem rauben. Es hilft nichts, dass sie das nicht mit Absicht tun. Weh tut es trotzdem. Es geht auch nicht darum, sich über andere zu definieren. Ich weiß ganz genau, wer ich bin, was in mir steckt, was ich kann und will. Das ändert sich nicht durch den Ansturm an Klischees, den Eierlauf um Fettnäpfchen oder die Behandlung als Unmündige. Doch gerade, weil ich so genau weiß, wer ich bin, will ich auch ICH SEIN DÜRFEN! Und indem ich ständig wie eine Hülle auf der „blind“ steht behandelt werde, wird mir das genommen. Das bringt mich in gewisser Weise fast um. Weil mein individuelles Sein verleugnet wird. Ein Gefängnis, dass vielleicht nur diejenigen wirklich begreifen können, die dieselben Mauern von innen kennen. Ein konkretes Beispiel und was das mit mir macht, findest du in diesem Blogartikel.

Doch es ist nicht nur mein Umfeld. Auch in meinen Gedanken stand meine Sehbehinderung (zu) sehr im Zentrum. Für eine Weile war das völlig in Ordnung. Stichwort: Überkompensation. Doch nun sehne ich mich danach, das frühere mit dem heutigen zu verbinden, einen Ausgleich zu schaffen. Ich möchte weder die Inkognito-Sehbehinderte noch die Klischeeblinde sein. Sondern einfach Lizzi mit all meinen Facetten von den schlechten Augen bis zu den weiten Gedanken.

Meine ersten Schritte in diese Richtung

Ich versuche mich nun am situativen Kennzeichnen. Da mein Sehvermögen besonders von den vorherrschenden Lichtverhältnissen abhängt, ändert sich meine Ausgangslage permanent. Das bedeutet: in der Dämmerung, wenn ich meine 5-10 Prozent Restsehvermögen ausschöpfen kann und mich sicher fühle, bleiben Stock und Sonnenbrille zu Hause und ich kennzeichne mich nicht. Das natürlich unter der Prämisse, dass ich Verantwortung für mich und andere im Straßenverkehr übernehme. Als ich das neulich zum ersten Mal seit langem tat, spürte ich einen inneren Widerstand, eine Angst, die sichere Wattehülle „Kennzeichnung“ vergessen zu haben. Beinahe nackt, schutzlos, kam ich mir vor – doch nach einigen Minuten durchströmte mich unbändige Freude, denn hinter dem nervösen Ziehen im Magen spürte ich MICH, ungefiltert. Frei. Eine Leichtigkeit, die mich fast durch die Straßen tanzen ließ.

Wenn ich bei grellem Sonnenschein in fremder Umgebung bin, verlasse ich mich dagegen ganz selbstverständlich auf meinen Langstock, meinen Zauberstab, an dem ich mich festhalten, von dem ich mich leiten lassen kann, der Autos zum Halten bringt, Hindernisse sichtbar macht und Passanten „verschwinden lässt“. Ein tolles Teil, dass ich bei Bedarf mittlerweile gerne nutze. Übrigens ein hartes Stück Arbeit, von dem ich dir hier berichte.

Wenn ich dagegen eine verregnete Straße entlanggehe, packe ich den Zauberstab in die Tasche, denn ich sehe es einfach nicht (mehr) ein, nur für andere diese in diesem Fall unhandliche Kennzeichnung zu nutzen. Regelrecht albern komme ich mir stockpendelnd vor, wenn ich jedes Hindernis vorher sehe, das er mir tastbar macht. Das ist unauthentisch, also nicht mein Ding. Dann muss ich in diesen Momenten eben wieder mit den dummen Sprüchen zu meiner Sonnenbrille leben. Zum Glück habe ich meistens mein dickes Fell dabei.

Es gibt nur eine Art der Kennzeichnung, mit der ich mich voll und ganz identifizieren kann: meinen Blindenführhund Harry. Unser gemeinsames Auftreten fühlt sich gut und richtig an, stark und positiv. Einfach, weil der Fokus mehr auf dem klugen, liebenswerten Hund liegt, der eine so wichtige Aufgabe hat und – seien wir mal ehrlich – ein echter Herzensbrecher ist. Und am Führbügel geht eine (junge?) Frau, die gemessen an ihrem flotten Schritt überaus fit erscheint und überhaupt nicht hilfebedürftig. Ein Image, mit dem ich mich gut anfreunden kann.

Meine Leitgedanken beim situativen Kennzeichnen: bin ich sicher genug, um mich nicht zu kennzeichnen? Welches Ziel habe ich und welches Hilfsmittel bringt mich am besten dorthin? Was passt am besten zu meiner aktuellen Gefühlslage – brauche ich gerade eher Freiheit oder Sicherheit?

Ich möchte die Kennzeichnung zu einem Werkzeug, einem Hilfsmittel machen, sie so für meine Zwecke nutzen und nicht zu einem allesüberdeckenden Tarnumhang, der mich gänzlich darunter verschwinden lässt.

Lizzi und Blindenführhund Harry schauen über eine zerbrochene Mauer hinweg aufs dahinterliegende Meer. Harry trägt seine orangene Kenndecke, Lizzi ist in Schwarz und Pink gekleidet, die goldblonden Locken heben sich deutlich von der dunklen Lederjacke ab. Sie hat einen Arm um Harry gelegt.

Die Aussichten

Nun gilt es, mich einzupendeln, ein Gleichgewicht für mich selbst zu finden und Neues auszuprobieren, über weitere Erfahrungen und deren Wirken zu lernen. Ich bin gespannt, was hinter dieser Weggabelung auf mich wartet.

Welche Wege habt ihr eingeschlagen und welche verlassen? Fühlt ihr euch ausbalanciert? Ich freue mich über Kommentare und wenn ihr diesen Artikel teilt.

10 Kommentare zu „Beziehungsstatus Lizzi und Sehbehinderung: es ist kompliziert

  1. Liebe Lizzi, was für ein wahnsinnig toller und treffender Artikel. Du schaffst es immer wieder die Gefühle und Situationen die Ich selbst durchlebe in Worte zu fassen. Ich hoffe ich kann weiterhin so viel von dir lernen. Hör damit bitte nicht auf – das hat alles ganz starken Vorbildcharakter!!!

  2. Liebe Lizzi, wieder einmal ein wunderbar differenzierter, sensibler und toll formulierter Artikel. Ich lese wirklich immer wieder gern bei dir. In meinen Augen gehört zu deinen vielen „Identitäten“ auf jeden Fall auch die der Autorin. Es ist bereichernd und genussvoll für mich, deine Beiträge zu lesen. Danke dafür! Herzlichen Gruß, Sarah

  3. Hallo Lizzi,
    du hast es geschafft, den Grat zwischen Blindheit und Sehbehinderung auf den Punkt zu bringen – so ging es mir viele Jahre. RP hat irgendwann gesiegt und der Blindenstock ist seit dem mein ständiger Begleiter. In der Übergangsphase bin ich, wenn es ging, ohne Kennzeichnung unterwegs gewesen und wenn es schwierig war, dann mit Blindenstock.
    Gruß aus Wien
    Andreas

  4. Hallo Lizzi, Dein Text war wieder mal zu lang ,beim durchlesen habe ich wieder das obere vergessen grins. Aber es ist immer wieder Interessant zu lesen wie du dein Altag bewältigst. Da müssen sich sehende oft fragen wo was los ist, da meisterst du dein Leben besser , als die über dich den Kopf schütteln und sich fragen, woher weißt sie das.Wünsche Ihen noch viel Spaß und Freude mit Ihem Hund. lieben Gruss aus Burg.

  5. Hallo Günter,

    lieben Dank für deine Rückmeldung! Ich fürchte „kurz“ geht bei solchen Erfahrungsberichten nur schwer bzw. das liegt mir einfach nicht 😉 Kürzlich schrieb mir jemand auf Facebook einen Kommentar, indem sie von „Verarbeiten als Wegbegleiter“ sprach. Das finde ich für mich sehr treffend und da ich mich so ständig reflektiere, komme ich – vermutlich – gut zurecht und sehe meinen Weg sehr klar.

    Herzliche Grüße
    Lizzi & Harry

  6. Hallo Andreas und ganz lieben Dank für deinen Kommentar. Schön, dass du deinen Weg für dich gefunden hast. Das Schöne ist doch, dass es so viele gibt und wenn einer nicht mehr passt, kann man einen anderen gehen.

    Herzliche Grüße aus Stuttgart

  7. Liebe Sarah, ich danke dir herzlich für diese wunderbare Rückmeldung, die mir gerade in diesem Moment ganz besonders guttut! Danke für diese wertvollen Worte und ja, du hast völlig recht: die Autorin ist sogar eine meiner Lieblingsidentitäten. Ich sollte sie wahrlich noch mehr würdigen.
    Herzliche Grüße, Lizzi

  8. DANKE für das wunderbare, bestärkende Feedback! Keine Sorge, ich habe noch viel vor und in mir brodeln viele weitere Gedanken, die als Blogartikel in die Welt hinausgeschrieben werden möchten. Und weißt du, was das Schönste ist? Jedes Mal, wenn ich mich öffne und etwas teile, bekomme ich genauso viel durch Kommentare, Ideen und Impulse von anderen mit. Das ist so bereichernd und ich kann ebenfalls durch die Rückmeldungen dazulernen und meinen Horizont erweitern <3

  9. Liebe Lizzi, du hast deine Suchbewegungen so nachvollziehbar beschrieben. Ich war auch lange inkognito: Mit Visus 1, aber – 23 Dioptrie-Augen, die nur wenige irgendwie bemerkenswert fanden. Aber Visus ist nicht alles: Ich habe erst später begriffen, wie sehr ich gekämpft habe und wie wenig echtes Leben überblieb, wenn ich mich wieder Mal von meinem beruflichen Alltag erholte anstatt zu leben. Es ist so wichtig, dass wir uns sehen, denn der Preis ist sonst hoch. Egal, was die Umgebung sagt oder wie andere das einschätzen mögen. Schachteln mit Begriffen drauf helfen uns nicht weiter.

    Ich glaube übrigens nicht, dass es Überkompensation war, was du beschreibst. Es war eine wichtige Phase für deinen ganz eigenen Weg. Erst, wenn wir uns wirklich sehen, Allem ins Auge schauen, Entscheidungen treffen, wie wir leben möchten und welche Rolle darin unsere Erkrankung spielt, können wir eine Balance finden. Ich glaube, du hast das Einzige getan, was zur Seelen-Heilung beitragen konnte: Dich selbst ernst genommen. Das nenne ich nicht Überkompensation, sondern Klugheit und Mensch-Sein.

    Vermutlich wird das alles immer ein Weg sein, so ist es, das Leben, oder? Wir müssen uns immer wieder verhalten zu dem, was unser Weg bringt. Immer wieder aufs Neue. Und mit neuen Erkenntnissen wieder neue Entschlüsse fassen für uns und unser Leben. Schön, dich als reflektierte Mit-Bloggerin getroffen zu haben. Herzlich, Anne aka SEHHELDIN

  10. Hallo Lizzi .
    Ich habe echt Freude an deinen Texten! Sie sind nicht nur informativ und ich sehe mich in vielen wieder, sondern sie sind künstlerisch einfach sehr wertvoll! Du bist wirklich eine Wortakrobaten mit viel Humor und tiefe .Ich freue mich auch, dass du auch längere Texte schreibst. Ich mache gerade Orientierungstraining, um mich zu entlasten. Ich sehe noch genug um Mülleimer zu sehen oder den Weg.. Ich merke aber, wenn ich schlecht ausgeschlafen bin und einfach von Arnach B kommen will. Dass der Stock einfach zu laut ist und i mich alles nervt. Wenn ich aber mit dem Stock laufe, merke ich schon, das ist für mich entspannter ist. Es gibt aber wirklich Tagen, wo ich einfach inkognito in die Stadt gehen Will. Das geht ja auch gefahrlos, aber ich merke schon dass es anstrengender ist für mich. Ich muss wirklich einen neuen Weg finden, um mit der Situation umzugehen.

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