Gestern feierten WIR unseren ersten Geburtstag, denn genau vor einem Jahr haben mein Blindenführhund Harry und ich uns zum ersten Mal getroffen. Es war ein Blinddate, das Ende meines alten Lebens, der Beginn unserer gemeinsamen Reise. Er kam frisch aus der Führhundeschule, ungestüm, verspielt und eigentlich noch ein Kind. Ich hatte gerade einen über dreijährigen Kampf ums Rezept und die Bewilligung gewonnen, arbeitete massiv an meiner Hundeangst und war schlichtweg überrumpelt, wie schnell alles plötzlich ging.

Am 7. Dezember 2020 stand mein neues Leben vor der Tür

Mir ist, als wäre es gestern gewesen, dass ich die Türe öffnete und ein großes, helles, aufgeregtes Etwas die Wohnung stürmte – flauschig, schlappohrig, schnüffelnd und wedelnd. Wir lernten uns Stück für Stück kennen, er beobachtete mich und ich ihn. Er folgte mir auf Schritt und Tritt überall hin, vom Bad in die Küche, vom Tisch zum Sofa, ich wurde genaustens unter die Lupe genommen, jedes Kleidungsstück beschnuppert. Dafür entdeckte ich nach und nach sein Wesen – und entdecke es noch immer. Erst traute ich mich nur, ihn am Rücken oder Kopf zu streicheln. Am ersten Abend lag er dann auf dem Rücken und ich konnte seinen Bauch kraulen. Tags darauf auch die Ohren, irgendwann erfühlte ich ausführlich seine Pfoten, die Rippen und den Herzschlag, spürte ihn atmen.

Heute schläft er eng an mich gekuschelt, beim Spielen lasse ich ihn in meine Hände und Arme beißen, während wir uns ausgelassen anknurren. Ohren-, Augen- und Pfotenputzen ist eine Selbstverständlichkeit. Vor einem Jahr noch Zukunftsmusik, heute die Lieblingsplatte.

Jetzt, wo ich auf unsere Anfänge zurückschaue, erkenne ich, wie viel wir zusammen gelernt haben – übereinander und miteinander. Ich kann Harry gut einschätzen, wann er wie reagiert und warum. Kenne seine Haltung, wenn er Bekannte sieht oder wenn er etwas (aus)gefressen hat. Weiß, wann es ihm nicht gut geht. Wie sein Bellen beim Spielen oder im Ernstfall klingt. Und er kennt mich auch, meine Körpersprache, mein Verhalten, meine Gewohnheiten. Er biegt richtig ab, während ich gerade daran denke, wo ich hin will, bringt mich zielstrebig zur Bushaltestelle, wenn ich den großen Rucksack dabeihabe. Stupst mich, wenn ich ihn rufe, obwohl er neben mir steht und zeigt mir auch in seiner Freizeit Treppenstufen, wenn er merkt, dass ich geblendet bin.

Wir haben uns sowohl gegenseitig kennengelernt, als auch durch- und miteinander weiterentwickelt, sind ein Team geworden, zusammen gewachsen. Ich liebe es, die Verantwortung zu tragen, mich liebevoll, geduldig, ruhig und konsequent um Harry zu kümmern, ihn zu beschützen, Gründe seines Verhaltens in meinem zu suchen, ihm gerecht zu werden, ihm Sicherheit und Geborgenheit zu geben. Dafür führt er mich mit stolz erhobener Rute durch die Straßen, leistet mir Gesellschaft, spendet Trost und bringt mich zum Lachen – einfach, weil er da ist. Anfangs, wenn ich draußen die Leine wechselte, hab ich das ganz schnell getan, weil ich Angst hatte, er würde wie ein heliumgefüllter Ballon wegfliegen, wenn ich ihn nicht festhalte. Heute nehme ich gelassen die Leine ab und spüre, dass wir unsichtbar verbunden bleiben.

Nicht perfekt, aber genau richtig!

Dabei läuft bei Weitem nicht alles perfekt: wir trainieren, stolpern und schaffen, irren uns und lernen dazu. Wir probieren aus, revidieren und meistern Herausforderungen mal strukturiert, mal kreativ – wir finden und gehen unseren Weg. Dieser ist nicht fest, nicht vorgezeichnet, nicht eindeutig, wir gestalten ihn, füllen ihn mit Stationen und Erfolgen, Meilensteinen und Erinnerungen. Zusammen.

Das ein oder andere Abenteuer liegt bereits hinter uns: wir waren beispielsweise Fernwandern durch die Lüneburger Heide, haben Meer und Sand auf Rügen genossen und uns diesen aufdringlichen, salzigen Wellen gestellt, sind einige Tage auf dem Jakobsweg Richtung Freiburg gepilgert und haben wunderschöne Spaziergänge und Erkundungen in und um Heidelberg gemacht. Außerdem wurde Büroluft geschnuppert, eine nicht wiederholungswürdige Vergiftung überstanden (Harry körperlich, ich nervlich) und wir haben tolle neue Bekannte und sogar Freunde gefunden! Und Millionen winzig kleiner Glücksmomente dazwischen erlebt. Kleine Funken, die Verbindung schaffen. Liebe.

Wenn ich diesen Hund mit einem Wort beschreiben müsste, so wäre es „Lebensfreude“. Weil er sie lebt und auslöst. Er ist der Zauber in meinem Leben, das Wärmfläschchen für mein Herz und der felsenfeste Grund, der mich stärker, mutiger und glücklicher macht.

Ich liebe dich, mein Goldbärchen. Für immer.

4 Kommentare zu „Wir feiern Geburtstag – ein Jahr Harry & ich

  1. Oh das war ein schöner Beitrag! Mal wieder wunderschön geschrieben! Hat mich sehr berührt! Freue mich immer, wenn du etwas postest. Ich habe mich von Facebook abgemeldet, deshalb schreibe ich jetzt hier.
    Ich hatte jetzt meine ersten Stunden Mobilitätstraining. Nächste Woche habe ich noch 1 Stunde und dann zwei Monate Winterpause. Mal gucken ob ich nächstes Jahr auch ein Hund beantragen. Viele liebe Grüße aus Freiburg. Yisita

  2. Hallo Yisita,
    schön, dass du hier schreibst! Und ganz lieben Dank für die tolle Rückmeldung.
    Super, dass du Mobilitätstraining machst. Mir hat das auch sehr geholfen, nicht nur wegen dem Langstock, sondern allem, was sonst noch so dazugehört. Cool, erzähl dann mal, ob du einen Hund beantragst und gib Bescheid, falls du Fragen hast 🙂
    Liebe Grüße
    Lizzi

  3. Liebe lLizzi
    danke für die Rückmeldung! Ja ich werde mich melden, wenn es soweit ist! Ich bin ganz glücklich mit meinen Stock- muss ich sagen. Die letzte Woche musste ich mich oft überwinden, aber jetzt geht’s langsam besser. Deine Beiträge haben mir sehr geholfen. Ich wünsche dir noch viele glückliche Jahre mit deinen Harry.
    Liebe Grüße Yisita

  4. Hallo, Lizzi,
    wie schön, dass du Harry so in dein Herz geschlossen hast und er dich so toll unterstützt.
    Ich musste schmunzeln, als ich die E-Mail-Benachrichtigung zu diesem Beitrag bekommen habe. Denn ich habe vor ein paar Monaten einen (fast) blinden Hund adoptiert, der ebenfalls Harry heißt. 🙂

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