Zu mir hat man schon sehr oft gesagt, ich sei zu nett für diese Welt oder auch, dass ich zu freundlich bin. Stimmt. Früher dachte ich, das sei im Grunde etwas Gutes, auch wenn es für mich manchmal zum Nachteil gereichte. Ich bin wirklich gerne nett, habe bereitwillig und ohne Vortäuschung ein offenes Ohr für andere und freue mich ehrlich, wenn ich helfen kann. Das sind Dinge, die ich grundsätzlich auch nicht ändern möchte, auch wenn ich sie mittlerweile dahingehend modifiziert habe, dass ich nur soweit anderen echte Freundlichkeit und Großzügigkeit entgegenbringen werde, wie sie mir selbst nicht schadet.
Im Zuge dessen habe Ich lange darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass Nettigkeit, Höflichkeit und Freundlichkeit keine durchweg guten Eigenschaften sind, jedenfalls dann nicht, wenn sie nicht zur Gänze aufrichtig sind. Das bedeutet jedoch nicht nur anderen gegenüber, sondern auch sich selbst – ganz besonders sich selbst gegenüber. Was ich damit konkret meine? Du wirst es sehen…

Ein kleines Beispiel aus gegebenem Anlass

Jeder kennt es, jeder hat es schon einmal getan und die meisten haben es sicherlich auch schon bereut. Nein, wir reden hier nicht von einem One-Night-Stand – du Schwerenöter, oder was du so denkst – es geht um das Thema Geldleihen.

Es gibt einen guten Grund, warum man Freunde und Finanzen IMMER trennen sollte. Die lieben Moneten sind ein heikles Thema in unserer Gesellschaft: einerseits bestimmt Geld so ziemlich alles, jeder will möglichst viel davon haben, die Werbung brüllt „BILLIG“, die Wirtschaft diktiert die Politik und auf der anderen Seite möchte aber niemand darüber sprechen und verfällt in peinliches Herumgedruckse, wenn es um Kohle oder Gehälter geht. Warum? Keine Ahnung! Ich halte das für verrückt, aber meine Einstellung dazu kennst du ja schon.

Nun habe ich die Erfahrung des Geldleihens schon als aktiver und als passiver Part erlebt und muss sagen, wenn man mir Geld ausgelegt hat, war ich immer dankbar und habe mir notiert, wem ich was schulde. Sobald ich konnte, habe ich es von alleine zurückgezahlt und habe mir immer die größte Mühe gegeben, die Schulden möglichst schnell zu begleichen und nichts zu vergessen. Ich hoffe, meine „Geschäftspartner“ können das genauso bestätigen. Das ist im Grunde für mich jedenfalls selbstverständlich, denn es ist großzügig von einem Geber, etwas von seinem wohlverdienten Gehalt, für das er arbeiten geht, an mich zu verleihen und das ist durchaus etwas, wofür man dankbar sein sollte und das man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Es ist dabei völlig unerheblich, ob es sich beim Leiher um Dagobert Duck handelt oder jemanden, der nur ein paar Hundert Euro mehr hat als ich selbst. Es geht darum, dass es fremdes Geld ist, das man sich selbst nicht verdient hat und daher finde ich, ist Dankbarkeit absolut angebracht.

Als Geldverleiher wiederum habe ich im Grunde fast nur negative Erfahrungen gemacht: man legt etwas aus und muss dem Zaster dann hinterherrennen, wenn man ihn je bekommen möchte. Mein Ex-Freund Flipper schuldet mir immer noch gute 300 Euro, die ich wohl nie zu Gesicht bekommen werde, denn würde der unrealistische Fall eintreten und er stünde mit dem Geld vor meiner Türe, wüsste ich, dass die Hölle, an die ich nicht glaube, gerade zugefroren ist. Aber gut, selbst Schuld… oder? Nein, eigentlich nicht! Oder doch?

Wieso ist man immer der Dumme, wenn man jemandem hilft? Wie können andere Menschen so dreist sein und Geld für etwas ausgeben, das sie nicht haben? Es ist etwas ganz anderes, wenn ein persönliches Unglück einen heimsucht oder einfach hohe unerwartete Kosten auf einen zukommen. Da finde ich, braucht man gar nicht drüber reden, das ist ungewollt, keine böse Absicht und schlichtweg Pech.

Nun warte ich außerdem bereits seit einigen Monaten auf einen relativ kleinen Geldbetrag von einem Bekannten. Wir sprechen hier von 25 Euro, im Prinzip ziemlich unbedeutend. Die Tatsache, dass ich jetzt schon mindestens dreimal danach gefragt habe und es mir immer zugesichert wurde, macht das Ganze nicht besser. Mal ehrlich, wie kann man sich etwas leihen und es dann nicht prompt zurückzahlen? Das ist doch ein Schlag ins Gesicht für denjenigen, der einem in einer finanziellen Knappheit ausgeholfen hat. Ich gehe für das Plus auf meinem Konto arbeiten, ich investiere Lebenszeit hinein, dafür habe ich studiert, meinen Abschluss gemacht, einen Job gesucht und stelle meine Arbeitskraft zur Verfügung – das wird vergütet. Wie kann man das nicht erkennen und nicht honorieren? Ich möchte ja keine lebenslange, übertriebene Dankbarkeit, damit wir uns richtig verstehen. Doch diese Art des Umgangs mit der Situation finde ich ebenfalls nicht angebracht. Was sagst du?

Du fragst dich sicher, warum ich so doof bin und manchen Menschen überhaupt noch etwas leihe… das frage ich mich auch. Aber Scherz beiseite. Wenn ich zum Beispiel ein Konzert besuchen möchte mit einer Freundin und diese mich bittet, mir das Geld erst im Folgemonat geben zu dürfen, weil es gerade ganz ungünstig ist, dann kann ich entscheiden, ob das für mich in Ordnung ist und die eine Konzertkarte vorstrecken. In meinem Kopf läuft es dann so ab, dass ich logisch rangehe: ich will das Konzert gerne sehen. Mit dieser Freundin. Ich mag da nicht alleine hin. Wir wollen das beide. Ich kann es mir gerade leisten. Sie braucht noch zwei Wochen Zeit für das Geld. Unsere Künstler sind aber nur an diesem einen Tag da. Da kann ich es eigentlich nur verleihen, weil ich davon ausgehe, dass ich es am Anfang des nächsten Monates zurückbekomme. So können wir beide einen tollen Abend mit einer hervorragenden Band genießen, wir schaffen uns neue Erinnerungen und alles passt! Kein Thema.

Nächtliches Feuerwerk

Bei Menschen, die mich respektieren, funktioniert das so wunderbar. Man streckt eben ab und zu das Geld für Eintrittskarten, Bahnfahrten, Hotels, Feuerwerksbesuche oder Ähnliches vor – nichts Großes, wenn es läuft. Genauso habe ich mir schon das ein oder andere Mal Geld leihen müssen, weil ich häufig ohne Bares unterwegs bin, aber dann doch spontan etwas gebraucht habe. Das kommt eben vor. Zurückgegeben habe ich es, meines Wissens nach, immer und das so schnell wie möglich.

Auf diese 25 Euro, von denen ich vorher gesprochen habe, warte ich nun schon seit April. Dann wurde ein Aufschub vereinbart und Juni wurde ausgemacht. Jetzt ist Ende August. Wo ist mein Geld? Wieso muss ich dauernd nachfragen? Warum entschuldigt sich diese Person nicht dafür, dass sie mich so respektlos behandelt? Ist es nicht auch etwas anmaßend, wenn jemand, der nicht genügend Geld hat/hatte, mich und mein Verliehenes so behandelt, als wäre es eine Lappalie, nur weil ein paar Nuller weniger am Ende des Betrages stehen? Er hatte doch nicht genug und ich habe es netterweise ausgelegt. Das meine ich nicht überheblich, sondern ganz rational. Wäre da nicht Dankbarkeit oder zumindest ein gewisses Maß an Bewusstsein für die Situation gefragt anstelle von Ignoranz und Gleichgültigkeit?

Wir lügen uns gegenseitig ins Gesicht und lächeln dabei

Wenn man sich etwas nicht leisten kann, darf man es eben nicht. Punkt. Fertig. Basta. Wenn man Geld von einem anderen nimmt, sollte man sich ganz sicher sein, dass man es zu dem Zeitpunkt, den man vereinbart, auch wieder zurückgeben kann. Ist dem nicht so, darf man das Zahlungsmittel nicht annehmen. Das ist nicht kompliziert, das ist nur eine Folge von Menschen, die nicht NEIN sagen können. Nicht zu anderen und nicht zu sich. Wer immer alles will, hat ein Prioritätenproblem, derjenige hat sich noch nicht gefunden. Wenn man sich für eine Reise entscheidet, die man sich nicht leisten kann, war man zu schwach, um NEIN zu sagen. Zu sich selbst, weil man genau weiß, dass es „eigentlich“ nicht geht. Zu den anderen, weil man vielleicht niemanden enttäuschen möchte oder weil man selbst nichts verpassen will. Alles plausible Erklärungen, aber im Endeffekt hinfällig, denn wir leben nicht im Konjunktiv, auch wenn das viele gerne hätten und sich das fleißig vormachen!

Ich bin es manchmal wirklich leid, dass sich ein großer Haufen der Menschen, die mich umgeben, so oft wie Kinder benehmen, wie Heranwachsende aber mit Eigenverantwortung. Als würde man einem Äffchen eine geladene, entsicherte Waffe geben. Diese Knarre kann nicht nur eine Metapher für Verantwortung sein, sondern auch für Freundlichkeit oder das Bedürfnis, es allen recht zu machen. Das geht schon aus Prinzip nicht, weil „alle“ einen selbst inkludiert und der scheinbare Verzicht oder die Großzügigkeitsillusion schließen diesen falschen Märtyrer vom Gesamten aus.

Ich wünschte, die meisten würden einmal ihr Handeln reflektieren und erkennen, dass ein unaufrichtiges JA viel schlimmer und schädlicher als ein ehrliches NEIN ist.

Ich hätte damals, als Flipper mich nach dem Geld fragte, NEIN sagen sollen. Natürlich wollte ich helfen, aber wenn, dann hätte ich mich absichern müssen, hätte ihm nicht vertrauen dürfen, denn mein Bauchgefühl war von Anfang an kein Gutes. Es war mein Geld, ist es immer noch, es ist nur nicht mehr bei mir. Also JA und NEIN, ein Stück weit ist es meine Schuld. Das respektlose Nichtzurückzahlen ist sein Vergehen.

Hier geht es im Prinzip nicht um Geld, das ist dir sicher längst klar, wie ich dich einschätze. Es geht darum, dass man die Wahrheit spricht. „Iss, was gar ist. Trink, was klar ist. Sprich, was wahr ist“, sagte, falls ich mich recht erinnere so oder ähnlich Martin Luther. Völlig egal, welche Konfession dahinter steht, die Wahrheit sollte stets triumphieren und glaubt mir, sie macht das Leben leichter, nicht komplizierter. Wir haben uns in unseren Konstrukten verrannt, die uns ursprünglich helfen sollten. Jetzt sind viele überspitzt und überschminkt mit alberner Etikette. Man traut sich nicht, zuzugeben, dass man nicht genügend Geld hat und sagt JA zu etwas, das man sich nicht leisten kann. Man möchte nicht negativ auffallen, darum schreit man ein geschwiegenes JA, anstelle eines ausgesprochenen NEINS.

Und dann wird so oft alles getarnt, dass man kaum noch erkennt, welche Absicht dahinter steckt – nicht einmal die eigene. Da heißt es dann, man wollte nicht absagen, man wollte niemanden enttäuschen und so weiter. Blablabla, kann ich dazu nur sagen. Ist es denn keine Enttäuschung, dass am Ende herauskommt, dass man sich übernommen hat? Dass man Geliehenes nicht zurückzahlen kann? Dass man manchmal die Zeit von anderen verschwendet, weil man selbst nicht NEIN sagen wollte? Enttäuscht mich das etwa nicht? Mir ist es lieber, man sagt mir offen und direkt ins Gesicht, dass man etwas nicht möchte, nicht kann, nicht schafft als zu behaupten, man wolle, könne oder schaffe es, wohlwissend, dass das eine Lüge ist. Ich will nicht belogen werden. Wenn meine Frisur furchtbar aussieht, will ich dafür kein geheucheltes Kompliment. Wenn ich zugenommen habe, will ich nicht, dass mir jemand peinlich berührt versichert, wie schlank ich doch bin. Wenn ich einen Ausflug vorschlage und der andere keine Lust hat, dann möchte ich kein gezwungenes JA hören.

Ich weiß, unsere Gesellschaft verleitet zum Lügen. So werden wir erzogen, so ist das mit der Gehirnwäsche. Aber wenn du ganz tief in dich hineinhörst, kannst du das Flüstern deines Herzens vernehmen, genau wie ich. Es sagt uns, was wirklich richtig und wichtig ist, was wahr ist. Wenn du nicht darauf hörst, ist das deine Entscheidung, aber behaupte niemals, du wüsstest es nicht besser, denn das tust du. Das tun wir. Immer.

Wirf falsche Freundlichkeit über Bord!

Den Ballast braucht kein Mensch. Das heißt doch nicht, dass wir jetzt unfreundlich und verschossen durch die Welt gehen sollen. Es heißt nur, dass wir ehrlich sind. Ein nett gemeintes Lächeln an Fremde, ein fröhliches Hallo oder ein aufrichtiges „Wie geht es dir“ sind schöne Dinge, die den Alltag aufhellen. Ein konventionell erzwungenes Anlächeln einer unliebsamen Person, ein aufgesetztes Begrüßen einer solchen oder eine unaufrichtige Befindenserkundigung dagegen treiben uns weiter und weiter weg von allem, was ECHT ist, was von Herzen kommt, was Charakter ausdrückt, was die Welt besser macht.
Behaupte nicht, es allen recht machen zu wollen, wenn du dich nicht entscheiden kannst. Schiebe die Schuld nicht auf die anderen, wälze es nicht ab. Trage dein Päckchen, denn schon das Realisieren der Last wird sie dir leichter machen. Das Problem ist nicht das Harmoniebedürfnis, sondern, wenn du angibst, du würdest etwas tun, um es allen recht zu machen und in Wirklichkeit kannst du dich nicht entscheiden. Gib das zu und der Knoten löst sich. Da sind wir mal wieder bei der Kunst des Loslassens.  Diese lässt sich nicht nur auf den Kleiderschrank anwenden, sondern ebenso auf falsche Vorstellungen, auf Lügen, auf Illusionen.

Löse den Stein, der dich in den Ozean der Unwahrheit zieht und schwimme im Meer der Freiheit. Trau dich, unter die Oberfläche zu blicken, mache die Augen auf und erkenne die Welt ohne Filter. Sie ist es wert.

Was sagst du dazu?