Vor Kurzem hatte ich eine Erkältung und fühlte eine damit einhergehende Schwere im Kopf. Ich ging extrem heiß duschen und fühlte, wie es mir durch die aromatischen Dämpfe besser ging. Du weißt ja, wie das ist: Unter der Dusche hat man die besten Einfälle. Mir schoss spontan der Gedanke durch den Kopf, dass ich sehr gerne mal wieder in eine Sauna gehen würde – am Liebsten öfter.

Wie es sein sollte

Wäre ich jetzt ein gut sehender Mensch, wäre das weitere Vorgehen vermutlich in etwa so:

  • Recherchieren, wo es Saunen in meiner Nähe gibt
  • Einen Saunatag in der Woche beschießen, z.B. Donnerstag
  • Freunde fragen, ob sie Lust hätten, mich zu begleiten
  • Überlegen, wie ich hinkomme (Auto, Öffis usw.)
  • Mit oder ohne Freunde hingehen und Saunaerlebnis genießen
    • Bezahlen
    • Um- bzw. ausziehen
    • Saunieren
    • Anziehen
  • Gut fühlen

Wie es wirklich ist

Dummerweise gestaltet sich das Ganze mit an Blindheit grenzender Sehbehinderung dann doch wesentlich schwieriger.

  • Recherchieren, wo es Saunen in meiner Nähe gibt (in der Nähe heißt tatsächlich einfach zu Fuß oder mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, also Nähe = km)
  • Einen Saunatag in der Woche beschießen (schön und gut, aber erstmal muss eine Begleitperson gefunden werden und ihr Terminkalender sollte zu meinem passen. Wenn nicht für einen Dauertermin, dann doch immerhin, bis ich mich auf dem Weg dorthin und in der Sauna selbst ausreichend auskenne)
  • Überlegen, wie ich hinkomme
    • Welche Öffentlichen Verkehrsmittel stehen mir zur Verfügung?
    • Kenne ich die betreffenden Linien? Weiß ich, wo ich umsteigen muss?
    • Falls nicht, wer zeigt mir den Weg von der U- zur S-Bahn?
    • Wie weit ist die Saunalandschaft von der Haltestelle entfernt?
  • Freunde fragen, ob sie Lust hätten, mich zu begleiten (an dieser Stelle gibt es einen gravierenden Wendepunkt, denn von diesem Umstand hängt das weitere Vorgehen komplett ab) –<
    • Fall 1: Freundin kommt mit
      • Super, wir treffen uns an einem gemeinsam gut zu erreichenden Punkt, den ich leicht finden kann.
      • Wir fahren gemeinsam zur Sauna, bezahlen, ziehen uns aus, saunieren, ziehen uns wieder an und gehen mit einem guten Gefühl > gut fühlen! 
      • (Nach ein paar Besuchen kenne ich mich so gut aus, dass ich problemlos auch alleine gehen könnte)
    • Fall 2: Niemand (und das kommt bei neuen Unternehmungen in meinem Leben leider sehr oft vor) hat Zeit, Lust oder Interesse. Jetzt habe ich zwei Möglichkeiten –<
      • Ich ziehe es durch
        • Ich finde jemanden, der mir den Weg bis zum Eingang beibringt oder erarbeite es mir mithilfe von Google Maps, einem nächtlichen Ausflug und vielen Wiederholungen sowie Durchfragen selbst.
        • Ich rufe bei dem Saunabetreiber an, erkläre meine Situation und bitte um Hilfe
          • Wenn ich Hilfe bekomme, zeigt mir jemand ein oder mehrere Mal/e, alles, was ich wissen muss, bis ich mich auskenne (Weg zur Umkleide, Umkleide, Schließfächer, Weg zur Sauna, einzelne Optionen, Duschen, Becken…)
          • Wenn ich keine Hilfe bekomme
            • Versuche ich mein Glück mit Herumfragen, Herumirren, vorsichtig vortasten, probieren und sehr viel Anspannung alleine (meistens schaffe ich es irgendwie, aber entspannt und zufrieden bin ich am Ende selten, höchstens auf die Leistung, in einer Welt für Sehende etwas geschafft zu haben, das ich mir vorgenommen habe)
      • Ich ziehe es nicht durch, weil alles zu kompliziert, anstrengend und kräftezehrend wird.

Unzählige Löffel brechen beim Graben und es geht nie ohne blutige Finger

Man sieht deutlich, dass man als Mensch mit Handicap so viel bedenken muss, über das sich andere nie Gedanken machen müssen. Darum ist es eine Behinderung – sie hindert mich am unkomplizierten, gleichberechtigten Leben in einer sehenden Gesellschaft. Und glaub mir, das waren noch nicht einmal annähernd alle Gedanken dazu, die es zu machen gilt. Es gibt schließlich überall andere Menschen, die einem einerseits helfen können, die andererseits jedoch leider viel zu oft absolut intolerant reagieren, wenn man sich nicht kennzeichnet und sich dann – aus ihrer Sicht – seltsam verhält. Also müsste ich mich in der Sauna auch irgendwie kennzeichnen. Ich könnte einen Langstock verwenden, das würden dann alle sehen. Den würde ich im Normalfall ja nie mitnehmen, da er mir schließlich nicht verrät, welche Saunatüre zur Finnensauna führt oder ob auf der Umkleide „Damen“ oder „Herren“ steht. Wäre mir auch sehr lästig, den die ganze Zeit mit mir rumzutragen. Dann gäbe es ja noch Blindenbinden, die sich bestimmt ganz toll an den Armen anfühlen, wenn man gerade so richtig schön am Schwitzen ist. Aber was tut man nicht alles, um sich Stress zu ersparen? Und sie würden auch die Sonnenbrille, die ich nun mal brauche, erklären. Moment, Brillen beschlagen ja bei dämpfigem Klima. Wie soll das dann in der Sauna funktionieren? Ohne geht’s gar nicht, also muss ich sie wohl alle paar Schritte an meinem Handtuch abtrocknen. Tauchen fällt damit eigentlich auch flach, außer, das Schwimmbecken ist leer. Dann kann ich kreuz und quer meine Bahnen auch ohne Brille ziehen, weil ich auf keinen achten muss. Im Wasser sieht man meine Markierung aber dann doch gar nicht – was sage ich denn den Menschen, die mich anschnauzen, weil ich aus Versehen ihre Bahn gestreift habe?

Hmmm, soll ich überhaupt in die Saune gehen? Ist es den Stress wirklich wert? Ich dachte, da geht man zum Entspannen hin und um sein Immunsystem zu stärken. Durch die ganze Anspannung passiert bei mir vermutlich genau das Gegenteil…

Das Licht am Ende des Tunnels

Im Endeffekt ist es immer so, dass wenn ich etwas wirklich will, dass ich es auch mache und schaffe. Es kostet jedes Mal viel Kraft und Überwindung. Man muss sich auf so viele Eventualitäten einstellen und kann natürlich trotzdem nie alles abdecken. Es gilt vieles zu bedenken und immer und immer wieder ist man auf die Hilfe, das Verständnis und die Unterstützung anderer angewiesen. Und darauf, dass die Mitmenschen einem keinen Strich durch die Rechnung machen. Kennzeichnet man sich nicht, ist man der Teufel, weil man eine Sonnenbrille trägt. Kennzeichnet man sich, gibt es wieder zwei Möglichkeiten. Die einen kennen die Bedeutung der drei schwarzen Punkte auf gelbem Hintergrund gar nicht. Da muss man sich dann wieder vermehrt erklären. Oder die Personen erkennen die Markierung und reagieren – tja, auch da gibt es diverse Verhaltensweisen. Die einen sind total offen und hilfsbereit, nicht aufdringlich oder abschätzig, sondern einfach ganz normal, so wie es unter Menschen sein sollte. Die meisten sind jedoch im besten Fall unbeholfen, was ja nicht schlimm ist, immerhin hat man nicht jeden Tag mit behinderten Menschen zu tun. Mich freut es sehr, wenn ich sehe, dass jemand gerne helfen möchte, nur nicht genau weiß, wie. Dazu kann man miteinander sprechen. Der Großteil hält sich natürlich zurück, weil er nichts falsch machen will oder weil er denkt, es gehe ihn nichts an. Es ist kompliziert.

Da wundert es dich sicherlich nicht, dass viele neu geborene Ideen nur eine sehr kurze Lebensspanne haben und schnell auf dem Friedhof der Inspiration fallen, wo alles landet, was aus dem Herzen kommt, wofür die Kraft aber fehlt. Traurig? Nein, Alltag.

Egal, mit welchen Widrigkeiten ich es zu tun habe, ich werde immer weiter graben, weil ich ein Mensch bin, der nach dem Licht strebt. Oft wird dabei die Decke einstürzen, ich werde Wunden und Blessuren davontragen, werde neue Narben zu den unzähligen dazuzählen müssen, werde dabei weinen und wüten, werde verzweifeln und mir Hilfe wünschen, aber schlussendlich triumphieren! Das ist mein Preis, um lebendig zu sein und den Puls des Lebens zu fühlen. Es ist mein Schicksal in dieser Hinsicht immer mehr als andere bezahlen zu müssen. Da trifft es sich gut, dass ich unsagbar reich bin. Reich an Energie, an Willen und an Liebe und auch wenn meine Welt gerade in Dunkelheit versinkt, sich die Einsamkeit eiskalt um mich legt und die Hindernisse gigantisch erscheinen – ich weiß, dass es das wärmende Sonnenlicht wert ist.

Fazit

Das Leben mit Behinderung ist kein Zuckerschlecken, sondern ein ewiges Tunnelbuddeln und Kämpfen. Ich schreibe das NICHT, weil ich mich beschweren will, weil ich unglücklich und frustriert deswegen bin oder gar, um Mitleid zu erregen. Diese Dinge, diese ewigen Umwege und Überlegungen, das Rumhirnen und Überwinden, gehören tagtäglich zu meinem Leben und zu dem vieler anderer Menschen, die sich mit Handicap ihren Weg bahnen. Oftmals bekommen wir zu hören, wie gut wir doch mit unserer Einschränkung umgehen, wie selbstständig und unabhängig wir wirken. Ich möchte einfach mal den Vorhang beiseite ziehen und zeigen, was sich hinter diesem Schein verbirgt, der alles so leicht aussehen lässt und es wäre schön, wenn nicht vergessen wird, dass jeder unserer Schritte zumeist hart erkämpft ist und viel Arbeit und Emotion in ihm steckt.


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4 Kommentare zu „Menschen suchen Abkürzungen – Behinderte graben sich mit Löffeln einen Felstunnel

  1. Liebe Lisa, danke für diesen wieder sehr schönen und berührenden Text! Ich mag sehr die starken (Sprach-) Bilder, mit denen du die Aussage deiner Texte unterstreichst: „mit einem Löffel einen Tunnel graben“… Wow, das lässt ein wenig die Anstrengung erahnen, einfach nur zu „machen“, wenn die ganze Welt nicht wirklich den eigenen Bedürfnissen entspricht! Danke, dass ich durch deine Texte meinen Horizont erweitern kann!🙂 Herzlichen Gruß, Sarah („Sunnybee“)

  2. Hallo Lizzi
    Zitat: „was sage ich denn den Menschen, die mich anschnauzen, weil ich aus Versehen ihre Bahn gestreift habe?„

    Ich muss gerade schmunzeln weil mir in den Kopf gefallen ist zu sagen „Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen“

    🙂

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