„Mist, die S-Bahn fällt schon wieder aus. Das ist doch behindert“, ein Satz, den man so oder in ähnlichen Formen nicht selten hört. Dies ist behindert, das ist behindert, alles behindert – oder? NEIN, eben nicht! ICH bin behindert, denn ich habe eine hochgradige Sehbehinderung und ich kann dir sagen, das ist kein Zuckerschlecken! Und neben mir gibt es noch unzählige andere Menschen mit körperlicher oder geistiger Einschränkung, die sich mit besonders hohem Kraftaufwand durchs Leben schlagen.

Jetzt mal Klartext

Falls du kein derartiges Handicap hast, kannst du dich freuen, denn ich verrate dir eines: es ist nicht leicht! Jeden Tag muss man ein bisschen mehr geben, ein wenig weiter um die Ecke denken und etwas mutiger sein als andere. Natürlich heißt das nicht, dass man einen schweren Weg zum Glück hat, denn meiner Meinung nach hat das Glücksgefühl in einem nie etwas mit den äußeren Umständen zu tun – Glück wohnt in uns und wir räumen uns durch unsere Einstellung, unsere Gedanken und Erlebnisse immer wieder den Zugang dazu frei. Aber offen gesprochen, ich persönlich empfinde meine Behinderung durchaus als anstrengend. Es ist nicht mehr, als ich tragen kann, aber es ist schon ein zusätzliches Päckchen.

Behindert heißt dumm

Und dann muss ich mir dauernd von irgendwelchen Menschen anhören, was alles behindert ist. Die Deutsche Bahn, die kaputte Rolltreppe, dass irgendein Supermarkt schon geschlossen ist, dass etwas ausverkauft ist und so weiter und so fort und jedes Mal denke ich mir: „Du weißt gar nicht, was behindert ist!“ Tatsächlich empfinde ich immer etwas Wut über diese bescheuerte, unbedachte Bezeichnung für etwas Störendes, Blödes, das einem nicht passt. Etwas Wut? Nein, das stimmt so nicht. In Wahrheit finde ich es unverschämt und sowas von herablassend, ich fühle mich beleidigt und herabgewürdigt. Denn wenn jemand „behindert“ als Synonym für „dumm“ benutzt, sorry, dann ist die logische Konsequenz, dass ich auch „dumm“ bin, denn ich bin ja „behindert“. Und man mag mich jetzt für arrogant halten, aber DUMM bin ich ganz sicher nicht! Ich bin ein sensibler Mensch mit tiefen Gefühlen und weitreichender Wahrnehmung und ich habe eine Behinderung. Ich mag manchmal rechthaberisch sein, manchmal unsicher, aufgedreht oder unaufmerksam, aber ich bin nicht dumm, nicht Scheiße, nicht blöd – ich bin visuell eingeschränkt, aber stehe definitiv nicht unter den Gesunden!

Diese Lizzi übertreibt maßlos

Ich weiß nicht, ob es anderen Gehandicapten auch so geht wie mir, ob sie sich ebenfalls beim Missklang dieses Ausspruchs winden oder ob sie sich sagen, dass sie drüber stehen, dass sie das nicht berührt, dass es ja keine böse Absicht ist, dass man es nicht so eng sehen sollte… Kann sein, aber ich für meinen Teil bin nicht eine dieser hippen Behinderten, die alles wegstecken, alle Hindernisse mit einem Lächeln nehmen und total verständnisvoll für Unverständnis sind. Wäre ich gerne, aber sorry, bin ich nicht! Ich gehöre auch nicht zu denen, die so tun, als wären sie taff und würden über jedem direkten oder indirekten Angriff stehen. Das bin ich definitiv auch nicht. Ich bin vor allem eins: ehrlich! Für meinen Geschmack gehe ich sehr offen, kreativ und positiv mit meiner Einschränkung um. Oft nehme ich gewisse Dinge mit Humor, ich mache sogar Witze darüber mit Leuten, bei denen ich weiß, dass sie mich verstehen. Aber ich bin mindestens einmal am Tag echt frustriert, weil irgendwas wieder besonders schwer für mich war, weil die Ansage im Zug ausgefallen ist, weil jemand einen dummen Spruch wegen meiner Sonnenbrille abgelassen hat, weil ich über ein unvorhersehbares Hindernis gestolpert bin und dabei Kaffee verschüttet habe… Klar, ich sitze nicht jeden Abend wimmernd auf dem Sofa und beklage mich, warum ich dieses Los gezogen habe, denn ich weiß genau, warum es so ist, wie es ist. Trotzdem sehe ich mich vollkommen im Recht, mich aufzuregen, wenn jemand „behindert“ und „dumm“ gleichsetzt und es spielt wirklich absolut keine Rolle, dass er damit vor allem geistig Behinderte meint, denn die sind genauso wenig „dumm“ wie körperlich Eingeschränkte!

Aber ist „behindert“ denn wirklich eine Beleidigung oder wie ein „N“ Lizzis Welt verändert

Jetzt könnte der ein oder andere argumentieren, dass die Leute das ja nicht böse meinen und dass sie sich auf den Wortursprung berufen, nämlich, dass ein Umstand, der sie stört, sie eben in ihrem Glücklichsein oder Anszielkommen behindert. ABER – das hast du natürlich schon kommen sehen –  dann, wenn sie wirklich das damit meinen würden, wäre die korrekte Aussage: „Mist, die S-Bahn fällt schon wieder aus. Das ist doch behindernd!“

Behindernd, nicht behindert!

Ob du es glaubst oder nicht, das macht einen kleinen, aber feinen Unterschied! Denn jedes Mal, wenn ich dieses dümmliche „behindert“ im falschen Kontext höre, zucke ich innerlich zusammen und würde am Liebsten hinstürmen und fragen, ob der Sprechende sich eigentlich Gedanken macht, was er da von sich gibt oder ob er nur ein labiler Nachplapperer ist. Mal ehrlich, ein bisschen Kopf und vor allem Empathie einschalten ist doch wirklich nicht zu viel verlangt! Bestimmt ging oder geht es den Homosexuellen unter uns ähnlich, als plötzlich alles, was als dumm empfunden wurde „schwul“ hieß. Diesen Schwachsinn habe ich noch nie mitgemacht, denn ich finde, es gibt durchaus schöne Alternativen, sich über etwas aufzuregen, ohne, dass man jemanden durch seine Aussage absichtlich oder unabsichtlich diskriminiert. Und du wirst mir sicherlich zustimmen, dass diejenigen, die diesen unsäglichen „Trend“ etabliert haben, es definitiv abwertend und nicht neutral meinten. Bei „schwul“ ist es im Gegensatz zu „behindert“ sogar noch krasser, es schwingt deutlich die Ablehnung darin mit und das kotzt mich wirklich an! Es mag sein, dass viele ihre Wortwahl absolut nicht reflektieren und einfach vor sich hin blubbern, ohne je über die tatsächliche Bedeutung eines Wortes nachgedacht zu haben. Aber „behindert“ ist definitiv in der Verwendung als Ersatz für „dumm“ eine Beleidigung und dass es Behinderte gibt, dürfte so ziemlich jedem, der einigermaßen an unserer Gesellschaft teil hat, klar sein. Und wie soll ich es sagen? Wenn jemand nicht weiß, dass er eine Waffe in der Hand hält und ausversehen jemanden erschießt, dann fällt derjenige trotzdem tot um, auch wenn der Unglücksschütze das nicht wollte. Jeder, der also ohne nachzudenken irgendwelche diskriminierenden Trendwörter nachquatscht, sollte sich bewusst machen, dass er andere damit verletzt. Nur, weil man die Wunden nicht sehen kann, heißt das nicht, das Be- bzw. Getroffene nicht innerlich bluten.

Bitte mache die Welt besser!

Lieber Leser, wenn du selbst schon Situationen oder Dinge unwissend als „schwul“ oder „behindert“ bezeichnet hast, dann ist jetzt ein guter Moment, einmal darüber nachzudenken, ob du das bewusst oder unbewusst getan hast. Wenn dir gar nicht bewusst war, wie verletzend und ärgerlich das für Betroffene ist – Schwamm drüber. Lass es einfach.

Hier hätte ich ein paar Alternativen für dich: dumm, blöd, nervig, bescheuert, ätzend, nervtötend, beschissen, zu Kotzen, störend, lästig, behindernd… wenn sie dir nicht gefallen, fällt dir bestimmt etwas Besseres ein!

Falls du – und davon gehe ich aus, weil du diesen Beitrag bis hier gelesen hast – zu denen gehörst, die schon vor diesem Hinweis einfühlsam mit ihrer Wortwahl umgehen, dann bitte ich dich, damit weiterzumachen und so toll zu bleiben, wie du bist! Schön, dass es Menschen wie dich gibt! Vielleicht kennst du jemanden, der noch blind mit gefährlichen Wörtern um sich feuert? Sei doch so lieb und tausche bei Gelegenheit seine Munition durch Wattekügelchen aus. Ich kann schließlich nicht zu allen hinstürmen 😉

Ein Kommentar zu „Diese Redewendung ist behindert!

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