Was ist deine Schattenseite?

Freundlich, hilfsbereit, liebenswürdig – das sind Adjektive, mit denen mich viele bedacht haben. Ja, so bin ich: eine nette Person, die tagtäglich ihr bestes gibt auf der hellen Seite der Macht zu wandeln. Dass mir das nicht immer gelingt, ist natürlich klar. Wie oft habe ich der Bequemlichkeit nachgegeben, anstatt ein Workout zu machen? Wie oft habe ich wider besseren Wissens tonnenweise Schokolade gefuttert und war später totunglücklich deswegen? Wie oft habe ich gesagt, dass ich etwas erledigen will und habe es dann im Eifer des Gefechts vergessen?

Dennoch gebe ich mir allergrößte Mühe gewissen Idealen entgegenzugehen. Wenn ich kann helfe ich anderen, versuche meine Mitmenschen zu verstehen, gebe mir Mühe, mit mir selbst ein gutes Verhältnis zu haben und lasse mir von Liebe, Zuversicht und Sonnenlicht den Weg leuchten. Passend zu meinem Sternzeichen ist mir Gleichgewicht und Balance sehr wichtig und wenn ich Disharmonie schnuppere, wirke ich ihr mit aller Kraft entgegen.

Was sagt mein Monster zu alledem?

Aber was ist dabei mit dem Teil, der immer zurückgehalten und eingesperrt wird? Was ist mit dem Biest, das in mir lebt und nie ans Tageslicht kommen darf? Was hält mein Monster von seinem Verlies?

Zugegeben, ich habe – und ich bin da ganz ehrlich – keine schrecklichen Fantasien, keine Mordgedanken, keine echten Hassgefühle oder andere zutiefst düsteren Gedanken. Mag langweilig klingen, doch ist es die Wahrheit. Das passt und gehört einfach nicht zu mir. Selbst wenn Menschen mir gegenüber unfair, hinterhältig und gemein sind, ich kann keinen dafür hassen, dass er ein Feigling oder engstirnig oder selbstsüchtig ist. Logisch, dass ich mir nicht alles gefallen lasse, versteh mich nicht falsch. So mancher hat sich die Finger verbrannt, weil er hinter Süß und Lieb kein Taff und Clever vermutete… Trotzdem ist da etwas in mir, das ständig hinter Verschluss gehalten wird. Kennst du das auch? Dazu kommt noch das ständige Aufeinanderprallen von Welten, wenn ich mal wieder als hochgradig Sehbehinderte mit der Gesellschaft zusammenstoße… du kannst dir wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie viel Wut und Verbitterung meinerseits über das Unverständnis, die unnötigen Hürden und die Ignoranz meinerseits im Zaum gehalten werden muss… es ist wie ein Orkan, der in einem Marmeladenglas versiegelt wird. Naja, das ist indes nur ein Crossover und gehört zu einer weitaus größeren Geschichte.

Wenn ich gelegentlich an meinem Buch schreibe, fällt mir auf, dass da eine gewisse Dunkelheit präsent ist, die es in meinem alltäglichen Leben nicht gibt. Und ab und an ertappe ich mich dabei, dass ich gerne mal richtig egoistisch wäre, nur meinen Kopf durchsetzen würde, einfach nur das mache, worauf ich Lust habe… Loslassen und eskalieren… Vergessen und die Rücksicht ausschalten… Das Verstehen wegschieben, das Einfühlen ablegen… gut, dass es Halloween gibt!

Ventile und wo sie zu finden sind

Lizzi als PiratinHast du „Phantastische Tierwesen“ gesehen? Darin erfährt der Liebhaber der Harry-Potter-Welt, dass junge Magier, die ihre Kräfte unterdrücken müssen, einen Obscurus entwickeln, eine Art finsterer zerstörerischer Nebel, der aus Selbstverleugnung erwächst. Ich denke, einen solchen Obscurus trägt jeder in sich, der nicht ausgeglichen und mit sich im Reinen ist. Damit mein persönlicher Schatten nicht außer Kontrolle gerät, gönne ich ihm hin und wieder Ausgang. So zum Beispiel an Halloween, ein Fest, das viele für kommerziellen Unfug halten. Mag sein, aber ich nutze es als Gelegenheit, aus meiner Haut zu schlüpfen und eine andere überzuziehen. Raus aus dem Alltag, rein ins Piratenleben! Gut, ich stehe nicht auf richtig hässliche Kostüme, aber was mich besonders reizt, ist das gedankliche Rollenspiel. Ich denke mir eine Figur aus mit eigener Geschichte und bin für ein paar Stunden diese Person. Ich lasse meinen Gedanken freien Lauf und ziehe mir nicht nur ein anderes Leben über, sondern adaptiere auch die damit verbundenen Gefühle, Gedankengänge und Ideen. So kann auch ich rücksichtslos, selbstverliebt, egozentrisch und verrucht sein. Klar ist es nur ein Kostüm, eine Maske und doch… so, wie in jedem Scherz ein Fünkchen Wahrheit steckt, so steckt auch in einem Schauspiel ein Quäntchen Realität.

Darum freue ich mich jedes Jahr auf den 31. Oktober, weil ich dann alle Leichen aus dem Keller lasse, die liebe Lizzi über Bord werfe und als Piratenbraut mein Unwesen treibe.

Und du? Bist du dabei? Lass uns die Dunkelheit feiern, lass uns die Nacht umarmen, den Mond anheulen und verrückt sein! Lass uns den Alltag ausschalten und das Bizarre zelebrieren! Lass uns für einen Augenblick auf der dunklen Seite der Macht tanzen, um die Balance zu halten… wo das Licht am hellsten ist, sind die Schatten am tiefsten.

Alltagshorror

Lizzi als PiratinSelbstverständlich ist man kaum ausgeglichen, wenn man nur einmal im Jahr die Seiten wechselt. Darum nehme ich so oft ich kann zu meinem Schatten-Ich Kontakt auf. Wir führen bisweilen sehr gute Gespräche und nur wenn beide Seiten sich vereinen, entsteht Neutralität. Wir nutzen unsere Zweisamkeit, um kreativ zu sein, um nicht abzudriften, um Halt in der Welt zu haben, die weder gut noch schlecht ist. Wieso sollte man sich vor seiner inneren Dunkelheit fürchten, wenn man versteht, wie sie funktioniert? Ich habe keine Angst vor schrägen Träumen und schwarzen Wendungen in meinen Geschichten… sie sind ein Teil von mir und da ich mich selbst liebe, liebe ich auch dieses Stück Obscurus.

Und, wie oft plauderst du mit deinem inneren Biest?


Folge Lizzis Welt!

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Schließe dich 99 anderen Abonnenten an

Was sagst du dazu?