Die Schattenseite des Loslassens

Die Kunst des Loslassens ist immer wieder Thema in meinem Blog, sie ist ein wesentliches Instrument zur Wahrheitsfindung und Auflösung fragwürdiger, unechter Konstrukte und aufgesetzter Prinzipien. Zumeist verwende ich sie, um mich von Dingen zu lösen, an die ich mich gewöhnt habe, obwohl sie mir schaden oder mir das Leben schwer machen. Im Normalfall wirkt sie erleichternd und wohltuend und fühlt sich richtig an.

Weg mit den alten Klamotten, die immer nur im Schrank hängen und man sich denkt, dass sie ja schließlich mal Geld gekostet haben… vergiss es, die ziehst du nie wieder an, einfach loslassen.

Schluss mit albernen Ausreden und Herumwinden, raus mit der Wahrheit nicht den Lügen… Masken runter, einfach loslassen.

Raus mit den ekelhaften, verrückten Idealen, die uns eine kranke, künstliche Gesellschaft vorgaukelt… die Illusion auflösen, einfach loslassen.

Unerklärliche, nicht mehr nachzuvollziehende Konventionen und Traditionen ablegen, die man nicht logisch begründen kann, die immer nur Kummer und persönliches Verbiegen mit sich bringen… behalte, was dir etwas bedeutet und den Rest und was „man“ so tut einfach loslassen.

In den meisten Fällen ist das gar kein Problem. Aber was passiert, wenn sich durch das Loslassen ganz viele Prozesse in Bewegung setzen, mit denen du nicht gerechnet hast? Wenn man einmal damit beginnt, kann man die Lawine nicht aufhalten, die Wahrheit rollt unaufhaltsam durch dein Leben, durch deine Gedanken, dein Handeln, deine Welt. Sie reißt alles Überflüssige ein, was du nicht brauchst, was du nicht fest genug in dir verankert hast und dieser Ballast kann ruhig weg. Du entscheidest dich vielleicht, an einem Punkt anzusetzen und lässt etwas los. Aber sei gewarnt, denn danach wird sich alles ändern. Von meiner persönlichen 180°-Wende habe ich dir bereits erzählt. Was ich dir noch nicht verraten habe, ist die neuste Entwicklung, die mich durch die Nachwellen der Wahrheit erreicht.

Vor einer Weile habe ich mich mit Freunden getroffen, der Anlass war mein Geburtstag. Wirklich schön fand ich ihn nicht, aber lange habe ich geglaubt, dass es daran gelegen hat, dass ich die meiste Zeit in der Küche war um Cocktails zu mixen und darum nie wirklich in eine Unterhaltung mit einsteigen konnte. Das war sicherlich auch ein Faktor, gar keine Frage. Und bitte denke jetzt nicht, dass ich den Abend ausschließlich ganz schrecklich in Erinnerung habe. Es hat mir sehr viel bedeutet, wie viele Menschen, die mich wirklich mögen, gekommen sind. Es hat mich auch über alle Maßen gefreut, dass sich alle sehr gut verstanden haben und man jedem Spaß und Gelassenheit ansehen konnte. So etwas berührt mein Herz, denn ich liebe alle meine Gäste und wenn es ihnen gutgeht, erfüllt mich das porentief mit Zufriedenheit.

Was mir allerdings im Nachgang sehr zu denken gab, ist die Tatsache, worüber sich so unterhalten wurde. Da ging es, soviel ich mitbekommen habe, eine Weile um Stars und Prominente, ein wenig um Politik und hin und wieder um das Be- und Verurteilen anderer oder bestimmter Prinzipien. Erst, als ich vor ein paar Wochen beinahe dieselbe Unterhaltung miterlebte, wieder im Rahmen einer freundschaftlichen Runde, da erkannte ich es dann. Ich bin ein Geist. Zwischen all den Menschen, die mir so viel bedeuten und doch abgeschnitten von der Kommunikation mit ihnen.

Diese Themen, ich kann dazu nichts sagen. Nicht mehr. Selbst wenn ich es wollte, ich wüsste nicht, was. Verstehe mich nicht falsch, ich möchte mich weder über andere erheben noch mich als einen völlig vorurteilsfreien und erleuchteten Menschen präsentieren. Es geht mir darum, klarzumachen, dass sich mein Weltbild so stark verändert hat, dass ich so viele alte Dinge losgelassen habe, dass sich unweigerlich mehr gelöst hat, als mir bewusst war. Ich habe keinen Bezug mehr zu diesen angeblich so faszinierenden Schauspielern und Models und Komikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens. Ich verurteile das nicht, wer in dieser Scheinwelt leben möchte oder sich an ihr amüsieren will, der soll das bitte gerne tun. Ich sehe nur für mich keinen Sinn darin, sich über diese Menschen auszutauschen. Mein eigenes Leben und das meiner Freunde finde ich so viel spannender, dass ich nicht weiß, warum ich mir über unechte Geschichten und Lästereien oder Vergleiche mit Leuten, die ich weder kenne noch je kennenlernen werde, Gedanken machen soll. Hallo übrigens, altes Ich! Denn genauso habe ich vor der Pubertät auch gedacht, vor der Gehirnwäsche. Auch das ist nicht wertend oder böse gemeint, denn wer sich daran vergnügt, über Fremde zu sprechen, sich vielleicht mit ihnen zu identifizieren oder anhand ihrer Fehler und Vergehen sich selbst in Maßstab zu setzen, der soll das tun, völlig egal, was ich sage oder denke. Das ist jedem selbst überlassen.

Für mich allerdings bedeutet das, wenn solche Themen aufkommen, bin ich raus. Ich werde sicherlich kein Interesse daran heucheln, denn es juckt mich nicht und alle Menschen haben ein Recht auf meine Ehrlichkeit, darum werde ich diese ganz besonders nicht meinen Freunden verweigern.
Genauso verhielt es sich bei den erwähnten Gesprächen jedoch auch mit Bewertungen und nicht nur in dieser Situation, sondern auch in vielen anderen Alltagsbereichen erkenne ich, wie mich diese Thematik berührt.

Meinungsfreiheit und Verurteilungen

Auch an dieser Stelle noch einmal, jeder kann grundsätzlich seine Meinung haben und damit machen, was er will. Ich allerdings finde das spontane, unreflektierte und unveränderliche Verurteilen starrsinnig, unaufgeschlossen und unfair. Klar, denkt sich der ein oder andere, schließlich kenne ich die Folgen von Vorurteilen nur zu gut. Sei mal sehbehindert in der heutigen Gesellschaft (ich weiß natürlich nicht, ob es früher anders war, aber ich kann nur vom Hier und Jetzt sprechen). Da wird man in der Schule gemobbt, weil man scheinbar schwächer ist, weil man anderen aus etlichen Metern Entfernung nicht zuwinkt zur Begrüßung, weil man es nicht gesehen hat und schwupps als arrogant gilt. So schnell wie Jugendliche mit ihren Schubladen und Stempeln sind, so schnell sind die meisten Erwachsenen jedoch auch.

Beurteilen und Bewerten ist eine wichtige Funktion, die der Mensch zum Überleben braucht. Ist ein Geräusch eine Gefahr oder kann es ignoriert werden? Lügt mich der andere an, will er mich über den Tisch ziehen und mir schaden? Sollte ich das Risiko eingehen oder lieber Vorsicht walten lassen? Das sind berechtigte Fragen, die uns helfen, unser Leben zu bewältigen. Dennoch verfallen wir nur allzu leicht in eine ungerechtfertigte Richterposition, wenn wir uns anmaßen, andere aufgrund von Äußerlichkeiten zu verurteilen. Zu einer Mitphilosophin sage ich in solchen Momenten gerne, dass man den anderen ruhig mit Bleistift skizzieren kann, um einen Eindruck von ihm zu gewinnen. Man sollte jedoch kein unauslöschliches Foto von ihm schießen, sondern den Entwurf zur ständigen Überarbeitung freigeben.

Was für Personen gilt, gilt natürlich auch für Trends und Entwicklungen, für Entscheidungen und Optionen. Viele haben beispielsweise eine sehr festgefahrene Meinung zur Abtreibung und halten alles, was nicht ihrem Bild entspricht, schlichtweg für falsch. Andere verurteilen Getreidedrinks, weil das etwas Neues ist, womit sie sich noch nicht beschäftigt haben und es aus ihrer Perspektive neumodischer Unfug ist. Andere halten Menschen mit Sonnenbrillen grundsätzlich für eingebildet und behandeln diese auch so. Dem ein oder anderen gefällt aus Prinzip und ohne Ausnahme eine bestimmte Marke nicht und ohne Rücksicht auf diejenigen, die diese bestimmten Farbmuster mögen, wird darüber gelästert und gewettert und geschimpft, wie bekifft diese schrecklichen Designer doch seien und wehe, man sagt etwas dagegen. Vom Fußballverein wollen wir gar nicht erst anfangen, denn da könnte eine gewaltige Diskussion losbrechen.

Weißt du, wie ich persönlich zu diesen Dingen stehe? Ich habe auch eine Meinung dazu, ganz klar. Aber ich bewerte nicht die anderen, sondern vor allem mich in der dementsprechenden Situation, denn was andere denken und tun, ist ihre Sache und unterliegt nicht meinem Urteil. Wer bin ich, dass ich jemanden für eine Abtreibung verurteile, wenn er ernsthafte Gründe dafür hat? Wer darf sich anmaßen, darüber zu richten, wenn ich eine Abtreibung vornehmen würde?

Mir ist es auch völlig schnuppe, ob eine andere Person beim Haferdrink würgen muss. Dann soll sie eben Milch trinken. Ihre Entscheidung. Wer eine Intoleranz hat, freut sich bestimmt riesig über diese Alternativen und wer einfach mal etwas anderes als Milch zu sich nehmen möchte wie ich zum Beispiel, der ebenso. Ich finde es toll, dass es so viel Varianz gibt, dass jeder etwas für sich finden kann, das ihm schmeckt, gefällt oder zusagt. Ich selbst finde Milch total lecker, den dmBio Reisddrink aber auch! Wieso werde ich dafür bitte beschimpft als Ernährungstrendopfer? Das kann doch anderen vollkommen wurst oder für die Vegetarier auch gerne käse sein, was ich esse. Schön natürlich, wenn man sich für mich freut, dass ich etwas zu mir nehme, das mir guttut und schmeckt, aber auf alberne Verurteilungen deswegen kann ich gut verzichten. Wo kommen wir denn da hin?

Zur Mode kommen wir, denn genauso verhält es sich auch mit Marken und Geschmäckern. Ja, wir wissen es doch alle! Geschmäcker sind verschieden, zum Glück. Also BITTE verschone mich mit stundenlangen Tiraden, wie hässlich die Muster von Desigual, wie verabscheuenswert Gracelandschuhe oder wie nicht unterstützenswert teure Lacosteparfumes seien. Ist doch okay, du musst diese Dinge nicht mögen und du darfst sie auch gerne schlecht finden. Aber wenn ich ein Kleid von Desigual überstreife, mir Gracelandballerinas anziehe und mich mit meinem olfaktorischen Begleiter Lacoste pour femme schmücke, dann sage ruhig, dass dir das nicht gefällt, ich nehme es zur Kenntnis und dann BASTA! Ich trage diese Sachen schließlich nicht, weil ich sie so schrecklich finde wie du, sondern, weil sie mir gefallen (wobei mir Marken im Prinzip völlig unwichtig sind – aber als Beispiel sind sie praktisch). Also respektiert das, genauso, wie ich respektiere, dass sie dir nicht gefallen. Wozu dann lange debattieren? Wozu heftige Verurteilungsstürme? Wie wäre es mit gegenseitigem Respekt? Das steht, ganz außer Frage, jedem!

Ich schätze mal, dass es im Grunde selbsterklärend ist, jemanden mit Sonnenbrille nicht gleich für ein Monster zu halten. Da ich jedoch oftmals etwas anderes erfahre, muss es wohl doch ausgesprochen werden. NEIN, nicht jeder, der eine Sonnenbrille trägt, hält sich für etwas Besseres und ist automatisch arrogant. Surprise! Das schockt jetzt bestimmt! Nehmen wir uns einen Augenblick Zeit, diese unerhörte Neuigkeit zu verarbeiten… okay, weiter geht’s: Es gibt sehr viele Gründe, warum jemand eine getönte Brille trägt – wie das Leben hinter dunklen Gläsern aufgrund einer Sehbehinderung aussieht, verrate ich dir hier gerne. Vielleicht will der ein oder andere auch einen Kater damit verbergen oder hat eine Bindehautentzündung oder ein Gerstenkorn oder wurde von einem groben Partner geschlagen oder hat die halbe Nacht geheult oder verträgt das Licht nicht so gut oder… oder… oder… oder er hält sich einfach für total cool. Egal, welche dieser Optionen davon tatsächlich zutrifft oder auch nicht, im Grunde spielt das doch gar keine Rolle. Tut es dir weh, wenn du jemanden mit Sonnenbrille siehst? Verletzt dich das auf irgendeine Weise, die ich nur noch nicht erkannt habe? Ändert es in deinem Leben, an deinem Gemütszustand etwas, wenn ein Sonnenbrillenträger sein Drahtgestell abnimmt? Geht es dir dann besser? Und wenn ja, bitte erkläre mir, warum. Ich kann es nicht verstehen und habe daher für diese Art der Verurteilung auch wenig übrig, denn solange ein Modegeschmack oder ein ungewöhnliches Verhalten mir nicht schadet, weiß ich nicht, warum ich gleich die große Verurteilungskommode mit den vielen kleinen Schublädchen anschleppen soll, um die Leute da ohne weitere Gründe reinzustopfen und dementsprechend zu behandeln.

Schattenstreifen fallen auf ein Gesicht.

Was hat das alles jetzt mit dem Loslassen zu tun?

Einfach alles! Denn dadurch siehst du hoffentlich, wie ich die Welt wahrnehme und worin mein Fokus besteht. Ich habe mich von vielen Vorurteilen gelöst und damit ist auch eine Aufspaltung vom Mainstream erfolgt. Das macht mich nicht besonders, das macht mich einfach anders, ganz wertungsfrei. Nun spielt sich aber ein Großteil des Lebens in dieser anderen Realität ab, die ich weitestgehend verlassen habe und es ist daher, als würde ich wie ein Geist durch diese wandeln, ohne, Kontakt mit der Ebene, die ich verlassen habe, aufnehmen zu können. Ich sehe dort viele meiner Freunde, ich kann da mein altes Leben sehen, wie ich eine zeitlang dort zu Gast war und nun bin ich wieder zu Hause, da, wo ich hingehöre, wo mich mein Herz schon immer haben wollte. Aber was ist mit den Verbindungen, die in die andere Perspektive führen? Wie soll ich mich mit Menschen umgeben, die ich lieb habe, mit denen ich aber nicht reden kann? Wie soll ich die Einsamkeit ertragen, weil die Lücken niemand schließt? Wie soll ich mit dem Schmerz umgehen, dass ich etwas verloren habe?

Natürlich werde ich jetzt nicht allen Leuten die Freundschaft kündigen, die über Angelina Jolie sprechen oder sich die InTouch kaufen (falls es das Magazin noch gibt?). Stelle dir vor, ich werde sogar die Getreidedrinkhasser nicht aus meinem Leben verbannen 🙂 Aber definitiv werde ich meine Konsequenzen ziehen und gewisse Situationen meiden. So ist das eben, alles ändert sich. Manche Konstellationen werde ich vermeiden, zu manchen Themen werde ich schweigen, manche Unterhaltungen werde ich nicht führen. So, wie ich die Urteile anderer hinnehmen muss, so muss man diese Seite an mir eben akzeptieren. Wer das nicht kann, passt nicht mehr zu mir und ich nicht mehr zu ihm.

Vermutlich ist es wie bei einer Trennung nach einer langen Beziehung. Es tut weh, ist aber gut. Man ist alleine besser dran und auch wenn man keinen Groll hegt, so kann man nicht problemlos befreundet bleiben. Ich habe mich von einem Teil meines alten Lebens getrennt. Dieser wird immer ein Kapitel im Roman meines Daseins bleiben, doch er kann und wird sich nie wieder wiederholen. Er ist abgeschlossen – genauso wie die Welt, die ich verlassen habe.

Ich bin ein Geist für die Realität, in der sich das hauptsächliche Leben der Menschen abspielt, die in diesem Augenblick sind. Aber ich bin guter Hoffnung, dass ich hier auf der anderen Seite dem ein oder anderen neuen Seelchen begegnen werde und vielleicht sogar einigen, die ich von drüben kenne und sie hier gar nicht erwartet habe.

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