Ich lebe in einer Welt, die von eigenartigen Wesen bevölkert wird 

Jeden Tag umgeben sie mich, wohin ich auch gehe. Auf dem Weg ins Büro, beim Spazierengehen in der Pause, bei Kinobesuchen, im Supermarkt… IMMER! ÜBERALL! Nur nicht zu Hause, da bin ich vor ihnen sicher. Dort können sie mich nicht beobachten, sie, die unsichtbare Gesichter haben und identitätslos sind. Ja, oft richten sie ihre neugierigen, verurteilenden, drohenden, gierigen, verachtenden, wohlwollenden, freundlichen oder abschätzenden Blicke auf mich… Blicke, die ich nur spüren, nicht aber erkennen kann. Sie sind der Grund, weshalb ich mich häufig gefangen fühle und etwas verfolgt. Gefangen in mir, verfolgt von gesichtslosen Individuen, die alles und nichts von mir wollen.

Wenn ich an sie denke, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken und doch hilft es ja nichts… ich lebe schließlich in ihrer Welt, bin Teil IHRER Realität. Schon mein Leben lang und doch fühlt es sich immer noch fremd an… das wird sich wohl nie ändern.

Vielleicht geht es vielen Sehgeschädigten und Blinden so, wenn sie vor die Türe gehen, vielleicht spinne ich auch nur. Wer weiß? Aber genauso fühle ich mich, wenn ich die Sicherheit meiner Behausung verlasse und mich in die Welt der Sehenden wage, die so gar nicht für mich gemacht zu sein scheint. Ich setze die Sonnenbrille auf, ziehe den Hut etwas tiefer ins Gesicht und lenke meine Schritte in Richtung Park – und da sind sie schon, die ersten Gesichtslosen, kaum, dass ich ein paar Meter gegangen bin. Die visuell Sehenden, die mich schon aus weiter Ferne erkennen, die genau beobachten können, wohin ich schreite, was ich anhabe, was ich bei mir trage, wer mich begleitet… sie sehen mich und sobald sie ganz nah herangekommen sind, sehe ich sie auch… …manchmal… etwas… je nach Wetter… je nach Tageszeit… je nach Lichtverhältnissen. Ich sehe ihre Silhouette, Umrisse, nie ihre Gesichter. Manchmal erkenne ich, ob es Männer oder Frauen sind, an Kleidung und Statur vorwiegend, doch kaum an ihrem Antlitz. Kinder dagegen sind durch ihre Größe leicht zumindest als kleine Heranwachsende zu klassifizieren, auch wenn sie dennoch fremd bleiben.

Verrückt, wie leicht es mir oft fällt, hinter die Masken und Fassaden vieler Menschen zu blicken und gleichzeitig oder gerade deswegen kann ich ihre Gesichter nicht sehen. Natürlich, wenn mir jemand nahe steht, tut er das wortwörtlich, dann kann ich ihn auf mehreren Ebenen, unter anderem der visuellen, erkennen. Ab und zu auf meiner Reise durch die Welt der Sehenden tritt jemand an mich heran, unerwartet, und macht mich durch akustische Demaskierung darauf aufmerksam, dass wir uns kennen und er mich so in seine Realität einlädt, in der ich schon längst angekommen bin, ohne es zu wissen und betritt gleichzeitig meine. Er schafft eine Verbindung und für diesen Moment leben wir im selben Hier und Jetzt, denn wir wissen beide voneinander und stehen uns auf derselben Seiensebene gegenüber. Hallo, Freund – schön, dass du mir dein Gesicht zeigst!

Aber das ist nicht der Normalfall und tausende und abertausende Gesichtslose gehen täglich an mir vorüber und ich weiß nicht, wer sie sind. Könnte mir im Grunde egal sein, oder? Wenn sie mich nicht ansprechen, brauchen sie mich auch nicht zu interessieren… wer mich gut genug kennt, weiß schließlich, dass ich ihn nicht sehen kann und wenn er meine Wirklichkeit betreten möchte, macht er sich auf eine Weise bemerkbar, die für mich wahrnehmbar ist. Klingt recht simpel, oder? Ist es definitiv nicht, denn wie ich schon sagte: wir leben in der Welt der Sehenden, wo das Visuelle dominiert. Sicherlich 90 Prozent oder mehr aller Interaktionen und Kommunikation findet über die Augen statt und genauso ist das Dasein konzipiert, Ampeln funktionieren mit Lichtern, kleine Schildchen zeigen die Preise der Wahren an, die Busnummer leuchtet (im besten Fall) auf der Frontscheibe und verrät jenen, die den Plan lesen können, wohin die Fahrt geht… blöd gelaufen, wenn man schlechte Augen hat, oder? Eine Wahrheit, mit der ich mich immer schwer tue… vielleicht wäre es einfacher, wenn das Sichtbare nicht so sehr im Fokus unserer Gesellschaft stehen würde. Schließlich ist das AusSEHEN und das AnSEHEN von größter Wichtigkeit für die Meisten. Mir persönlich ist das schnuppe, doch ich bin dennoch einer Welt aufgewachsen, in der Schein wichtiger als Sein ist, wo man bestimmten Etiketten folgen sollte, um nicht (negativ) aufzufallen, wo man tagtäglich sein Äußerstes pflegen muss, um nicht übersehen zu werden, wo Klamotten und Make-Up wichtiger sind als Gesundheit und Ehrlichkeit… kein Vorwurf, nur eine Feststellung und wer das nicht sieht, ist wohl hier eindeutig der Blinde. Wenn man nun in einer solchen Welt lebt, wo Äußerlichkeiten dominieren, ist es doch verständlich, dass man sich unwohl dabei fühlt, wenn andere einen sehen können, man selbst aber einen viel kleineren Radius der Wahrnehmung des anderen hat, oder etwa nicht? Ich stürme los, laufe in die Stadt und frage mich, ob ich Zahnpasta im Gesicht habe, weil mich eine ältere Frau – vielleicht? – gerade anstarrt… oder schaut sie auf mein Dekolleté? Oh Gott, sieht man meinen BH? Oder guckt sie mich gar nicht streng an, sondern wird auch nur von der Sonne geblendet? Sieht sie überhaupt in meine Richtung? Also eigentlich bin ich mir nichtmal sicher, ob das eine ältere Dame ist, könnte auch ein Herr sein mit Hut…? Ähm, alles relativ ungewiss.

Ich will und werde nicht lügen, es fühlt sich häufig nicht schön an, für jeden auf dem Präsentierteller zu sitzen, der einigermaßen gut sieht und selbst nie zu wissen, ob man angeschaut und wahrgenommen wird oder gar wie die Leute kucken.

Im Grunde ist es mir wirklich von Herzen egal, ob da Zahnpasta an meinem Mundwinkel hängt oder nicht. Was sagt das schon über mich aus? Dass ich es beim letzten Blick in den Spiegel vorm Losgehen nicht gesehen habe? Tja, dann ist es wahr, herzlichen Glückwunsch. Kein Grund, sich aufzuregen oder zu schämen. Nur die Gehirnwäsche… die löst dieses unangenehme Gefühl der Paranoia aus, das mich immerzu begleitet… traurig? Ach, nein. Das ist eben meine Wirklichkeit und wäre die Welt, die wir alle GEMEINSAM bewohnen, für uns ALLE gleichermaßen zugänglich gemacht, wäre das Ganze auch nicht der Rede wert. Dann würden wir sie uns TEILEN und müssten nicht inkludiert werden, wir Außenseiter, die eben eine Minderheit darstellen. Doch wozu von Utopia träumen, wenn man die Wahrheit bereits kennt?

Ich hoffe sehr, dass ich meine Grundeinstellung noch weiter festigen kann und irgendwann diese Paranoia weitestgehend ablege.. ich werde immer und immer wieder daran arbeiten und lieber mir selbst nahe sein, als über die möglichen Gedanken von Fremden zu spekulieren. Ich bin, wer ich bin – ein Geist auch in dieser Hinsicht. Hoffentlich finde ich noch viele andere zum spuken…

Apropos Spuk…

Das hört sich für den ein oder anderen Bessersehenden vielleicht etwas komisch und gesponnen an, aber stelle dir einfach mal vor, es wäre jeden Tag Halloween und jeder der dir begegnet, würde eine Maske tragen. Tagtäglich! Du wüsstest nie wirklich, wem du gegenüberstehst, bis er das Geheimnis lüftet. Es könnte dein Nachbar sein oder ein Kollege oder eine alte Schulkameradin, die dir früher das Leben schwer gemacht hat. Vielleicht auch ein Kindergartenfreund, der sich selbst nicht sicher ist, ob du es bist und schweigend weitergeht? Vielleicht deine eigene Mutter? Manche tragen eventuell nur einen Mundschutz oder andere verbergen die obere Gesichtspartie vor dir, sodass du immerhin das ein oder andere sehen kannst, was dir Aufschluss gibt – so ist es bei mir, wenn das Licht stimmt oder wenn jemand in meiner Nähe ist. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht wirklich ein tolles Gefühl für dich wäre… immerhin ginge es dir dann genauso, wie mir. Dumm, kann man ja sowieso nicht ändern, das weiß ich doch. Aber es wäre schön, wenn der ein oder andere, wenn er demnächst über einen belebten Platz läuft oder durch den Obi schlendert, sich mal kurz Gedanken macht, wie es mir in dem Moment wohl gehen würde oder all den anderen Menschen, die nicht mit den Augen sehen können, wer sie umgibt. Und vielleicht schafft das kurze Sinnieren darüber ein Fünkchen mehr Verständnis und öffnet die sehende Welt ein Quäntchen mehr für diejenigen, die zum Wahrnehmen nicht ihre Augen gebrauchen…

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