Von 2009 bis 2015 habe ich zuerst an der Pädagogischen Hochschule und dann an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg studiert: Sonderpädagogik, Germanistik und Philosophie. Direkt nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) bin ich von Stuttgart in ein winziges Einzelapartment in die Stadt der Brücken im Rhein-Neckar-Dreieck gezogen. Ein Sprung ins kalte Wasser, direkt aus dem warmen Nest in die stürmische Welt hinaus! Ich konnte nicht kochen, habe noch nie gewaschen oder gebügelt, war orientierungstechnisch eine Niete, war schüchtern und ängstlich, vorsichtig und zurückhaltend, von meinen Eltern sehr behütet, und da war ich nun, in einer fremden Stadt, weit weg von zu Hause… über 100 Kilometer trennten mich von meiner Familie und meinen Freunden – und das alles mit einer hochgradigen Sehbehinderung und einem Restsehvermögen von knappen 10 Prozent. Immerhin gab es einen Tag Mobilitätstraining – und das war’s! Bekannte hatte ich dort auch nicht, ich war alleine, so alleine, wie man nur sein kann.

2015 machte ich meinen Abschluss und zog zurück nach Stuttgart, seither habe ich Heidelberg nicht mehr besucht. Bis vor ein paar Wochen…

Baumlücke erlaubt Blick auf Schlossruine.

Ich war aufgeregt, bevor es zur Schlossbeleuchtung ging. So lange hatte ich meine geliebten Brücken, meine Neckarwiese, meine bezaubernde Altstadt nicht mehr gesehen… wie würde es sich anfühlen? Wie würde ich mich orientieren können nach einer so langen Auszeit? Würde ich mich noch zurechtfinden oder wäre ich wieder eine Fremde wie vor so vielen Jahren zuvor?

Fremde oder Zuhause?

Der Ausflug fing natürlich schon einmal ganz großartig an, denn ausgerechnet an dem Freitag musste die S-Bahn ausfallen und die nächste gewährte mir nur wenige Minuten, um zum Zug zu kommen… es hieß rennen, ausweichen, bei 35°C die Rolltreppe hochspringen, wortwörtlich über Koffer springen, sich an Im-Weg-Stehern vorbeiwinden und noch schneller laufen! Japsend und atemlos kam ich bei meiner mitreisenden Freundin an – wir düsten den Rest des Weges zum Zug, hechteten hinein, die Türen schlossen sich hinter uns und wir fuhren prompt los. Kaum saßen wir, stellten wir fest, dass es keine Klimaanlage gab, dafür jede Menge Hitze, die uns den Atem nahm. So reglos wie möglich saßen oder vielmehr hingen wir in unseren Sitzen, tranken alle Vorräte komplett leer und schwitzten alles augenblicklich wieder raus… was für ein wunderbarer Start für ein Wochenende, vor dem ich sowieso ein bisschen Angst hatte… im Hintergrund die Ansagen…

Stuttgart – Ludwigsburg – Bietigheim-Bissingen – Ellental – Sachsenheim – Sersheim – Illingen – Mühlacker-Rößlesweg – Mühlacker – Bretten – Bruchsal – Bad Schönborn-Kronau – Wiesloch-Walldorf – Heidelberg

…lange nicht mehr gehört… dennoch sehr vertraut…

Beim Aussteigen traf es mich dann zunächst wie ein Schlag in die Magengrube, dieses Gefühl, in einer anderen Welt anzukommen. Es überfiel meinen ganzen Körper und belegte meine Seele.

FREMDE oder Zuhause?

Der Heidelberger Bahnhof, wie viele tausend Fahrten hatte ich hier begonnen, wie viele hatten hier geendet? Als wäre ein Damm gebrochen, strömte eine Flut an Erinnerungen auf mich ein – und ebbte nicht mehr ab! Die vertrauten Stände und kleinen Kaufläden waren fast alle noch da, alles sah gleich aus: die Anzeigetafel, der Blumenladen, der Parkplatz draußen, das Fahrradmeer… . Ich kenne das alles, dämmerte es mir und doch kam die Bedeutung dieser Gedanken erst später bei mir an. Wir gingen hinaus, suchten unser Hotel, das in einer Gegend lag, die ich noch nicht kennengelernt hatte während meiner Studienzeit. Dennoch war es genau dort, wo mein Gefühl es vermutete… und da waren diese Straßen… die ich so oft entlang gegangen war. Da waren Pfosten, die ich mir gemerkt hatte, um sie nicht anzurempeln und Stufen, die sich eingeprägt hatten, weil ich sie als Vorsichtszone gespeichert habe… manchmal vorausblickend und manchmal aus unangenehmer Erfahrung heraus… alles war noch da – auch mein Wissen.

Bilder aus Heidelberg

Das aufkommende Vertrautheitsgefühl kämpfte heftig mit der Surrealität des Augenblicks. Fünf Jahre intensives Leben trafen auf eine dicke Staubschicht, die auf meiner Erinnerung lag. So weit weg, wie aus einem anderen Leben. Früher… damals… so unvorstellbar lange her, dass es fast nicht zu mir gehörte. Eher wie ein Film als wie eine Erinnerung an tatsächlich Erlebtes. Als wäre alles, was damals geschehen war, einfach auf den tiefen Grund meines Unterbewusstseins gesunken… nicht verloren, aber weit, sehr weit, weg…

Heidelberg Eindrücke

Fremde oder ZUHAUSE?

Jeder zweite Satz von mir war in etwa, dass ich es nicht glauben kann, dass ich hier mal fünf Jahre lang gelebt habe. Aber die Fassungslosigkeit wurde begleitet von dem Umstand, dass ich alles kannte. Nicht nur wiedererkannte, sondern richtig kannte!

Fremde ODER Zuhause?

Erstmal checkten wir im Hotel ein und machten eine kurze Pause von der strapazenreichen Anfahrt. Was für ein Spektakel an Gefühlen… und dann ging es richtig los!
Zurück zum Bahnhof laufen und dann in die Innenstadt fahren. Mit welcher Linie? Haha, als ob ich das nicht wüsste! Kaum standen wir an der Haltestelle, kam die Information ganz beiläufig aus meinem Unterbewusstsein hochgetrieben. Als wäre sie nie weggegessen. Faszinierend, diese Erinnerung…

Blick auf Heidelbergs Ufer vom Fluss aus

Fremde oder Zuhause?

Wir fuhren vorbei an Haltestellen, deren Namen mir wohlbekannt waren. Ich wusste noch, dass eine davon sogar während meiner Heidelberger Zeit umbenannt worden war. Und da drüben war mein altes Fitnessstudio, dort mein Augenarzt, da mein Zahnarzt, da habe ich einen Bauchtanzkurs besucht und da hinten bin ich mal um den kompletten Römerkreisel gelaufen, nur um dann eine Abzweigung vor meinem Startpunkt endlich festzustellen, dass ich da richtig bin.

Oh man, der Bismarckplatz ist immer noch so unübersichtlich wie eh und je… wie schön!

FREMDE ODER ZUHAUSE?

Soviel zu meiner Angst, alles vergessen zu haben… von wegen fremd, hier ist mein Zuhause! Seit ich angekommen war, war da dieses Gefühl, dass ich ganz kurz vor dem Weinen war. Zunächst hatte ich es nicht verstanden, aber jetzt weiß ich es. Es ist das Heimkommen, das mich so glücklich macht, dass es mir Tränen in die Augen treibt. Nein, ich bin hier nicht neu und ich werde nie vergessen! Nichts wird mir entfallen, denn jeden Weg habe ich mir mühevoll mit Schweiß und Anstrengung erarbeitet. Jede Stufe, über die ich je gestolpert bin, habe ich in mein Repertoire aufgenommen. Ich kenne den Boden am Uniplatz, in der Fußgängerzone, am Bahnhof, am Bisi, am Schloss und überall dazwischen. Ich weiß noch, wo und wann es eine Happy Hour gibt! An jeder Ecke winkt ein Stückchen meiner persönlichen Geschichte, mit Geschäften, Brücken, Gebäuden, Bäumen, Gerichten, Partys, Gedankengängen, Graffiti, Telefonaten, Lachen, Heulen, Panikattacken, Freude, Traurigkeit, Einsamkeit, Stolz, Angststörungen, Frust, Suchen, Finden, Triumphen… schaue ich nach links, sehe ich mich verzweifelt mit dem Monookular und meiner Mutter am Telefon, mir Google Maps-Anweisungen gebend, herumirren und das richtige Universitätsgebäude suchen, Schweißperlen auf der Stirn und die unausgesprochene Frage auf den Lippen, warum mir keiner dabei helfen kann. Blicke ich nach rechts, sehe ich mich im strömenden Regen lachend spazieren tanzen, schöne Musik im einen Ohr, Träume im Kopf und keine Angst im Herzen. Es war ein Licht- und Schattenspiel, aber ich habe es gewonnen. Das ist mein Heimspiel, das gehört alles mir und kann mir keiner je wegnehmen.

Lizzi auf einem Stein und mehr

Zuhause!

Es wurde insgesamt ein wundervoller Ausflug – in jeder Hinsicht. Ich kann dir nicht einmal davon erzählen, ohne dass ich beim Schreiben gerade wieder weinen muss, denn das ist echt und ehrlich und tiefbewegend. Ich bin mir so dankbar, dass ich damals nach Heidelberg gezogen bin, denn ich habe dort alles gelernt. Wer ich jetzt bin, wurde dort geformt und geschmiedet. Natürlich waren die Grundvoraussetzungen schon vorher da, aber aktiv hat sich dort alles ausgeprägt und weiterentwickelt, was ich jetzt bin, was mich ausmacht, was man an mir lieben und hassen kann. Meine Liebe zum Spazierengehen, zum Fotografieren, zur deutschen Sprache, zur Literatur, zur Philosophie und zum Nachdenken, zum Dichten, zum Schreiben, zur Wahrheit, zur Liebe, zum Leben. Meine Familie hat mich aufgezogen, erzogen, hat mir geholfen und alles gegeben, was Menschen mir geben können. Heidelberg hat dasselbe mit mir gemacht, nur auf eine andere Art und Weise. Das eine war die menschliche, soziale und familiäre Komponente. Das andere ließ mich selbst wachsen, weil ich mit mir alleine war in der Welt. Die Menschen, die mich von klein auf begleitet haben, sind meine Familie, dazu gehören auch meine Freundinnen, die ich als meine Wahlschwestern sehe – sie sind diejenigen, zu denen ich gehöre. Und Heidelberg ist die Heimat, die mir gehört. Dort wurde ich zu MIR in einem sicheren Rahmen.

Das hört sich vielleicht für dich so an, als wäre dort alles superschön und shiny gewesen… glaube mir, das war es ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Es war hart. Es hat wehgetan, hat mich zerrissen, hat mich alle Kraft gekostet, die ich hatte, um nicht zu scheitern. Als wäre ich als Nichtschwimmer in die übelste, stärkste Strömung geraten, die man sich vorstellen kann. Und doch habe ich es überlebt und genau das ist es, weshalb ich jetzt zurückblicke und sage, dass mir die Stadt und alles gehört, was ich mir dort erarbeitet habe.
Ich habe es mir verdient!

In nur drei Tagen habe ich eine Reise in die Vergangenheit gemacht und habe die dünnen Erinnerungsfäden fester und beständiger mit der Gegenwart verknüpft. Wir haben den Philosophenweg beschritten und die Erkenntnisse könnten nicht intensiver sein. Wir haben den Neckar überblickt, überquert und bereist und alles Gute von früher floss in das Hier und Jetzt. Wir haben das Schloss brennen gesehen, das Feuerwerk explodieren und strahlen und das Leuchtfeuer des Verstehens auf uns scheinen lassen. Wir sind über Brücken gegangen und haben Verbindungen im Leben geschaffen.

Ich habe mein Herz an Heidelberg verloren und in Heidelberg gefunden

Heidelberg, ich danke dir! Für eine unvergessliche Zeit und dafür, dass du mir meinen Platz in der Welt gezeigt hast. Wenn ich, bedingt durch das stürmische Treiben des Alltags, anfange, zu vergessen, weiß ich, dass ich nur nach Hause kommen muss und du mich daran erinnerst. Du bist der Fleck auf der Erde, an dem ich vollkommen bei mir bin – in mir ruhe und nicht nur weiß wer ich bin, sondern genau die sein kann, die ich sein will. Du bist mein Anker, mein Fels in der Brandung. Du bist mein Kompass, meine Lesebrille, mein Standbein und mein Eselsohr. Du bist, was ich bin, du bist die Urflamme, die ich in die Welt trage und wenn nur noch ein Flämmchen übrig ist, jederzeit an dir neu entzünden kann.
Ich erinnere mich an den Schmerz, den wir beide geteilt haben, an jede Sekunde in der Finsternis. Aber heute scheint das Licht der Erfolge heller als alles andere. Da ist keine Angst mehr, kein Versagen, kein Weh und kein Leid – in Heidelberg bin ich ein Sieger.

Ich kam als verängstigtes, einsames, zerrupftes Küken zu dir und du hast mich entzündet. Zuerst tut es weh, wenn man brennt. Das Herz steht in Flammen. Aber irgendwann lernt der Phönix fliegen, wenn das Feuer ein Teil von ihm geworden ist.

Danke, Heidelberg!

Das Heidelberger Tal

Was ich in Heidelberg alles gelernt und auf das Leben übertragen habe, kannst du hier nachlesen… 

Und wenn du wissen willst, warum wir alle verrückt sind, solltest du hier klicken… 

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