In die tiefe Stille des zeitlosen Raums, der war und doch nicht war, wob sich ganz heimlich ein Faden weicher Klänge. Zart und fein flocht er sich federleicht in die feste, allesumhüllende Ruhe, die den lichtlosen Ort bis in den hintersten Winkel für so lange Zeit erfüllt hatte.

Mit jedem Ton wurde sie kecker, die klingende Botschaft, sie zerrte wie ein Flüstern des Windes an staubigem Schwarz. Ihr melodiöses Zupfen regte das tonlose Tuch der Vergessenheit, zog es aus den Ecken und löste die Starrheit spielend mit frechen Noten auf. Tänzelnd, flatternd, schwebend flog sie durch unbewegte Luft, ließ sich von Wänden taumelnd ziellos und sicher geführt zugleich in das offene Nichts tragen. Glockenheller Gesang machte lebendig, was so lange leblos gewesen war.

Er hatte geschlafen, unendlich lange geschlafen. Die Müdigkeit fiel in Schleiern von seinem Gemüt. Eine Zauberstimme von samtigem Klang nahm Schicht um Schicht der Schwere von ihm, bis seine Lider so leicht wurden, dass er sie heben konnte. Blinzelnd lösten sich dunkle Wimpern von hellem Grund, schlugen wie Schmetterlingsflügel, bis der Blick eines Träumenden dem eines Wachen wich. Eisblaue Augen von dunklem Kranz umrandet erforschten nackten Stein und kargen Fels, unstet wanderten sie über rauchgraue Kanten, Anthrazitwölbungen, Graphitsenken, Nebelrisse und Glimmerkiesel.

Er nahm einen tiefen, langen, sehnsüchtigen Atemzug, der mit dem schmerzhaft-wohligen Heben eines lange unbewegten Brustkorbes den Hauch des Lebens zurückbrachte. Behutsam neigte er Finger, dehnte Sehnen und mobilisierte Gelenke – begleitet von bittersüßem wehen Wohltun.

In den zeitlosen Raum, der war und doch nicht war, an einen Ort, der nichts als Stille kannte, hatte sich ein wundersames Lied geschlichen, war neugierig durch ein Tor, das es nicht gab, gekrochen und hallte nun von ewigtauben Wänden wie ein Weckruf voller Lebenslust. Ihm folgte wie der erste Morgen ein Strahl aus einem Bündel Licht. Sein goldschimmernder Kegel aus purer Wärme und glühender Kraft glitt über marmorkalten Boden, zerklüftete Stufen hinauf, erklomm den natürlichen Sockel und tauchte mit jedem verstreichenden Augenblick den ewig schlafenden Krieger, der erwacht war, in gleißendes Sonnenlicht.

Wie auftauend kehrte das Leben in ihn zurück. Sich wärmend und atmend genoss er das Erwachen, das für ihn so viel mehr war, als das Ende einer Nachtruhe. Sein Herz klopfte fest und fordernd, die Sinne kehrten in die Welt der Wahrnehmung zurück. Erst tastend und torkelnd, dann forsch suchend saugten sie den Glockengesang, das weiße Leuchten, den modrigen Duft auf, verschlangen gierig jeden Eindruck, malten ein Bild auf eine verblasste Leinwand, die eine ganze Legende lang keinen Pinselstrich mehr gesehen hatte. Glitzernde Tupfen, melierte Steinstücke, hämmerndes Pochen, Wellen und Wiegen weckender Worte…

Mehr, er wollte so viel mehr! Zitternd vor Sehnsucht, Erwartung und Hoffnung setzte er einen Fuß vor den anderen. Fremd war die Bewegung, steif und ungeübt… doch jede Sekunde, die ihn mit mehr Lebendigkeit füllte, ölte seine Schritte zur Geschmeidigkeit, glättete Ungelenkes und zeichnete Widerstände weich. Und aufgerichtet zu voller Größe mit erhobenem Haupt und wachem Geist trat er zurück in das Licht einer Welt, die ihn verloren geglaubt und fast vergessen hatte.

Der Eingang des zeitlosen Raums, der war und doch nicht war, wurde von Büschen und Bäumen gesäumt und führte auf grasgrünem Teppich und moosgrünen Fellen auf eine Waldlichtung. Zwitschern und Schnattern, Rauschen und Plätschern, Sirren und Summen, Duften und Wachsen, Picken und Knacken… das Leben pulsierte.

Direkt vor ihm fand er den Ursprung, die Quelle der lieblichen Tonfolge, die ihn aus dem Grab des ewigen Schlafes befreit hatte. Die Quelle der samtweichen, rauchzarten Glockenstimme waren die feingeschwungenen Lippen einer Frau, einer Frau, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte, die ein Lied sang, dass er nie zuvor gehört hatte.

Halb stehend, halb sitzend lehnte sie an einem moosbedeckten Stein, der rankengeschmückt und blattverziert wie ein Thron das Zentrum allen Seins schien. Auf ihrer sonnenbraunen, geschmeidig glänzenden Haut lag locker luftig ein dünnes Blätterkleid, das eine Sinfonie wunderbarer Grüntöne bildete. Ihre weitwogenden Lockenwellen aus schimmerndem Kupfer dekorierten blassgelbe Blüten, als habe der Frühling selbst übermütig eine Handvoll hineingeworfen und zur reinen Freude mit einigen transparentflügligen Funkelfaltern gesprenkelt, die bei jeder Berührung des Sonnenlichts in leuchtendbunten Farben brannten. Um ausgestreckte Arme und lässig überschlagene Beine wickelten sich wild windend knospengetupfte Rankenstränge, deren scharfgeschnittenes Blattwerk sich in einer würzigwarmen Brise wiegte.

Vorsichtig kam er näher, sich behutsam bewegend, langsam um sie nicht zu erschrecken. Die seltsame Sängerin sang ungerührt und ungestört ihr fremdes Lied, die Augen geschlossen, winzige Blütenpollen an langgeschwungenen Wimpern tanzend, ein bezauberndes Lichtfleckenspiel herabfallenden Sonnenscheins auf ihrem tiefenentspannten Antlitz.

Als er genau vor ihr stand, verklang mit einem Mal harmonisch ihr Seidengesang, als habe sein Eintreffen den stimmungsvollen Schluss gebildet, als habe er ihr den letzten Ton gebracht, der ihr melodiöses Kunstwerk vollendete. Sie schlug die Augen auf, sah ihn mit milder Überraschung an und lachte ein so glockengleiches, samtweiches Lachen, dass es wie flüssiger Honig durch seine Venen bis ins Herz rann, wo es ihn einem einzelnen, wohligwarmen Sonnenstrahl gleich erfüllte.

„Schön, dass du endlich aufgewacht bist“, rief sie fröhlich und die Funkelfalter in ihrer Haarpracht flammten feuerbunt flatternd auf, während ihr grünglimmendes Blätterkleid raschelnd um sie wogte. Der smaragdene Zauber ihrer hellleuchtenden Augen berührte ihn so tief, wie der Glockenklang ihres Lachens und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit war Adan bis in das kleinste Fragment seiner selbst wieder hellwach und fühlte, dass er am Leben war.

Frühlingszauber

Mein Frühlingszauberblogpost nimmt blättergeschmückt, blütenbetupft, lichtgesprenkelt und das Leben feiernd an der zauberhaft schönen Blogparade Hallo Frühling (#bloggenkunterbunt) teil.

3 Kommentare zu „Frühlingszauber – Fragment aus Samtgesang

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