Hilfe, ich habe mich um 180° gewendet und weiß gar nicht genau, wie das passiert ist! Meine Welt steht Kopf!

2012 jagte ich hübschen Kleidern im H&M, im New Yorker und auf italienischen Märkten hinterher, gönnte mir ab und an einen McFlurry, liebte Schaufensterbummel, kam nie ohne ein Tütchen aus dem Nanu Nana, schnabulierte Backwaren unterwegs und spülte mit einem kleinen Coffee to go nach…

2017 pflanze ich Minze, Tomaten, Basilikum und Thymian auf dem Balkon an, gebe händeweise Klamotten in den Altkleidersack und denke, ich habe immer noch zu viele, verspüre die pure Abneigung gegen einen rauschenden Stadtbesuch, während mich der Gedanke an einen Spaziergang im Grünen lächeln lässt und seit über fünf Jahren habe ich keinen McDonalds mehr betreten – Lebensmittel werden bei Rewe, Alnatura und auf dem Markt gekauft, Kosmetika – wenn überhaupt – gibt’s ausschließlich in Bioqualität.

Ein neues Ich

Ich drifte immer mehr von 0815 zu etwas anderem und doch ist es die einzig schlüssige Bewegung, denn wenn einmal der erste Dominostein fällt, rollt die ganze Kette. Dabei folge ich weder einem Gesundheitstrend noch dem Bio-Hype, es sind logische Schlüsse, die mich zum Minimalismus antreiben, die mir die nötige Motivation zum Sport geben oder die mir mehr Glück schenken, als aller Konsum es jemals konnte.

2012 war ich mitten im Studium, in einer Selbstfindungsphase und noch komplett mit der Verarbeitung und Aufarbeitung meiner Vergangenheit beschäftigt. Seht es mal so: wenn man als Jugendliche mit Sehbehinderung von seinen Mitschülern gemobbt und ignoriert wird, ist es eine vorhersehbare Folge, dass das Selbstbewusstsein darunter leidet. Mit mir kann etwas nicht stimmen, dachte ich damals, denn wie können alle anderen falsch liegen? In Wahrheit waren es natürlich höchstens eine handvoll Menschen, die wirklich ungerecht und böse zu mir waren, der Rest waren Mitläufer oder Neutrale, die jedoch dadurch nicht ins Gewicht fielen. In der Phase hatte jeder mit sich selbst zu kämpfen und auf eine vermeintlich Schwächere geht man gerne los. Dazu kommt noch der Umstand mit der Behinderung. Sicherlich hat der ein oder andere in seiner Pubertät das Problem vermehrter Pickel gehabt – die hatte ich auch, ich konnte sie deutlich fühlen, wenn ich mit den Fingern über mein Gesicht fuhr. Andere haben sich möglicherweise mit dem Gedanken daran getröstet, dass ja jeder in dem Alter von Akne geplagt wird – ich habe bei anderen aber nie Pickel sehen können! Klar, ich war nicht dumm, aber die Tatsache, dass meine kleinen Hubbelchen im Gesicht echt und fassbar waren und andere für mich keine sichtbaren Spuren der Hautverunreinigung hatten, machten es schwer. Ich habe einfach nicht realisiert, dass ich die Irritationen der anderen schlichtweg nicht gesehen habe. Kein Wunder also, dass ich mich so hässlich fand, wie nur irgend möglich. Ich sage das auch nicht so, wie es vielleicht andere Jugendliche tun, nein, ich fand mich wirklich aus tiefstem Herzen abstoßend und vollkommen unattraktiv. Schminken konnte ich mich nicht, meine Figur war auch mal so, mal so, die Haut durch Neurodermitis nicht grade hübsch, meine Fingernägel habe ich durch die Nervosität gerne abgezupft. Das Gesicht im Spiegel wollte ich nicht anschauen. Ich fühlte mich jahrelang wie das Allerletzte. Ich dachte ernsthaft und ohne jedes Selbstmitleid, dass ich, falls ich jemals Sex in meinem Leben haben wollte, ich jemanden bezahlen müssen würde – das ist kein Witz. Niemand konnte mir helfen, selbst, wenn ich aus meiner Familie ein Kompliment bekam, drang nie das Lob, sondern nur die Botschaft: „Du bist unser Kind“ an mein Ohr und das relativierte eine aufrichtige Aufmunterung sofort.

Man kann daran deutlich sehen, wie verloren ich war, wie einsam mich das alles machte, denn ich war nicht nur von „normalen“ Aufwachsen und Erwachsenwerden abgeschnitten, sondern auch von mir selbst. Einsamer kann man sich vermutlich nicht fühlen, als wenn man sich selbst verloren hat. Bis heute wundert es mich, dass ich keine Depression bekommen habe, obwohl ich totunglücklich war. Aber da war so etwas in mir, das wusste, dass ich durchhalten muss. Aufgeben war nie eine Option, Weitermachen… von Hoffnung möchte ich nicht sprechen, da gab es keine. Aber Stehenbleiben wäre nie in Frage gekommen. Zum Glück!

Der einzige Strohhalm, der greifbar ist, ist vergiftet…

Damals habe ich in dem Halt gesucht, was so üblich war – ein verzweifelter Versuch, dazuzugehören. Ich kaufte mir Zeitschriften, um zu erfahren, was die lieben Stars so machen, um mich von mir abzulenken und im Falle eines Gesprächs mit anderen mitreden zu können. Um die Leere in mir zu füllen, ging ich shoppen und wertete mich durch neue Klamotten auf, sie waren die Stütze für mich, nicht die Person, die in ihnen steckte. Darum brauchte ich ständig Nachschub. Aber auch 100 Paar Schuhe können dein Herz nicht heilen, wenn es droht vor Einsamkeit zu Grunde zu gehen. Dazugehört habe ich natürlich trotzdem nicht. Wie auch? Das Anderssein war einfach schon immer mein Ding.

Mein Leben ging erst nach der furchtbaren Schulzeit richtig weiter und auch wenn ich es in dem Moment nicht bemerkte, musste ich mich doch langsam und stetig aus der Starre, der Lähmung des Vergangenen lösen. Erst heute kann ich sagen, dass ich die Wirkung vollends überwunden habe, obgleich natürlich ohne Frage eine tiefe Narbe zurückbleibt.

Auch wenn ich versuchte, mich an den Mainstream zu klammern, um nicht zu ertrinken, kristallisierte sich doch nach und nach heraus, dass ich eher eine Tendenz zu den Andersdenkenden und Randgruppen habe. Jetzt muss ich während des Schreibens gerade lachen, weil das so ICH ist, das Anderssein, Andersdenken. Ich möchte es nicht missen! Ich bin dankbar dafür, dass mich der besessene Geist des Konsums und Oberflächlichen nur zeitweise besetzt hat oder ich ihn hineinließ, um das Gerüst von innen zu stabilisieren, damit es nicht zerbrach. Aber ich bin wieder da, ich stütze mich selbst! Und das Konstrukt zerbröselt.

Mein neues Leben

Wann es angefangen hat oder ob es je weg war, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Vor der Mobbingphase war ich der reinste Idealist, moralisch sehr korrekt und gerecht. Diese Seite an mir ist für ein paar Jahre schlafen gegangen, als sie mit einer heftigen Realität konfrontiert wurde, der sie zu diesem Zeitpunkt nicht standhalten konnte. Im richtigen Moment ist mein Selbst wiedererwacht. Vielleicht, als ich den teuflischen Kreisen meiner Mitschüler und dem tatenlosen Dabeistehen meiner Lehrer entkam. Vielleicht, als ich beim Freiwilligen Sozialen Jahr Dankbarkeit und Wertschätzung erfuhr für das, was ich leistete. Vielleicht, weil andere Menschen in mein Leben traten, die mich losgelöst vom schulischen Wahnsinn kennenlernten. Vielleicht, weil ich feststellte, dass ich nicht das hässlichste Geschöpf der Erde war, das nicht einmal oder nur gerade so bei Gollum eine Chance gehabt hätte. Vielleicht, weil ich mir in tiefstem Herzen immer treu geblieben bin und nicht aufgegeben habe. Es ging aufwärts und der Klammergriff der Traurigkeit lockerte sich, verwandelte sich in eine versöhnende Umarmung. Ich fand mich wieder.

Zerbrochenes bleibt zerbrochen – und lässt das Licht frei

Wie es nun aber so ist, wenn man sich lange nicht gesehen hat: man muss die erlebte Entfremdung erst überstehen, bevor man zu völliger Eintracht kommt. Die perfekte Zeit dafür ist das Studium und wo ich doch mit mir gerade erst wieder warm wurde, nutzte ich die Zeit, die Welt zu erkunden. Nein, nicht physisch – dafür bleibt mir noch der Rest meines Lebens. Ich wählte – aus einem Impuls heraus – Philosophie neben Germanistik zu meinem zweiten Hauptfach, auch wenn es aus heutiger Sicht kein einfaches Lernen, sondern ein Augenöffnen, ein Weltverstehen und eine neue Lebensweise war. In der deutschen Philologie fand ich viel Schönes, Merkwürdiges und Episches, das mich tief berührte und meine empathische Ader zum Glühen brachte. Im Kreise der Philosophen wagte ich mich, die Grundfesten der Erde einzureißen, die Gesellschaft über den Haufen zu werfen, die Realität zu hinterfragen. Über ALLES habe ich nachgedacht, alles habe ich in Frage gestellt und à la Descartes und Sextus Empiricus bezweifelt! Meine Wahrheit habe ich Stück für Stück selbst wiederzusammengesetzt und am Ende war nicht nur meine Welt wieder heil, auch ich bin dabei wieder mit mir verwachsen. Vor meinen Füßen lag die allgemeine Wirklichkeit in Trümmern, in mir fand mein persönlicher Turmbau zu Babel statt.

Und zu dieser allgemeinen Wirklichkeit, in der die meisten Menschen zu leben scheinen, fand ich nie wieder zurück. Einen spaltbreit blieb die Türe geöffnet, ich kann noch immer hineinschauen und wie ein Gast darin wandeln, aber ich bin kein Teil mehr davon. Alles ist anders geworden.

Und so fällt die Dominokett

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, denn alles greift ineinander, genau wie die Welt es tut. Kommen wir mal auf den Konsum zurück: heute trage ich meine Kleidung und nicht sie mich. Der Mensch, der darin steckt, ist das, worauf es ankommt – bei mir genauso wie bei allen anderen. Wer mit sich selbst im Reinen ist, wer bei sich ist, definiert sich nicht über ein hammermäßiges Kleid, das Kleid hüllt eine hammermäßige Person ein, die es erst richtig zur Geltung bringt. So hat sich für mich auch die Relevanz für Schminke – die ohnehin schon relativ gering war – gänzlich erübrigt. Das Gesicht hinter einer Maske zu verstecken, passt nicht mehr zu mir. Keine getönte Crème, um Hautunreinheiten zu kaschieren, keine Wimperntusche, kein Lippenstift. Ich muss mein Gesicht nicht mehr verstecken und ich benötige keine Kriegsbemalung, denn ich habe keinen Grund, vermummt zu kämpfen. Wenn ich aufstehe und mich in eine Konfrontation begebe, tue ich das ohne Schleier, sondern ganz offen und direkt. Mein Geld investiere ich nicht mehr in solche Dinge, weder übermäßig viel Kleidung noch einen Badezimmerschrank voll Brauch-ich-eigentlich-nicht. Lieber investiere ich in mich. Unreine Haut ist ein Symptom, das ich nicht behandeln möchte. Stattdessen wende ich mich der Ursache zu: stimmt etwas mit meiner Ernährung nicht? Habe ich Stress? Bin ich auf etwas allergisch? Darum kaufe ich zu 90 Prozent Bio-Lebensmittel und -Pflegeprodukte, denn ich benötige diese Chemiekeulen nicht. Wozu auch? Wir leben in einer derart pervertierten Welt, die so weit weg von der Natur, vom echten Menschsein ist, dass es fast wehtut! Wir verstecken uns, verstellen uns, dümpeln zu oft an der Oberfläche, statt in die Tiefe zu tauchen, auch wenn sie manchmal Angst macht. Die Wahrheit ist da, ob wir hinsehen oder nicht. Aber wozu all die Ablenkung? Wozu das Orientieren an sogenannten Stars, die nichts leisten und die Spitze der Verzerrung sind? Wozu billig essen, wenn es unseren Körper teuer zu stehen kommt? Mir scheint, man hat vergessen, dass Geld nur ein Tauschmittel ist und nicht die Antwort auf alles. Wir beuten Pflanzen und Tiere aus, um möglichst viel von dem zu bekommen, was wir nicht brauchen. Andere verhungern und wir bauen Riesenrutschen, Tiefbahnhöfe und ein Shoppingcenter nach dem anderen mit immer denselben Läden mit immer denselben Klamotten, die uns zu einer einheitlich blinden, tauben und stummen Masse verkommen lassen, die unsere Individualität frisst, damit wir bloß nicht auffallen, bloß nicht aus dem schützenden Strom aus Gleichgültigkeit auftauchen.

Ich kann in diesen nicht mehr zurück, diesen Fluss aus Nichtigkeit. Mir liegt es fern, diejenigen zu verurteilen, die so leben, denn manche wissen es nicht besser, wollen die Realität nicht sehen, ertragen sie nicht oder möchten es sich eben einfach machen. Wer weiß schon, ob sie nur noch nicht aufgewacht sind oder in diesem Leben immer Schläfer bleiben. Ich allerdings habe die Augen aufgemacht und kann sie nicht wieder verschließen – ich bin kein kompatibler Teil mehr mit dem verzerrten Puzzle, das die meisten Wirklichkeit nennen.

Ich kann auch nicht mehr bei McDonalds essen, weil mir das viel zu teuer ist! Es kostet mich Gesundheit und verhältnismäßig viel Geld. Für künstliches sogenanntes schnelles Essen, das mich krankmacht und der Natur schadet, gebe ich nicht einmal einen Euro aus. Das steht in keinem Verhältnis zueinander. Es gibt zu viele gute Alternativen, zu viele Lebensmittel, die ihren finanziellen Preis wert sind. Wir essen nicht, weil wir Hunger haben – auch das haben wir offenbar vergessen. Nein, unser Körper braucht Nährstoffe und Energie. Um diese zu bekommen, signalisiert er uns mit Magenknurren und Hungergefühl sein Bedürfnis. Man sollte daher nicht essen, um satt zu werden, sondern um das Defizit auszugleichen. In Fastfood-Restaurants bekommen wir diese Nährstoffe definitiv nicht.

Der Turm wird immer höher…

Ich hoffe, du verstehst, worauf ich hinauswill… natürlich tust du das, sonst hättest du nicht bis hierher weitergelesen. Du weißt, dass ich dir zeigen will, dass wenn man einmal den Teufelskreis verlässt, der aus Konsumgeilheit und Realitätsfremde besteht, man dann in die echte Welt kommt. Man kann danach nicht mehr zurück in die Verblendung. Man findet zurück zum Ursprünglichen, zum Menschsein und zur Natur, aus der wir alle entstanden sind und ein Teil derer wir immer bleiben werden, ob wir es sehen wollen und können oder auch nicht. Die vermeintlich leichtere Sicht, das Leben in der Illusion, löst sich im Angesicht der Wahrheit auf – und fällt wie eine zentnerschwere Last von dem ab, der mutig genug ist, loszulassen. Es lohnt sich, denn wenn wir alles aufgeben und aus unserem Leben streichen, von dem wir nur denken, dass wir es brauchen, lösen wir die Steine, die uns daran hindern, zu fliegen.

Apropos fliegen: weitere Gedankenflüge kannst du hier mit mir machen!

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