Der Himmel ist stahlgrau, kein Sonnenstrahl schafft es durch die undurchdringliche Wolkendecke. Es ist einer dieser ewigdüsteren Herbsttage, den die meisten Menschen „furchtbar“ nennen und das warme Heim nicht verlassen möchten. Darum gehören die Straßen heute ganz mir.

Meine Welt steht Kopf

Was die einen als Tristesse und unzumutbar empfinden, zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht bei jedem Schritt den ich gehe, denn anders als die wunderschönen, wärmenden Sonnenstrahlen lässt mich das kühle Anthrazit sehen. Kein tagblindes Stolpern, schlafwandlerisches Menschenausweichen oder auf gut Glück über die Straße laufen, weil sie sich zumindest unbefahren anhört… nein, an Tagen wie diesen habe ich freie Sicht auf die Welt, da kann ich meine ganzen sechs bis acht Prozent Restsehvermögen ausschöpfen… das ist übrigens keine Ironie, denn wenn sich der graphitfarbene Vorhang über das geschäftige Treiben des Tages legt, erkenne ich plötzlich Menschen und keine schemenhaften Gestalten die am Rande meiner Wahrnehmung vorbeihuschen. Da strahlt mich das leuchtende Grün der Ampel an und das hellrosa Fahrrad eines kleinen Mädchens, das bei Sonnenschein ein unkalkulierbares Risiko wäre. Und die Bäume wiegen sich herbstbunt im sachten Wind, die Passanten ziehen farbenfrohe Schals bis zu den Ohren und mein Herz geht auf vor Freude, weil die tonnenschwere Last des wundervollen Sommers von meinen Schultern fällt. Endlich kommt die dunkle Jahreszeit – meine Jahreszeit! Monatelang werde ich das Büro verlassen und unbeschwert den Heimweg antreten können, werde beschwingte Spaziergänge unternehmen, spontane Verabredungen treffen und viele tolle Unternehmungen machen können – denn das ständig präsente gierige Loch, das meinen mentalen Krafttank konstant leert, ist für ein paar himmlisch lichtlose Wochen satt und lässt mir meine Energie ganz für mich!

Willkommen, Dunkelheit

Meine geliebte Finsternis, erhelle meine Welt, mache sie sichtbar und wunderschön für mich und kümmere dich nicht um das Fluchen und Verwünschen, das dir der größte Teil der Menschen entgegenbringt – du bist mein Balsam, meine Medizin, mein Muntermacher und für diese herrliche Zeitspanne werde ich dich egoistisch und dennoch verständnisvoll feiern und loben und in vollen Zügen genießen, denn du bringst mir meinen mentalen Sommer, während mein Körper im physischen Winter etwas zur Ruhe kommen darf.

Sich für andere freuen

Wenn du, lieber Leser, dir inbrünstig lange, freundliche Tage zurückwünschst und stattdessen bei nachtgrauer Suppe nur schwerfällig zur Türe hinauskommst, denke doch daran, dass diese Dunkelheit für eine Handvoll Menschen so viel Freude, Linderung und Erleichterung bedeutet. Das wird deine Stimmung nur unmerklich heben und deine Situation kaum besser machen, aber wer weiß, vielleicht kannst du dich ehrlich für uns Schattenkinder freuen und dann hast du doch schon mit einem kleinen Lächeln den Tag begonnen. Und du wirst sehen, unsere große Sonnenschwester lässt uns nie ganz im Stich und ist schneller wieder zurück nach ihrer wohlverdienten Auszeit.


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