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„Ich liebe dich von ganzem Herzen“, schreibt mir ein völlig Fremder via Facebook und spamt mein Postfach mit Herzchen und Figürchen zu. „Du bist mir so wichtig“, beteuert die E-Mail eines Unbekannten. Ein anderer versichert mir noch vor dem „Hallo“, er hätte gerne eine ernsthafte Beziehung mit mir.

Es ist wahr – ich liebe das Internet und all die Vorzüge, die es für mich als moderne hochgradig sehbehinderte Frau mit sich bringt. Ich kann so viele Hürden des Alltags damit überwinden und weitaus mehr. Durch mein heißgeliebtes Bloggen über mein Leben, über meine visuellen Spezifikationen und Dinge, die mich bewegen, habe ich eine schöne Form gefunden einerseits Erlebtes zu verarbeiten, zu schärfen und auszudrücken und andererseits wundervolle Leser und Hörer meiner Artikel damit zu erreichen, zu berühren und zu motivieren.

Aber wie bei allem gibt es eine Schattenseite, die es mir mindestens einmal am Tag eiskalt den Rücken hinunterlaufen lässt. Mit diesem Beitrag nehme ich an der Blogparade „Licht- und Schattenspiele aus dem Bloggerleben“ teil und verrate dir, gegen welche Düsternis ich beim Bloggen ankämpfe. 

Die schwindelerregenden Abgründe als Bloggerin

Besonders über Facebook, aber auch auf anderem Wege, schreiben mir überwiegend Männer die dubiosesten Dinge, sodass ich manchmal schon die Schultern straffen, durchatmen und eine leichte Angstattacke hinunterwürgen muss. Es schüttelt mich jedes Mal richtig!

Weißt du, wie widerlich das ist, wenn irgendein aufdringliches Individuum so dreist die Privatsphäre missachtet und in die Komfortzone eindringt? Vielleicht denken manche, so etwas gäbe es online nicht – FALSCH! Ich verrate mal ein kleines Geheimnis. Auf der anderen Seite des Displays sitzt (meistens) ein ECHTER MENSCH! Die Kommunikation mag digital sein, aber es bleibt eine menschliche Interaktion. Solche Nachrichten sind für mich dasselbe, als würde so ein blöder Arsch mir im Club grinsend an den Hintern grapschen und meinen, das würde mir gefallen, das würde ich wollen! Entschuldigung für diese nicht-lizzische Ausdrucksweise, aber sowas bringt mich auf die Palme!

Klipp und klar für alle: ich will das nicht!

Igitt! Es ist KEIN Kompliment, befummelt zu werden, es ist nicht charmant-gewieft mir körperlich ungehörig nahe zu kommen ohne mein Einverständnis und es ist nicht angebracht, einer fremden (vergebenen) Frau solche Messages zu schicken. Das ist ekelhaft! Respektlos! Entwürdigend!

Der eine behauptet, er würde mich lieben und wir wären seelenverwandt. Ja klar, das kann ER ALLEINE sicher gut beurteilen, weil er meine Beiträge liest oder hört… ich glaube ja eher, dass ihm mein Profilbild gefällt. Meine Güte, ich bin halt blond. Das ist meine Haarfarbe, keine Einladung! Und dass ich einen Freund habe und seit Jahren in einer glücklichen Beziehung bin, wird immer gerne fleißig überlesen.

Lizzi in schickem Kleid mit ihrem Freund.

Sowas ist für mich unverständlich in jeglicher Hinsicht!

Kleiner Hinweis am Rande: für eine studierte Germanistin und hochgradig Sehbehinderte ist die Verwendung verstehbarer, lesbarer (deutscher) Sprache ein absolutes Muss für einen Seelenverwandten. „Hei dame wie dir“ ist kein zusammenhängender, sinnvoller Satz, sorry. Damit möchte ich mich NICHT über Menschen lustig machen, die kein Deutsch können, Probleme beim Schreiben oder einen anderen Bildungsgrad haben. Quatsch! Damit möchte ich darauf hinweisen, dass ein solcher Kontakt für mich wertlos und ziellos ist.

Mal im Ernst: Was erhoffen sich die Schreiber dieser kryptischen Botschaften? Ich verstehe sie kaum, muss rätseln und entziffern und habe überhaupt keinen Bock zu antworten. Denken solche Menschen ernsthaft, das führt zu etwas? Wieso suchen sie sich denn niemanden, der sie versteht oder für den die geschriebene oder gesprochene Sprache weniger wichtig ist? Da in meinem Fall Mimik und Gestik größtenteils Fremdsprachen sind, weil ich sie schlichtweg nicht oder nur minimal wahrnehmen kann, setze ich auf les- und hörbare Worte zur Verständigung.

Was haben diese Kryptiker denn für Vorstellungen von Gesprächen und Austausch? Es geht hier ja nicht um ein paar falsche Kommata oder Rechtschreibfehler. Mache ich doch auch. Es geht tatsächlich um Buchstabensalat, fehlende Verben und dämliches Kauderwelsch aus dem Google-Übersetzer. Das ist mir völlig unverständlich und damit nur ein unnötiger Zeitfresser. Das sage ich nicht herablassend, sondern verwirrt bis ratlos. Wenn ich ein PC-Problem habe, gehe ich ja auch nicht zu meiner Schneiderin und wenn ich über Hunde plaudern will, schließe ich mich doch keiner Katzengruppe an.

Blumenstrauß mit Graus: Danke für die stinkenden Blumen!

Apropos unpassend: Es ist zu gütig, dass einige Männer beteuern, sie fänden mich trotz meiner Behinderung toll und würden mich gerne kennenlernen. Ach danke, sehr nett, dass ich als Gehandicapte nicht völlig wertlos bin, sondern ausnahmsweise eine akzeptable Partie wäre. So ein Glück, dass ich TROTZDEM hübsch und klug sei, darum könne man ja schon mit mir zusammen sein. Bin ich jetzt aber froh! Danke vielmals.

Ach nein, Moment – das absolute NO GO! Danke, sowas brauche ich nicht. Mir muss keiner sagen, dass ich toll bin, auch wenn ich eine Behinderung habe. Schon mal drüber nachgedacht, dass ich vielleicht grade wegen meiner Behinderung toll bin? Dass ich mit dem Herzen in die Tiefe sehe und nicht nur mit den Augen die Oberfläche streife? Und überhaupt: Behinderung hin, Behinderung her. Entweder findet man mich toll oder nicht – nicht trotz oder wegen meines Handicaps, sondern einfach nur meinetwegen! Ich bin genauso viel wert wie jede andere – ob mit oder ohne Handicap. Das habe ich ja wohl hinreichend in meinem Beitrag „Heiß mit Handicap – geht sexy trotz Sehbehinderung?“ bewiesen.

Oh ja, dieser Beitrag… der hat sehr viele Reaktionen ausgelöst.

Überwiegend positive natürlich, weil ich so fantastische Leser und Hörer und eine offene, moderne und starke Community habe. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele mich zu diesem Beitrag beglückwünscht haben, wie viele mir dankten, weil sie so froh waren, dass das mal jemand ausspricht, was sie genauso fühlen und denken! Sie feierten mich regelrecht für meinen Mut und die Direktheit.

Es gibt aber auch schmierige Stimmen, die überhaupt nicht auf den Inhalt geachtet haben, sondern sabbernd vor den Beitragsbildern saßen und maximal die Überschrift gelesen haben. Toll, und diese Testosteronbolzen darf ich jetzt abwehren, weil wenn man als Frau ein Bikinibild postet, will man natürlich gleich flachgelegt werden, oder? Ist doch ein offenes Geheimnis… nicht!

Herrschaften, wenn ihr vögeln wollt, geht in ein Bordell oder tindert! Ein Klick, ein F… ihr wisst schon Bescheid. 

Meine Güte, da schreibt man, dass man eine leidenschaftliche Frau (IN EINER GLÜCKEN BEZIEHUNG) ist, dass man als solche und nicht als ausschließlich Behinderte wahrgenommen werden möchte – und für ein Häufchen aufdringlicher Idioten ist die einzige Botschaft „… … … Sex… … … Titten … … … heiß … … …“ Klasse.

Wer jetzt denkt, daran sei ich selbst schuld, wenn ich einen solchen Beitrag schreibe – NEIN! Es stimmt, wenn man auf solche Themen eingeht, muss man mit einer entsprechenden Reaktion rechnen. Täte man das nicht, wäre man fürchterlich naiv. Gefallen muss mir das ja aber absolut nicht und dass es nicht richtig, schmierig und widerlich ist, siehst du bestimmt wie ich, oder? Ich habe ernsthaft, offen und direkt über ein Thema gesprochen, das mich und viele andere tief bewegt. Ein Aufruf zur Schlangenbildung für Dates war darin nirgends zu finden… auch nichts Anzügliches, Schmuddeliges, Perverses… wer den Beitrag kennt, kann das voll und ganz bestätigen.

It’s NOT a match!

Wer solche Kontakte sucht, ist bei mir falsch, fälscher, am allerfalschesten! Ich will keine Flirtanfragen, keine Datingrequests, keine unangemessenen Liebesbekundungen! Wenn mir jemand sagen möchte, dass er mich hübsch, nett und interessant findet, freue ich mich herzlich darüber, denn wie ich schon erwähnte: ich mag ehrliche Komplimente. Aber alles im Rahmen.

Wenn die Nachricht eines Fremden mit „Hallo Lizzi, ich hab dich so lieb“ beginnt, ist das einfach grotesk. Man kann mich nicht lieb haben, wenn man mich nicht kennt! Man kann mich sympathisch finden, meinen Worten zustimmen, Gefallen an meiner Erscheinung haben – aber LIEBE ist etwas Gegenseitiges, eine echte Emotion, die Kontakt erfordert! Austausch! Und auch wenn ich über meine Blogartikel eine Verbindung zu meinen Lesern und Hörern aufbaue und sie meinen Stil, meine Ansichten und meine Art kennen, so würden die meisten mit Recht niemals behaupten, sie würden mich als Person kennen, ohne je mit mir geschrieben oder gesprochen zu haben. Für den Großteil ist das klar, für ein Randgrüppchen leider nicht – das sind die, die Social Media düster machen, die verhindern, dass manche sich für Onlinedating anmelden, weil sie Angst vor solchen Personen haben, die als Menschen auf der Straße nie den Mund aufkriegen würden, aber digital die schützende Tastatur, die Distanz und die scheinbare Anonymität des Internets missbrauchen. Für mich sind das auch Cyber-Kriminelle. Sie stehlen Vertrauen und Zeit, sie sind durch die Missachtung jeglicher Etikette und Privatsphäre übergriffig und das schadet dem Gegenüber – unsichtbar, aber deutlich spürbar!

„Danke“ an die Mistkerle für meine phasenweise Paranoia, für meine wachsende Skepsis, für das Hochschrecken, wenn das Haus nachts knackt. Kleiner Hinweis: wenn man jemanden „liebt“, macht man ihm keine Angst, man respektiert ihn. Ihr wisst nicht, was Liebe ist, darum macht ihr sowas ja… traurig für uns alle!

Lizzi mit Sonnenbrille und skeptischem Gesichtsausdruck vor einer Weide.

Und dann sind da noch die Zeitfresser!

Es gibt also diese nervtötenden, beängstigenden Anmachen von womöglich verzweifelten, einsamen oder sozial verwirrten Herren, die kein Maß für Anstand, Feingefühl oder Respekt haben. Andere melden sich ununterbrochen, schicken etliche Nachrichten und spamen mich regelrecht zu. Sie erwarten Antworten und weil ich ein netter, offener Mensch bin, möchte ich zuhören und zurückschreiben. Aber ich bin auch kein Mülleimer und niemand hat einen Anspruch auf meine Zeit. Wenn ich schon lese „Person XY (25)“ und weiß, dass dieser jemand mir 25 Nachrichten geschickt hat, bricht mir der Scheiß aus. Warum denn das bitteschön? Ist es undenkbar, dass ich NICHT jede freie Minute online bin? Dass ich ein eigenes Leben habe? Dass ich mal keine Zeit zum Zurückschreiben habe? Solche Spamer klauen mir Zeit, Zeit, die ich viel lieber den wundervollen echten Kontakten widmen würde… 

Ich habe ganz tolle Kontakte über das Bloggen knüpfen können und freue mich über interessierte und neugierige Nachrichten. Sehr gerne höre ich mir spannende, schöne oder auch mal traurige Geschichten an, gebe Ratschläge oder spende Trost oder lasse mich einfach auf nette Konversationen ein. Das bedeutet mir sehr viel. Wenn ich Beiträge zu meiner Behinderung poste, kommen oft ganz tolle Tipps und Hinweise, wie ich mir das Leben vielleicht noch einfacher machen könnte. Solche wertvollen Reaktionen möchte ich nicht missen und all die tollen Menschen, mit denen ich im Austausch bin, schätze ich sehr. Ich wünschte, ich könnte ihnen allen immer regelmäßig zurückschreiben und mich bei ihnen melden. Aber bei täglich etwa 50 Nachrichten im Postfach bleibt leider – unverdienterweise – mal der ein oder andere Mensch auf der Strecke, der das gar nicht verdient hat.

Das sind die Schattenseiten meines Bloggerlebens

Du siehst, es gibt das ein oder andere, das mir das Bloggen schwermacht, das mich belastet und hemmt. Blöde Anmachen, rücksichtslose Nachrichten und zeitfressende Zecken… Das belastet mich oft. Trotzdem habe ich noch nie darüber nachgedacht, mit dem Bloggen aufzuhören. Nie im Leben! Das kann nur eines bedeuten: die positiven Aspekte überwiegen gravierend! Warum ich das Bloggen so liebe, dass ich auch schattige Momente in Kauf nehme, verrate ich dir in meinem nächsten Beitrag, wenn es heißt, Licht ins Dunkel zu bringen! 

Was hast du denn schon für gruselige Dinge online erlebt? Wie gehst du damit um? Verrate es gerne im Kommentar! 


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4 Kommentare zu „Die Schattenseite des Bloggens – Gänsehaut im Internet

  1. Eine hässliche Thematik – in wunderbare Worte verpackt. Ich bin aktuell in Mexiko und mache – einmal mehr – die Erfahrung, dass das alleinige Frau-Sein oftmals als Einladung bereits zu reichen scheint. Als Sozialarbeiterin und deklarierte Feministin begrüße ich den Kampf gegen derartige Aufdringlichkeiten, ganz egal, ob sie nun in der digitalen oder der „realen“ Welt erlebt werden, zutiefst. Toll geschrieben, wichtiger Beitrag!

  2. Liebe Katha,

    dankeschön für das Lob! Mir war es auch ganz wichtig, über diese Sache zu sprechen. Das Ganze wurde ausgelöst, weil ich ein paar Wochen lang einen wirklich aufdringlichen Cyber Stalker hatte und ich merkte, wie sehr mir das geschadet hat. Angst und Alpträume. Darum dachte ich, sowas darf mir keiner antun, mich so belasten! Nicht zuletzt deshalb habe ich beschlossen, offen damit umzugehen und darüber zu sprechen! Sowas wird ja gerne verschwiegen… nicht bei mir!

    Im „realen“ Leben kennt bestimmt jede Frau diese blöden Anmachen. Das geht einfach gar nicht. Mittlerweile bin ich schwer überrascht, wenn die Typen beim ersten „nein“ Ruhe geben und froh wenn bei der zweiten Abfuhr Schluss ist.

    Wir bleiben stark und kämpfen weiter!

    Alles Liebe und trotzdem eine tolle Zeit in Mexiko!
    Lizzi

  3. Ich habe mir zur Angewohnheit gemacht, grundsätzlich nichts im Internet für bare Münze zu nehmen. Gerade Bekanntschaften und Freundschaften schließe ich nur im wahren Leben. Wenn es um reinen Informationsaustausch geht, ist es OK über das Internet näheren Kontakt zu Menschen zu suchen. Aber das dann nur, auf rein fachlicher Ebene.

  4. Liebe Helena,

    ich halte es im Großen und Ganzen wie du. So richtige Freundschaften – wie viele es online pflegen – liegen mir nicht. Wenn ich den echten Menschen hinter dem Monitor nicht kenne, fehlt es mir immer an Substanz, um wirklich von „Freundschaft“ zu sprechen. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich online einige liebe Bekannte finde, über deren Nachrichten ich mich wirklich freue. Es gibt sie 🙂 Trotzdem kann ich es gut verstehen, wenn man das Ganze gerne trennt.

    Liebe Grüße
    Lizzi

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