Manchmal bin ich regelrecht starr vor entsetzter Faszination, wie fortschrittlich und rückständig unsere moderne Welt zeitgleich sein kann… die Menschheit fliegt zum Mond, heilt Krankheiten, taucht bis in unendliche Tiefen, transferiert das analoge Leben auf die digitale Ebene und doch ist die Inklusion von gehandicapten Menschen größtenteils noch in Kinderschuhen unterwegs. Und das meine ich nicht (nur) auf öffentlicher Ebene, sondern in der Gesellschaft an sich. Andauernd begegnen mir Ignoranz, Unwissenheit, Desinteresse und hilfloses Stillstehen. Die einen interessiert es nicht, dass es auch Menschen mit Behinderung gibt, solange in ihrem Leben alles glatt läuft, andere sind nicht aufgeklärt, viele wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen und einige wenige wollen gerne helfen, trauen sich aber nicht.

Kleines Beispiel: neulich wollte ich unbedingt mal wieder ins Kino! Ich frage im Freundeskreis, aber leider hatte keiner Zeit – erwartbar, es war sehr spontan. Gut, dann eben alleine, dachte ich mir. Wäre nicht das erste Mal, dass ich mir solo einen Blockbuster reinziehe. Allerdings war ich in der Zwischenzeit umgezogen und hatte das örtliche Kino erst einmal besucht, weshalb ich dachte, ich frage die netten Angestellten einfach mal, ob sie mir helfen können. Im Internet fand ich keine Telefonnummer, also füllte ich kurzerhand das Kontaktformular aus, in dem ich darum bat, ob mich eventuell ein freundlicher Mitarbeiter aus dem Team von der Kasse in den richtigen Kinosaal zu meinem Platz bringen könne. Das Resultat: fünf Tage später immer noch keine Antwort darauf (Ja, ich habe auch im Spam-Ordner geschaut). Dass am selben Tag keine Rückmeldung mehr kam, fand ich völlig akzeptabel, immerhin schrieb ich die Anfrage acht Stunden vor Filmbeginn. Aber dass gar kein Feedback folgte, irritiert mich doch.

Dann eben Netflix

Ich war dann übrigens nicht im Kino – weil ich festgestellt habe, dass ein Netflix-Abo für ein Gerät nur 7,50 € im Monat kostet und ich im Serienrausch versunken bin 🙂 Sicherlich wäre ich auch irgendwie ohne Hilfe letzten Endes im richtigen Kinosessel gelandet – wenn ich etwas WILL, schaffe ich das auch – aber etwas enttäuschend finde ich dieses Fazit schon. Ich glaube, jemanden von der Kasse zu seinem Platz zu begleiten dauert etwa zwei Minuten (wenn viele Treppen dazwischenliegen). Vermutlich hätte sich dafür Zeit gefunden. Und eine solche E-Mail zu beantworten kostet eigentlich auch nicht viel… Man hätte mir also eine problematische Situation mit denkbar geringem Aufwand angenehm und einfach erleichtern können. Schade, wohl doch nicht der Palast meiner Träume…

Ist es anmaßend von mir, um diese Art der Hilfe zu bitten? Kann man so etwas erwarten? Muss man eigentlich immer vor Dankbarkeit Luftsprünge machen, wenn einem dann tatsächlich mal geholfen wird?

Menschen helfen Menschen

Ich weiß schon, in der Natur würde man als behindertes Säugetier vermutlich nicht allzu lange überleben (obwohl ich auch schon von Rudeln und Gruppen gehört habe, wo sogar auf dreibeinige Gefährten eingegangen wird). Aber haben wir Menschen uns nicht zusammengeschlossen, um gegenseitig von den Stärken aller zu profitieren, um uns gegenseitig zu unterstützen, damit jeder seinen Beitrag zu einem erfolgreichen Großen und Ganzen leistet? Wenn ich zum Beispiel höre, wie an einer Bushaltestelle Ortsunkundige über die richtige Buslinie rätseln, sage ich ihnen ja auch, ohne groß nachzudenken, wie sie fahren müssen. Ich habe Wissen, das sie brauchen und gebe es gerne – so wünsche ich mir ab und zu, dass man mir mit der Sehkraft aushilft.

Ist es also okay, immer wieder einen gewissen Frust zu verspüren, wenn man auf solche Hürden trifft? Wie schwer ist es denn, auf eine solche E-Mail-Anfrage (überhaupt) zu antworten? Was läuft mit der Menschheit falsch, wenn man nicht einfach mit Menschlichkeit auf ein Hilfegesuch reagieren kann?

Ich mag nicht, wie sich das Ganze anfühlt! Ich will nicht immer „die Behinderte“ sein, die Aufwand bedeutet, der man helfen muss, die Umstände macht… aber Behinderten muss man ja helfen, gell? Stattdessen würde ich gerne als Mensch betrachtet werden, dem man aus Menschlichkeit, aus dem urtümlichsten Gefühl des Menschseins heraus, unterstützt – so, wie ich durch meine Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensschätze, welche andere nicht haben, wiederum meinen Beitrag leiste. Hat meine Nachbarin nicht genügend Kraft, trage ich ihr kurz den Einkauf hoch. Hat ein Passant die Hände voll, halte ich die Türe auf. Steigt eine ältere Frau wacklig aus dem Bus, biete ich meinen Arm als Stütze an. Fragt mich ein Vorbeigehender nach dem Weg, beschreibe ich die Route, fällt ein Kuscheltier zu Boden, hebe ich es für das Kind auf… ein ganz simples Harmonisieren von Ungleichgewicht, ein Ressourcenaustausch – easy, stressfrei, menschlich!

Es könnte doch für uns alle so einfach sein. Warum ist es das nicht?

Ich würde mich über ein paar Antworten, Kommentare, Anregungen und Gedanken eurerseits extrem freuen! Vielleicht könnt ihr mir helfen, meine Perspektive zu erweitern?

2 Kommentare zu „Menschen helfen Menschen

  1. Ich würde mich freuen, wenn du mich auch in deine Welt einbeziehen könntest Jeder Beitrag von dir trifft mich mitten ins Herz. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Mein Herz hast du bereits vor fast 30 Jahren erobert. Du bist für mich eine großartige Persönlichkeit und du stehst erst am Anfang. Ich glaube, dass ich irgendwann ein Buch von dir lese und das wird, wie du selbst, einzigartig sein..

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