Vor rund zehn Jahren hatte ich mein letztes Date. Kommt mir vor, wie in einem anderen Leben. Dabei gehörte Dating in meinen 20ern so selbstverständlich zu mir wie das Ausprobieren, Feiern oder Studieren. Seit über einem Jahr bin ich nun wieder Single. Habe verarbeitet. Geweint. Mich an der Freiheit erfreut. Umgestaltet. Heilen lassen. Erstmal mit mir beschäftigt.

Seit einer Weile stelle ich mit Erstaunen fest, dass ich Menschengruppen wieder nach attraktiven Männern scanne. Dass es Spaß macht, unverbindlich mit dem Kellner zu flirten. Oder mit einem Fremden in der Bar anzustoßen und dabei ein Lächeln zu tauschen. Alles Zeichen, die in eine Richtung führen.

Nur, wie war das doch gleich mit dem Dating? Woher weiß ich, ob mich jemand gut findet? Wo treffe ich überhaupt nette Kandidaten? Sollte ich erstmal eine Runde ins Fitness? Offline oder online? Fragen, die sich vermutlich viele Alleinstehende stellen. Da wäre bei mir nur noch die Sache mit der Sehbehinderung. Die spielte vor zehn Jahren keine große Rolle für mich. Damals hatte ich keinen Führhund. Keinen Stock. Dieselbe Sehbehinderung, aber einen ganz anderen Umgang damit. Da man mir die visuelle Einschränkung nicht ansieht, lag es an mir, mich früher oder später zu outen. Das gab mir eine gewisse Sicherheit. Und Spielraum.

Meine Datingstrategie für Sehbehinderte

Zu Verabredungen kam ich grundsätzlich eine halbe Stunde früher, um nicht in die Verlegenheit zu geraten, mein Gegenüber suchen zu müssen. Ich habe dafür gesorgt, dass er zu mir kommen muss. Vorschläge für Cafés und Restaurants kamen ebenfalls ausschließlich von mir, sodass ich mir sicher sein konnte, den Weg, die Räumlichkeiten und die Speisekarte zu kennen. Meine Absicht war nie, meine Sehbeeinträchtigung zu verheimlichen. Sie ist ein Teil von mir und gehört dazu. Ich fand es einfach schön, sich zuerst als Menschen zu begegnen, ohne ein vorurteilsbehaftetes Thema in den Vordergrund zu stellen. Mir war es wichtig, als die Person gesehen zu werden, die ich bin, ohne, dass sich gleich ein gewaltiger Filter über mich legt. Im Laufe des ersten Dates habe ich mich immer geoutet. Und sehr positive Erfahrungen mit dieser Strategie gemacht.

Wie will ich das heute handhaben? Fast immer und überall bin ich mit meinem Führhund Harry unterwegs und bekannt. Ein Blick auf meine Social Media-Kanäle und die Sache ist klar. Verstecken wird schwer. Und ob ich das überhaupt möchte, ist die andere Frage. Klar, ich würde es nicht gerade ganz oben in mein Datingprofil schreiben. Datingprofil – wenn ich das schon höre. Am liebsten würde ich jemanden im Alltag treffen. Gleich spüren, ob die Chemie passt. Zusammen lachen. Sich im Geschehen begegnen. Im Bus. Im Fitnessstudio. Beim Pokémon Go-Spielen.

Wäre super, ist jedoch gar nicht so leicht, wenn ich den Blickkontakt nicht jedes Mal mitbekomme oder mir aus zu großer Entfernung zugelächelt wird. Wenn jemand außerdem genauso schüchtern ist wie ich, wird er nicht auf mich zukommen und ich erfahre nie, dass da Interesse bestanden hätte… und ja, ich bin schüchtern, auch wenn mir das die meisten nicht glauben wollen.

Angst, reduziert zu werden

Ein weiterer Stolperstein: Ich gebe zu, da ist diese große Angst, auf meine Sehbehinderung reduziert und ihretwegen „aussortiert“ zu werden. Mir begegnen täglich Leute, die denken, ich würde in einem Heim wohnen und im besten Fall in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. Eine Haushaltshilfe dichten sie mir grundsätzlich an. „Kümmert sich dein Freund um dich“, hallen die tausendmal gestellten Fragen aus den vergangenen Jahren durch meine Erinnerung. Und ich höre den vielstimmigen Rat, ich solle mir doch einen sehbehinderten Mann suchen. Bei all diesen Gedanken schüttelt es mich. Nicht, weil etwas Schlimmes daran wäre, betreut zu wohnen oder ein sehbehindertes Paar zu sein! Nein, all diese Klischees zeichnen ein Bild, das meinem echten Leben nicht ansatzweise ähnelt. Sie werden mir übergestülpt und ersticken mich. Mich und mein kreatives, herzliches und lebenslustiges Ich, das nicht aufgrund eines Merkmals von vorn herein reduziert werden will.

Tja und dann wären da noch die eigenen Ansprüche. Zugegeben, diese haben sich seit meiner letzten Datingphase erheblich geändert. Je älter ich werde, desto eher weiß ich, was ich nicht will. Und, wonach ich mich sehne. Ich gestehe, ich habe dazu sogar eine Liste erstellt. Nein, keine Checkliste, die dann zum Date mitgenommen und abgehakt wird. Einfach eine Sammlung an Dingen, die ich mir von und für eine gemeinsame Beziehung wünschen würde. Es hilft mir, solche Dinge festzuhalten. Wenn sie lose in meinem Kopf kreisen, ist das eine Sache. Sie mit getippten Worten sichtbar zu machen, lässt sie echter, konkreter und deutlicher werden.

Vielleicht erinnerst du dich, ich bin auch die mit der bucket list.

Ich stehe zu diesen Wünschen und Vorstellungen. Wohin das Leben letztlich fließt, werden wir sehen. Die Kunst wird sein, durch ein Mienenfeld aus Vorurteilen, Unsicherheiten und dem ganz normalen Datingwahnsinn zu irren. Traumhafte Aussichten. Aber es hat schließlich niemand behauptet, es würde leicht werden. Und ist es nicht genau deshalb so besonders, wenn ich vielleicht jemanden finde, bei dem ich einfach sein darf, wie ich bin? Bekommt es nicht gerade deshalb wahre Bedeutung? Ich denke schon und bin trotz aller Skepsis und Aufregung sehr gespannt, was die Zukunft bringt.

Nicht ohne meinen Wingman

Zum Glück habe ich diesmal einen Trumpf, den ich früher nicht hatte: Einen Wingman namens Harry. Ich finde die Vorstellung großartig, dass er uns einen sympathischen Mann sucht. Geschmack hat er schließlich. Und wie die Erfahrung gezeigt hat, durchaus Menschenkenntnis. Also Harry: „Such neues Herrchen!“


Was sind deine Erfahrungen und vielleicht auch Tipps rund ums Dating? Insbesondere im Bezug auf Menschen mit Sehbehinderung. Lustige Anekdoten? Romantische Geschichten? Erzähl.

4 Kommentare zu „Dating mit Sehbehinderung – wie bitte geht das?

  1. Ein schöner Beitrag, danke für deine Offenheit! Eine super Idee, Harry den Partner suchen zu lassen. Ich wünsche euch beiden viel Erfolg und auch viel Spaß bei der Partnersuche! Ich schaue mir inzwischen deine älteren Beiträge an, habe deinen Blog gerade erst entdeckt. Viele Grüße und ein gutes neues Jahr! Emma

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  2. Es ist wirklich bewegend zu lesen, wie du deine persönlichen Erfahrungen und Gedanken über das Dating nach einer langen Zeit des Singledaseins teilst, insbesondere unter Berücksichtigung deiner Sehbehinderung. Deine Offenheit und Ehrlichkeit sind bewundernswert.

    Es ist verständlich, dass du dich nach einer Weile des Alleinseins wieder für das Dating öffnest und die Freude an solch alltäglichen, aber besonderen Momenten wie dem Flirten mit dem Kellner oder dem Lächeln eines Fremden in der Bar genießt. Das ist ein schöner Schritt in Richtung einer neuen Phase in deinem Leben.

    Deine frühere Datingstrategie, bei der du Verabredungen so gestaltet hast, dass sie für dich angenehm und sicher waren, zeigt eine kluge Herangehensweise und eine gewisse Sensibilität für deine Bedürfnisse. Die Idee, dich nicht sofort auf deine Sehbehinderung zu konzentrieren, sondern dich zuerst als Mensch zu zeigen, ist sicherlich eine großartige Möglichkeit, echte Verbindungen zu knüpfen.

    Es ist mutig und wichtig, dass du deine Sorgen und Ängste hinsichtlich der Wahrnehmung deiner Sehbehinderung in der Dating-Welt ansprichst. Die Vorurteile und Stereotypen, denen du begegnest, können erdrückend sein, aber deine Entschlossenheit, dich nicht aufgrund deiner Sehbehinderung reduzieren zu lassen, ist inspirierend.

    Deine Liste von Wünschen und Vorstellungen für eine Beziehung zeigt, dass du eine klare Vorstellung davon hast, was du suchst und was dir wichtig ist. Das ist eine großartige Möglichkeit, Klarheit in Bezug auf deine eigenen Bedürfnisse zu schaffen.

    Die Tatsache, dass du Harry als deinen „Wingman“ einbeziehst, um möglicherweise jemanden zu finden, der zu dir passt, ist wirklich süß und zeigt, wie sehr dein Hund ein wichtiger Teil deines Lebens ist.

    Insgesamt wünsche ich dir viel Glück und Erfolg auf deiner Reise im Dating-Dschungel. Deine Offenheit, Stärke und dein Mut sind bewundernswert und werden dir sicherlich dabei helfen, echte Verbindungen zu knüpfen und jemanden zu finden, bei dem du einfach du selbst sein kannst. Vielleicht wird das nächste Kapitel in deinem Leben noch aufregender als du es dir vorstellen kannst.

    Mit freundlichen Grüßen
    Miss Katherine White
    https://www.miss-katherine-white.com/der-hass-steht-ueber-allem/

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  3. Ich habe seit über 30 Jahren nicht mehr gedated und kann hier in keinster Weise mitreden. Aber ich finde deine Gedanken dazu und die Tricks, die du kennst wirklich bemerkenswert und somit hast du es in meinen Monatsrückblick, in dem ich auch immer drei Linktipps gebe, geschafft.
    Besuch mich gerne mal!
    Sabiene

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