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Ich bin ja schon länger auf der Suche nach einer neuen Sportart für mich. Da kam der TalentTag organisiert vom bewegungszentrumpfulb in Kooperation mit der Deutschen Behindertensportjugend und dem Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband e.V. wie gerufen!

Ein richtig cooles Event, das jetzt bereits zum zweiten Mal in Oberlenningen bei der gemütlichen Pfulb-Hütte stattfand. An verschiedenen Stationen konnten große und kleine Sportfreunde viele Para-Sportarten ausprobieren – vom Tandemfahrrad über Rollski bis hin zur Leichtathletik!

Lizzi mittendrin

Gemeinsam mit meiner Mutter mischte ich mich am 11. Juli 2019  ins Getümmel und klapperte die Stationen ab. Natürlich ließen wir uns die gute Laune und die Motivation von den gelegentlichen Regeneinheiten nicht nehmen. Ein paar Wassertropfen lassen sich mit einer schönen Tasse Kaffee, einer gehörigen Portion Spaß und guter Gesellschaft problemlos wettmachen!

Voll besetzte Stationen voll mit Kindern und Betreuern.

Station 1: Schießen nach Gehör

Das wilde Piepsen hoher und tiefer Töne in unterschiedlichen Abständen begrüßte uns bereits direkt bei der Ankunft. Eine eng von Kindern umstellte Station, die offenbar so etwas wie die Hauptattraktion zu sein schien. Was zur Hölle ist das für eine Geräuschkulisse und was um alles in der Welt macht man da, ging es mir durch den Kopf. „Da kannst du das Schießen ausprobieren“, sagte man mir und ich dachte bloß. „Schießen? Ich? Ähm, nein.“

Ich sag dir was. Wenn bei meinen Großeltern früher Biathlon im Fernsehen lief, fand ich das immer sterbenslangweilig und Waffen kann ich sowieso nicht leiden. Wenn ich mal zocke, dann nie irgendein Ballerspiel.

ABER ich wäre ja nicht ich, wenn da nicht doch ein brennender Funken Neugier in mir gewesen wäre. Wenn es den Kindern solchen Spaß macht, dass sie die Station regelrecht stürmen, dann muss es cool sein. Denn wie der ein oder andere weiß, habe ich eine sehr innige, gesunde Beziehung zu meinem inneren Kind und mache gerne jeden Quatsch, ganz egal, ob das gesellschaftlich angebracht ist oder nicht. Also – wie könnte es anders sein, wartete ich, bis ich an der Reihe war und wurde ins Schießen nach Gehör eingewiesen.

Lizzi liegt am Schießstand und wird in die Technik eingewiesen.

Ich begab mich auf eine Matte am Boden, lud einen Schuss, setzte das relativ schwere Gewehr an meine Schulter und legte den rechten Zeigefinger an den Abzug. Über Kopfhörer vernahm ich ein konstantes Tuuut – Tuuut. Ich bewegte die Waffe leicht und merkte, wie sich die Geräusche veränderten. Es galt, durch feinfühliges Zielen, einen ganz hohen (etwas nervigen) Ton zu finden und abzudrücken. Je näher man der Mitte kam, wurde das Gepiepse kürzer aufeinanderfolgend und schließlich durchgehend und immer ansteigender, bis man schließlich das Ziel direkt anvisierte. KLICK! Die ersten fünf Schüsse gingen komplett daneben. In der zweiten Runde hatte ich den Bogen dann raus und traf vier von fünf. Der dritte Versuch brachte ein drei von fünf, was auch ein bisschen an meinem zittrigen Arm und meiner Verkopfung lag.

Wow, mir war die Schulter vom Gewehr abstützen und Arm hochhalten im Nachhinein ganz schön schwer – ich als Bürohexe habe ja eher eine untertrainierte Rückenpartie.

Weißt du was? Schießen nach Gehör ist richtig cool! Wären da keine putzigen Kinderchen hinter mir gewesen, die auch wieder ran wollten, hätte ich direkt weitergemacht. Das macht süchtig! Ein bisschen wie ein Computerspiel, nur mit Gewehr anstelle eines Controllers.

Hat sich doch mal wieder ausgezahlt, dass ich offen für Neues bin.

Station 2: Rollski

Da die Leichtathletikstationen witterungsbedingt eher verwaist waren, ging es mit einer Partie Rollski weiter.

Als kleines Kind stand ich schon mal auf Skiern, aber mehr als einen winzigen Hang und ein zwei Kurven bin ich nie gefahren. Meine Familie hielt es für zu gefährlich, da ich besonders im grellen Schnee so gut wie blind bin. Mich störte das nie – ich war begeisterte Schlittenfahrerin und Schneeskulpturenkünstlerin. Später zog es mich eigentlich nie ins kalte Weiß, schon alleine, weil ich da meistens stark geblendet bin.

Super Sache also, dass man Rollski im Sommer laufen kann. Wie funktioniert das? Man zieht sich spezielle Schuhe an, die man jeweils auf einem Rollski befestigt. Einer davon ist etwa einen Meter lang und hat vorne und hinten ein Rad. Irgendwie ein bisschen wie ganz langgezogene Rollschuhe… Für ein gutes Vorankommen und das nötige Gleichgewicht sorgen Stöcke, die mit Handschlaufen versehen sind.

Lizzi auf Rollski

Schwupps stand ich auf diesen Dingern und dachte nur an mein nicht gerade ausgeprägtes Gleichgewicht. Egal, wird schon schiefgehen und rein ins Abenteuer! Rechter Fuß und linker Stock, linker Fuß und rechter Stock – so bewegte ich mich im Wechsel halb schreitend halb rollend vorsichtig voran.

Puh, echt ungewohnt! Zum Glück ging es nur eine gerade Straße entlang, denn diese fremde Bewegung kostete mich viel Konzentration. So ist es auch im Yoga, wenn wir Balanceübungen machen – da bricht mir direkt der Schweiß aus. Trotzdem klappte es ganz passabel und ich blieb – auch dank meiner engagierten Begleiterin – auf den Beinen. Irgendwann auf halbem Weg fiel mir dann auch auf, dass ich nicht krampfhaft auf meine Füße starren muss, um voranzukommen. Die bewegen sich schon recht selbstständig. Ich musste kurz schmunzeln, sowas Ähnliches hatte damals auch unser Tanzlehrer gesagt…

Das war wirklich eine interessante Erfahrung! Man verriet mir, dass es im Schnee beim Langlauf dann wesentlich einfacher werden würde… okay, gut zu wissen. Denn Langlauf teste ich diesen Winter ganz bestimmt auch.

Aber ob Rollski was für mich ist? Hmmm, mein erstes Gefühl sagt mir, dass es bestimmt spaßig sein kann, aber mir andere Dinge mehr liegen und mich mehr ansprechen. Was nicht heißt, dass ich dem Ganzen nicht noch eine Chance geben würde.

Mittagspause und Denkerstübchen

Danach ging es erstmal zum Mittagessen in der urigen Pfulb-Hütte! Während ich genüsslich Spaghetti mit Tomatensoße verputzte, überlegte ich, welche körperliche Betätigungen mir bis jetzt am meisten gefielen.

Yoga ist definitiv auf Platz eins – die erste Stunde war bereits eine absolute Erleuchtung für mich. Wandern folgt direkt. Auch Krafttrainings und Workouts mag ich recht gerne und – HALT! Wie konnte ich meine große Liebe Schwimmen vergessen? Alles eher Aktivitäten, die rein mit dem Körper gemacht werden. Keine oder wenige Hilfsmittel. Und ich denke, das ist mein Ding. Darum bin ich auch ganz neugierig drauf, bald das Klettern zu testen. Dort hat man natürlich seine Sicherung, aber das Eigentliche selbst geschieht ganz aus eigener Kraft und nur mit dem, was man immer bei sich hat.

Station 3: Tandem fahren

Jaaa, das musste einfach sein zum Abschluss! Das Doppelfahrradfahren habe ich bereits im vergangenen Jahr für mich entdeckt und lieben gelernt. Darum habe ich mittlerweile sogar ein eigenes, wunderbares Tandem, das nur darauf wartet, bei jeder Gelegenheit ausgeführt zu werden.

Es ist einfach ein tolles Gefühl, mal den Schmerz beim Sitzen ignorierend, wenn man so durch die Natur sausen und in die Pedale treten kann. Ein nettes Gespräch mit dem Vordermann oder ein gemeinsam schweigendes Genießen. Ich liebe das Gefühl in Bewegung zu sein, der Fahrtwind, der an den Klamotten zupft und all die schönen Dinge, die man beim Radeln wahrnehmen kann. Von der schönen Landschaft über intensive geruchliche Eindrücke bis hin zum Regen auf der Haut…

Nahaufnahme von Lizzi: Blonde Locken, hellblaue Augen, weißes T-Shirt, pinke Weste, gelber Button mit drei schwarzen Punkten.

Vielen Menschen fällt es gar nicht so leicht, sich aufs Tandem zu setzen. Klar, wer vorne sitzt, kann lenken, schalten und klingeln. Wichtig ist, dass er die Länge des Rades richtig einzuschätzen lernt.

Der Hintermann muss vollständig vertrauen. Das liegt nicht jedem. Ich selbst habe damit gar keine Probleme.

Um mit einer hochgradigen Sehbehinderung in der vorwiegend visuellen Gesellschaft überleben zu können, ist man früher oder später immer auf Hilfe angewiesen. Ob man nach einem unbekannten Weg fragt oder wissen möchte, was alles im Salat ist, weil man gegen bestimmte Dinge eine Allergie hat… wenn man da nicht vertrauen kann, hat man es unsagbar schwer. Helfen und Vertrauen gehen Hand in Hand.

So sage ich mir immer, egal mit wem ich mich aufs Tandem schwinge und unabhängig davon, wie eng oder gut mein Verhältnis zur vorderen Person ist – mein Pilot möchte genauso wenig wie ich stürzen. Ich setze also einmal auf den Selbsterhaltungstrieb und in zweiter Linie darauf, dass der Vordere genauso wenig möchte, dass ich verletzt werde. Somit fällt mir das Loslassen und Genießen wahrlich nicht schwer.

Der TalentTagam bewegungszentrumpfulb

Am frühen Nachmittag verabschiedeten wir uns von einer ganzen Menge toller Leute! Die vielen Kinder mit und ohne Handicap hatten so viel Freude am Ausprobieren, Herumtoben und Spielen gehabt. Den Helfern sah man ebenfalls die Begeisterung an, bei so einem coolen, menschlichen Projekt dabei zu sein. Es herrschte insgesamt eine wirklich harmonische, positive Stimmung. Holte man sich ein Käffchen, kam man mit seinem Tischnachbarn einfach ins Gespräch. Ob über Sport, Handicap oder etwas ganz anders. Mit jedem konnte man sich gelassen und interessant austauschen.

Gemütliches Beisammensein unterm Zelt.

So stelle ich mir Inklusion und Menschlichkeit vor. Gemeinsam eine schöne Zeit zusammen verbringen und am besten mit einer Portion Bewegung an der frischen Luft kombinieren! Herrlich!

Nächstes Jahr bin ich ganz sicher wieder beim TalentTag am Start!

Was habe ich gelernt?

Zunächst mal, dass es sich lohnt, Unsicherheiten und Vorbehalte über Bord zu werfen. So konnte ich mich trotz meiner ersten gedanklichen Abneigung gegen das Schießen von etwas wirklich Unterhaltsamem und Reizendvollen überzeugen lassen. Darum probiert man Dinge schließlich aus! Weil man mit dem Kopf nur ein Stück des Weges gehen kann. Wie es sich anfühlt, muss man schon mit dem gesamten Körper in Aktion herausfinden.

Insgesamt wurde mir übrigens auch folgendes klar: ich möchte eine Sportart finden, die ich vorwiegend alleine machen kann. Ich möchte keine Begleitperson an meiner Seite oder eine Assistenz, die mir dauernd helfen muss. Versteh mich nicht falsch. Wie schon erwähnt liebe ich ja auch das Tandemfahren und das geht nicht alleine. Da sehe ich beide Fahrer aber eher als ein Team an, weil man gemeinsam tritt und vorankommt.

Dennoch rumort es immer wieder in mir, dass ich so abhängig von der Motivation und der Zeit eines anderen bin. Sind alle meine Piloten im Urlaub, kann ich nicht fahren. Punkt. Da führt kein Weg dran vorbei. Beim Wandern ist es ziemlich dasselbe. Natürlich kann ich alleine gehen, über Wurzeln klettern, vorsichtig Steinen ausweichen und so weiter. Aber den richtigen Weg zu finden – nein. Auch da bin ich wieder auf Unterstützung angewiesen…

Lizzi steht selbstbewusst auf einem gewaltigen, bemoosten Stein.

Jetzt brauche ich noch was ganz für mich – so, wie Yoga. Mal sehen, ob es mit dem Klettern was werden könnte… und Bauchtanz oder Hula habe ich auch noch nicht abgeschrieben… wer weiß, vielleicht hast du ja eine Idee für mich?

Wie sieht es denn bei dir mit Sport aus? Was treibst du so in deiner Freizeit? Schreibe doch einen Kommentar, ich würde mich freuen! 


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2 Kommentare zu „Jetzt wird’s sportlich: Lizzi beim TalentTag beim bewegungszentrumpfulb!

  1. Hey, klingt nach einem tollen Tag. Schade, dass du keine Erfahrung mit Skifahren gemacht hast, bin als Kind auch Ski gefahren, ganz blind, mache es nicht mehr, bin aber froh, dass meine Eltern mir die Erfahrung ermöglicht haben. Du sagst, du schwimmst gerne und bist gerne auf dem Tandem? Hast du mal Aquacycling versucht, dass macht mir Spaß, ok man kommt nicht voran, aber es ist im Wasser und du brauchst keineBegleitung. Sonst mache ich noch Aquajoggin.

  2. Liebe Mella,

    Das Aquacycling hört sich sehr cool an – ich glaube, das probiere ich echt mal aus! Ist bestimmt sehr anstrengend im Wasser! Danke für den Tipp!
    Ich bin auf den kommenden Winter auch schon sehr gespannt – da werde ich mich dann auch mal auf Skier wagen. An meine kleine Fahrt als Kind kann ich mich einfach nur noch schwer erinnern… wird Zeit für neue Erinnerungen 🙂

    Herzliche Grüße
    Lizzi

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