Im Morgengrauen war ich (gesetzlich blind mit 5 % Sehrest) mit meinem Blindenführhund Harry im Park für die übliche Gassirunde. Wir trafen eine Hundehalterin, die mit ihrem alten Vierbeiner unterwegs war. Sie begegnen uns ab und an, dann dürfen unsere Jungs ohne Leine miteinander laufen. Da ich jedoch in letzter Zeit bemerkt habe, dass Harry beim Führen vermehrt nach anderen Hunden schaut, beschloss ich den Hundekontakt insgesamt etwas zu reduzieren. Das klappt wunderbar und ich erklärte es unserer Bekannten. Sie nahm das positiv auf und wir verabschiedeten uns mit einem Lächeln. Im Weggehen sagte sie beiläufig: „Weißt du, ich dachte halt, das tut deinem Hund gut, wenn er ausnahmsweise mal ein bisschen toben darf.“

BÄM, was für ein Schlag ins Gesicht und das noch vor dem ersten Kaffee! Die Wirkung dieser wenigen Worte überkam mich erst mit voller Intensität, als wir schon ein paar Meter zwischen uns gebracht hatten. Das Problem daran? Diese Frau unterstellt durch ihre Wortwahl, ihre Betonung, dass mein Hund sich selten austoben darf. Sie ist nicht die erste, die das tut. 

Sie ist eine liebe Person und meint es gut mit meinem Goldbärchen. Und verletzt mich damit zutiefst, denn sie sagt das, weil ich fast blind bin. Sehenden Hundehaltern würde sie das nie unterstellen. Mit ihren Worten zwingt sie mich in eine passive Haltung, denn ich fühle, dass ich erklären, dass ich mich wehren will. Tatsächlich gehe ich täglich mindestens 10 Kilometer mit meiner Fellnase spazieren, gönne ihm Freilauf und ausgiebige Spielsessions sowie die nötigen Ruhepausen. Für seinen Job als Blindenführhund wird er von mir in Leckerlis, Liebe und Dankbarkeit „bezahlt“. Ich würde alles für Harry tun und alles heißt genauso, an mir selbst zu arbeiten. 

Das KÖNNTE ich ihr sagen. Aber, warum MUSS ich das? Warum stehe ich bei vielen Menschen von vorn herein im Verdacht, meinem Hund nicht gerecht zu werden?

Es gibt Mitmenschen, die fragen: „Wie kannst du deinen Hund mal richtig rennen lassen, wo du doch gar nicht siehst, wo er hinläuft?“ Ich kann nachvollziehen, dass sowohl Sehende als auch Blinde sich so etwas fragen, die noch nie mit Führhunden zu tun hatten. Also Leute wie ich früher. Dann antworte ich, dass Harry beim Freilauf ein Glöckchen ans Halsband bekommt, sodass ich ihn mit den Ohren orten kann. Zusätzlich trainieren wir den Freilauf intensiv, beispielsweise indem ich Harry belohne, wenn er zu mir kommt und mich mit einem tollen Spielzeug in seinen Fokus stelle. Ich beschäftige mich mit ihm und das fruchtet. Im Prinzip wie bei allen Hundehaltern. Alles, was ich nicht sehen kann, wird eben anders kompensiert.

Meine Bekannte hat mich nicht gefragt, sie hat mich vorverurteilt. Dabei weiß sie nichts von mir, nichts außer meinem Vornamen, dem Namen meines Hundes und dass er ein Blindenführhund ist. Sie weiß weder, welchen Job ich habe, noch wie ich meine Freizeit gestalte und schon gar nichts darüber, wie ich mit meinem Hund umgehe. Und doch, völlig ohne jegliche Anhaltspunkte oder gar Fakten, bin ich für sie einfach die Blinde, deren Hund ständig arbeitet und keine Freizeit hat. Klischeealarm!

Klischees statt Kennenlernen

Da war also wieder eins, eines dieser Blindenklischees, mit denen ich mein Leben lang zu kämpfen habe. Der arme Blindenführhund, der nie spielen darf und immer arbeiten muss. Freilauf bekommt er natürlich nie, Sehende helfen mir, ihn zu bürsten und abends stelle ich ihn in den Geräteschuppen, während ich auf der Couch im betreuten Wohnen hörspielhörend sitze, wie es gute Blinde tun. Nebenbei bin ich arbeitslos, fett, faul und hilflos. Hoffentlich vergessen sie nicht, mich zu gießen, damit ich nicht eingehe.

Ach, Moment mal, so ist es ja gar nicht! Ich schmeiße den Haushalt, bin überwiegend alleine unterwegs, habe einen ausgezeichneten Universitätsabschluss und arbeite Vollzeit. Blöd ist nur, dass das nicht auf meiner Stirn steht. Stattdessen werden mir bescheuerte Vorurteile immer und immer wieder an den Kopf geknallt. Mal direkt, mal subtil. Aber stetig. „Da musst du drüberstehen“, heißt es dann von Freunden. Damit haben sie absolut recht. Und doch… doch verstehen die meisten nicht, wie es ist, wenn man Tag für Tag solche kleinen und großen Seitenhiebe abbekommt. Hier ein dummer Spruch wegen meiner Sonnenbrille, da jemand, der sehr LAUT und l-a-n-g-s-a-m mit mir spricht. Manche richten erst gar nicht das Wort an mich, sondern fragen meine Begleitung, was „sie“ trinken möchte oder ob „sie“ das kann.

Die Wahrheit ist, dass ich stark bin, dass ich das aushalte. Die Wahrheit ist außerdem, dass es wehtut. Jedes Mal aufs Neue. Und zwar sehr. Die wenigsten können sich vorstellen, wie es ist, wenn man eine (unsichtbare) Behinderung hat. Wie es ist, wenn man aufgrund einer einzigen Eigenschaft nicht ernst genommen wird und seine Intelligenz und Selbständigkeit andauernd beweisen muss. Vielleicht kennst du das auch? Falls nicht, versuche ruhig, dir mal vorzustellen, wie es wäre, wenn du von einem Fremden urplötzlich wie ein Vollidiot behandelt werden würdest. Wie würdest du dich dabei fühlen? Willkommen in meiner Welt.

Ich werde noch vor dem „Hallo“ in eine Schublade gedrückt, in die ich nicht passe. Ich beginne das Spiel sozusagen immer mit Rückstand und bekomme kaum die Chance, unvoreingenommen als die Person gesehen zu werden, die ich bin: eine völlig normale Frau, die wenig sieht. Stattdessen wird gewaltsam ein Sack mit der Aufschrift „blind“ über mich gestülpt, sodass von mir nur ein formloses Bündel übrigbleibt, gefüllt mit schalen Vorurteilen und alles, was ich bin, darunter verschwindet. Das fühlt sich furchtbar an, schnürt mir die Luft ab und macht mich wütend. Da hilft auch nicht der Standardspruch „Die Leute meinen es ja nicht böse“. Im Gegenteil. Sie verletzen mich damit, ob sie das absichtlich tun oder nicht. Sie tun es. Und das ist scheiße.

An guten Tagen, und das sind zum Glück die häufigsten, stecke ich solche Dinge einfach weg. Ich kassiere den Schlag, halte den Schmerz aus und gehe weiter. Es ändert nichts daran, dass ich alles in allem ein sehr zufriedener und lebensfroher Mensch bin. Oft gelingt es mir sogar, mit Ruhe und Offenheit, dem ein oder anderen in freundlicher Konversation zu zeigen, dass er sich irrt, dass ich durchaus ein Mensch bin und keine wandelnde Behinderung. Solche Erfolge feiere ich. Doch bei aller Freude und Positivität, die mich ausmacht, möchte ich die Schattenseite nicht unter eitel Sonnenschein begraben. Der Schmerz gehört auch dazu.

Unvergessen

Ich erinnere mich, wie eine Gruppe Reisender mein 19jähriges Ich auslachte, weil ich mit meiner Lupenbrille im Zug ein Buch las, die Nase auf dem Papier klebend. Für mein Anderssein, für mein Auffallen schämte ich mich, die ich damals noch zu jung und unsicher war, um diesen fünf spottenden Erwachsenen die Stirn zu bieten. Noch lange spürte ich jedes Mal, wenn ich die orangene Lesebrille in der Öffentlichkeit hervorholte, einen Stich, anstatt mich zu freuen, dass ich mit ihr unterwegs lesen kann.

Ich sehe noch eine der ersten großen Pausen auf dem Gymi vor mir, als ich mit den Jungs herumtobe und einer mich plötzlich anschrie, er wolle mit so einer Brillenschlange nichts zu tun haben. Das traf tief und fortan spielte ich mit keinem mehr, zog mich zurück und malte an meinem Platz.

Ich weiß noch, wie ich auf dem Gang die Stimme einer Mitschülerin hörte, die sich lautstark beschwerte, dass ich die Klassenarbeit länger schreiben dürfe und von den Lehrern bevorzugt würde. Ausgegrenzt war ich sowieso schon und glaubte, nichts wert zu sein, doch wegen diesem und ähnlichen Kommentaren meinte ich lange, es wäre Zufall, dass ich permanent gute Noten in wortstarken Fächern bekam. Oder, dass das nur kam, weil ich mehr Zeit zum Schreiben hatte. Erst im Studium gelang es mir, vor mir selbst auszusprechen, was die Wahrheit ist: das Schreiben, die Fähigkeit meine komplexen Gedanken und Gefühle in treffende Worte zu fassen, ist eines meiner großen Talente – vielleicht das größte.

In meinem Kopf hallen tausende Echos wie „Ach, Sie arbeiten sogar?“, „Du hast wirklich einen sehenden Freund?“ oder „Du gehst tanzen?“.

Entweder wurde und werde ich angegriffen, weil man mir meine Behinderung (ungekennzeichnet) nicht ansieht oder ich werde degradiert, weil man in mir nur eine Behinderte sieht. Eine solche kontinuierliche, seelische Misshandlung, der Unaufgeklärtheit und Intoleranz unserer Gesellschaft entspringend, hinterlässt gravierende Spuren. Es ist nicht „der eine“ kühle Kommentar, „die eine“ blöde Aussage. Es ist der andauernde Nadelregen, der auf meine Seele prasselt. Es ändert auch nichts daran, dass sich manche im Nachhinein halbherzig entschuldigen mit einem fahrigen „Das wusste ich ja nicht“. Der Schaden ist bereits entstanden und ich leide, werde davon verfolgt.

Zu den ungerechtfertigten Vorurteilen kommt noch die mangelnde materielle Barrierefreiheit, die mir mehr als mein schlechtes Sehen überall Grenzen setzt und mir so das Gefühl gibt, wie immer, nicht dazuzugehören. Manchmal wundert es mich, dass ich trotz dieser seelischen Dauerbelastung, nicht völlig kaputt bin. Geprägt hat es mich in jedem Fall. Ich sehne mich so sehr danach, „normal“ behandelt zu werden. Echte, ungefilterte Begegnungen ohne Behindertenstempel.

Man könnte anführen, dass jeder in gewisser Weise vorher abgecheckt und eingeordnet wird. Stimmt, das liegt in unserer Natur. Wir wollen ungefähr wissen, mit wem wir es zu tun haben. Ich scanne Menschen, die mir begegnen auch vorab. Dennoch ist das nicht zu vergleichen mit der Wirkung, die ein Langstock oder Blindenbinden auf das Gegenüber haben. Das ist Fakt. Ich weiß es, denn ich kenne beide Welten. Wenn ich in der Dämmerung, also bei idealem Licht für mich, unterwegs bin, sehe ich so gut, dass ich „durchkomme“. Also wirke, wie eine Sehende unter Sehenden. Ich weiß, wie es ist, wenn man als Mensch behandelt und wahrgenommen wird. Viele Bekannte, die ich abends kennengelernt habe, erfuhren erst Wochen später von meiner Behinderung und waren völlig überrascht.

Also kenne ich den Unterschied nur zu gut. Vielleicht fällt es mir gerade deshalb so schwer und tut darum so weh. Weil ich nur ganz selten bei anderen ICH sein darf, weil ich mit Langstock für andere nicht mehr ICH bin. Ich hasse dieses Gefühl, wenn man mir meine Identität raubt, mir meine Selbstständigkeit, meine Intelligenz, meine Kreativität, meinen Humor und alles wegreißt, das zu mir gehört. Das ist entwürdigend, verletzend, unfair und es brennt, brennt in meinem Herzen.

Schrei nach Inklusion

Wie sehr schreit alles in mir nach Veränderung, nach echter, gelebter Inklusion, die Köpfe und Türen öffnet! Wie sehnsüchtig, wie dringend, wie unbedingt wünsche ich mir, immer ganz normal behandelt zu werden – mit und ohne Langstock, bei Sonnenschein und Finsternis – ohne Samthandschuhe, ohne verbale Querschläger, sondern auf Augenhöhe. So, wie ich anderen Menschen begegne. Fair, wertfrei und offen.

Ich – Lizzi – will wahrgenommen werden, wie ich bin. Die Menschen sollen meine Stärken sehen, meine Schwächen und Eigenarten. Sollen mich lustig, lieb oder nervig finden, mit mir quatschen, Fragen stellen oder mir aus dem Weg gehen – solange sie es nicht wegen meiner Behinderung, sondern wegen personenbezogener Antipathie tun.

Ob es jemals dazu kommt? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe es. Und ich setze mich für Inklusion ein – indem ich on- und offline über solche Angelegenheiten spreche, indem ich die sehende Welt mit mir konfrontiere, mir meinen Platz in ihr schaffe, mich nicht verstecke. Nur so kann sich etwas verändern, indem mehr und mehr Berührungspunkte zwischen sogenannten gesunden und behinderten Menschen entstehen, werden nach und nach Berührungsängste abgebaut. Jeder einzelne, der sich wünscht, dazuzugehören, kann und sollte etwas dafür tun. Zum Beispiel, indem man sich nicht ausschließlich in Vereinen speziell für Behinderte isoliert. Indem man in einen Yoga-Kurs an der Volkshochschule und nicht ins Blinden-Yoga geht. Indem man sich im Fitnessstudio anmeldet, anstatt im sicheren Zuhause YouTube-Workouts nach Gehör zu machen.

Je mehr wir, die wir uns ausgeschlossen fühlen, uns selbst ins Spiel bringen, umso mehr werden wir gesehen, wahrgenommen und befreien uns in ständiger Begegnung von Klischees, die uns nicht gerecht werden. Natürlich ist das nicht immer leicht. Weder für uns, noch für die, die wir konfrontieren. Doch wenn man Offenheit wagt, wird man belohnt. Man muss die Unsicherheit überwinden, einen Anfang machen.

Ich wünsche mir von ganzem vernarbten und doch heilen Herzen, dass sich in unserer Gesellschaft etwas ändert, von allen Seiten. Bis dahin mache ich weiter, erlebe Gutes und Schmerzhaftes, feiere Erfolge und halte unreflektierte Wortsalven aus. Irgendwie. An guten Tagen mit einem tiefen Durchatmen. An schlechten Tagen mit ein paar Tränen und einem Post wie diesem.

Kennst du das auch? Welche Narben trägst du? Warum wünschst du dir Inklusion? Ich freue mich auf deinen Kommentar und wenn du diesen Artikel teilst!


2 Kommentare zu „Schrei nach Inklusion oder nur ein paar Narben

  1. Liebe Lizzi – ich bewundere deine Gabe – wie du es schaffst mit Worten deine Gefühle und Erlebtes wiederzugeben, ist einfach der Wahnsinn. Für mich bist du tatsächlich eine Wortakrobatin 🙂 ich kenne kaum jemanden der Dinge so auf den Punkt bringen kann wie du es schaffst.

    An dieser Stelle einfach mal Danke! Ich selbst hadere ebenfalls mit einer degenerativen Netzhauterkrankung und suche noch den richtigen Mix zwischen offen damit umgehen und sich in sein Schneckenhaus zurück zu ziehen. Aber gerade durch deine Texte weiß ich wo ich hin möchte – auch wenn es vielleicht noch ein bisschen dauert 😊

    Du bist wirklich ein Vorbild für mich!

    Danke!

  2. Liebe Lizzi
    Ich habe etwas länger über Deinen Beitrag nachgedacht und habe auch die Unterhaltung mit Anne Niesen gelesen.
    Wie Du ausgeführt hast, fühltest Du Dich verbal durch die Betonung der Worte der anderen Hundebesitzerin angegriffen.

    Selber weiss ich von mir wie empfindlich ich an manchen Tagen bin und gestehe auch Dir einen etwas dünnhäutigen Tag zu.

    Für mich liest sich die ganze Geschichte aber nicht ausschliesslich als Angriff gegen Dich und dass Du Harry zu viel arbeiten lässt.

    Ich vermute eher, dass die andere Hundehalterin etwas zu übergriffig rüber gekommen ist und eher etwas Gutes für die Hunde im Sinne hatte und Dir ihren Hund samt Beaufsichtigung anbieten wollte.
    Vielleicht seid ihr Euch schon öfters begegnet.

    In jedem Falle würde ich das nächste Mal das Gespräch noch einmal suchen und ihr erklären wie verletzt Du Dich fühlst. Erkläre Ihr, dass Harry sehr wohl Spielzeiten hat. Er aber auch Ausbildungszeit braucht, wie jeder andere Hund auch.

    Fühle Dich gedrückt.

Was sagst du dazu?