Es ist Sommer

Da ist er nun. Hell und heiß, langersehnt und doch mit Vorsicht zu genießen. Gleißendes Sonnenlicht verwöhnt Mensch und Natur, lässt Temperaturen und Laune steigen, facht Motivation und Lebenslust an. Einerseits.

Andererseits stellt er mich wie jedes Jahr vor große Herausforderungen, denn neben meinem geringen Visus (ca 0,05) und dem eingeschränkten Gesichtsfeld (ca. 5°) bin ich extrem lichtempfindlich (Photophibie). Wenn ich mir aussuchen könnte, welche der drei Komponenten meiner Sehbehinderung kuriert werden sollte, würde ich ohne zu zögern die Photophobie nehmen.

„Du trägst doch aber eine Sonnenbrille“, heißt es oft – sogar von renommierten Augenärzten – wenn das Thema aufkommt. Stimmt, aber alle Sommerhilfsmittel und Strategien sind lediglich Linderungen. Sie lösen NICHT die Problematik. Ich werde IMMER lichtempfindlich sein und das wird sich IMMER auf meinen Alltag, Ausflüge, Reisen und mein Gemüt auswirken. Das zu erkennen und zu akzeptieren, war ein wichtiger Schritt. Trotzdem möchte ich meine Sonnenhelfer nicht missen. Das sind sie:

Sommerhilfsmittel und Strategien für stark Lichtempfindliche

  • Sonnenbrille:
    ich habe sowohl eine Kantenfilter- als auch eine Gletscherbrille. Beide sind stark getönt (zwischen 93-95 %) und gehören damit in die Kategorie 4 der Sonnenbrillen. Die Kantenfilterbrille hat rotbraunes Glas und filtert blaue Elemente heraus, was mir besonders in der Dämmerung und bei leichtem Licht hilft. Die Gletscherbrille ist graublau getönt und kommt bei strahlendem Sonnenschein zum Einsatz. Früher suchte ich die perfekte Sonnenbrille, heute habe ich für mich erkannt, dass eine Kombination aus mehreren Brillen je nach Licht für mich ideal ist
  • Hüte & Cappies:
    auch wenn es Prinzessin Lizzi manchmal um ihre Haarpracht leidtut, geht es eben nicht ohne Hut! Dafür habe ich mir mehrere schöne und stylische „Kronen“ gegönnt
  • Online:
    alles, was ich online oder digital erledigen kann, nutze ich! Vom Formular über Fahrkarten- und Ticketkäufe bis hin zum Shopping. So muss ich nicht im hellen Licht zum Briefkasten, zu Ämtern und Schaltern oder in Kaufhäuser und Supermärkte. Wenn das Nötige bereits von zu Hause aus erledigt ist, habe ich mehr Kraft für meine Freizeit draußen.
    TIPP 1: Man kann sich online wunderbar auf vieles vorbereiten zum Beispiel einen Restaurantbesuch, indem man sich am PC die Speisekarte anschaut oder per Smartphone vorlesen lässt
    TIPP 2: Wer nicht so onlineaffin ist, kann sicherlich einiges telefonisch erledigen.
  • Tageszeit und Sonnenstand:
    manchmal lohnt es sich, die Dämmerung zu nutzen und es hilft ungemein, wenn man weiß, welcher Sonnenstand am erträglichsten ist.
    VORSICHT: man sollte sich in seinem Denken nicht zu abhängig von solchen Umständen machen, sonst schafft man sich selbst mentale Barrieren. (Nach dem Motto, „Ich kann das nur in der Dämmerung machen“ – nein, es geht immer, es ist im Zwielicht nur leichter!)
  • Logisch denken & kreativ sein:
    ich war mal mit einer Freundin im Urlaub, sie wollte im Hotelzimmer bleiben, ich an den Strand. Ein (italienischer!) Zebrastreifen trennte mich vom Meer. Um sicher hinüberzukommen, wartete ich kurz, bis eine italienische Mama mit mehreren Kindern kam und schloss mich wie ein Entchen der Gruppe an – geschafft!
    Zur Abkühlung wollte ich etwas im Wasser entlangschlendern, hatte aber Angst, den Rückweg nicht zu finden. Ich suchte mir daher einen markanten Punkt und zählte von da an ganz unterbewusst meine Schritte – dieselbe Anzahl ging ich später wieder zurück und kam so problemlos an.
    Je nach Situation und Gefühl kann man sich so kleine Erleichterungen ausdenken und anwenden. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
    TIPP: denke immer über das Bekannte und den Hilfsmittelkatalog hinaus! Es gibt unzählige unkonventionelle Lösungen.
  • Langstock:
    Im Dunkeln, bei Regen und im Winter geht es super ohne, aber es ist nicht zu leugnen, dass der Weiße mir im Sommer hilft. Und wenn er nur meine Mitmenschen sensibilisiert und „aus dem Weg räumt“. Mit Sehrest ist es immer etwas anders, so scheint es mir. Diesen kann ich nicht weglassen, schließlich ist er da. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht mit einem verlängerten Arm rüsten und die zusätzlichen Impulse und Informationen meiner Umgebung nutzen kann!
    TIPP: du magst den Langstock nicht besonders? Ging mir auch so. Wie sich das geändert hat, erfährst du hier.
  • Barfußschuhe:
    sie helfen nicht nur im Sommer, sondern verleihen meinen Füßen ganzjährig mehr Gefühl. Wie der Langstock übermitteln sie zusätzliche Informationen und helfen so bei der Orientierung. Gut fürs Gleichgewicht sind sie außerdem.

So fühlt sich mein Sommer an

Ich habe mich 32 Sommer lang mit meiner Blendempfindlichkeit beschäftigt – notgedrungen. Sonnenbrillen, Hüte und viele Strategien, wie du liest. Trotzdem kommt immer wieder dieser Moment, in dem ich die Türklinke in der Hand halte, eigentlich lossollte… aber es geht nicht. Mein Innerstes WILL nicht. Nicht in das grelle Licht, das mir das Sehen fast unmöglich macht, das mich überanstrengt, meiner Seele wehtut. Überall hüpfende, rennende, laute Kinder, die mir mit Fahrrädern, Rollern und Bällen im Weg herumspringen, nichtwissend, dass mich ihre Ausgelassenheit furchtbar stresst. Die Außenbestuhlung der Cafés und Restaurants, Schilder mit Rabatten oder Speisekarten, alles liegt, steht, kullert vor meinen Füßen herum…

Oft lasse ich die Türklinke los, sage ab, verschiebe meine Pläne auf den nächsten Tag, einen besseren Tag, an dem ich mehr Kraft habe. Dann lege ich mich im Dunkeln auf mein Sofa und danke mir herzlich für diese gute, richtige Entscheidung. Anfangs fühlte ich mich schwach dabei, weil ich „es nicht durchgezogen habe“. Aber mit der Zeit wurde ich netter und nachsichtiger zu mir. Das ist keine Schwäche, sondern eine vernünftige, menschliche, selbstliebende Art, mit diesen Umständen umzugehen.

Das habe ich in 32 Jahren Lichtempfindlichkeit gelernt

Auf mich und in mich hinein zu hören, ist enorm wichtig. Wie oft habe ich mit Verspannungskopfschmerzen und sogar Migräne zu tun? Beides Folgen von verkrampftem Nacken durch das intensive Augenzusammenkneifen, Sehen-wollen, Schaffen-wollen, angespannt sein – körperliche und geistige Überanstrengung. Und dazu kommt diese unbändige Lebenslust und ein Ticken Angst, etwas zu verpassen. Ich will Freunde treffen, wandern, Eis essen gehen, Festivals besuchen, mich sonnen und die Welt entdecken. Und das ganz authentisch ohne Betreuer – aber auch ohne zu leiden. Es soll sich gut anfühlen, mich nicht überlasten. Leichtigkeit, wie Cocoseis mit frischen Erdbeeren. Wie schaffe ich das? Unter anderem durch einen Kreislauf von Entschleunigung, Ehrlichkeit und Selbstliebe.

Entschleunigung & Minimalismus: ich will viel, ich will LEBEN. Aber das muss ja nicht alles auf einmal sein. Ich kann in die Zukunft denken, aber ich lebe im Hier und Jetzt. Das heißt, ich packe mir meinen Kalender nicht zu voll, sondern spicke ihn mit besonderen Highlights, auf die ich mich WIRKLICH freue. So bleibt Raum für Spontanes, für Pausen und Zeit für mich.

Ehrlichkeit: ich weiß, was mir guttut, was mich anstrengt und wie ich ticke. Ich weiß es, auch wenn ich es manchmal nicht wahrhaben will. Aber genau das ist der Punkt: absolute Ehrlichkeit zu mir selbst. Ich darf zugeben, dass mir etwas zu viel wird, dass es mir aufs Gemüt drückt, dass es mich belastet. Ich kenne mich gut genug um zu wissen, dass ich nicht Supergirl bin. Muss ich auch nicht sein. Ich bin ich und ich habe Stärken und Schwächen, gute und schlechte Tage. Das ist okay.

Selbstliebe: Wenn mich etwas sehr belastet, bin ich es mir wert und wichtig genug, entsprechend zu handeln, zum Beispiel, indem ich etwas absage, abgebe, loslasse. Dann eben nicht, lieber ein andermal. Die meisten Dinge laufen nicht weg. Damit meine ich nicht das egoistische Ausleben jeglicher Launen – jeder kennt so jemanden, der willkürlich zu- und absagt. Nein, damit meine ich, sich nicht aus Pflichtgefühl zu etwas zu zwingen, das Unmengen Kraft und Überwindung kostet. Und auch nicht aus Angst, zum Beispiel, dass Freunde es mir übelnehmen. Ich nenne sie Freunde, weil sie es verstehen! Oder aus Furcht, eine Chance zu verpassen. Es gibt viele Chancen im Leben, viele Wege und Möglichkeiten und ich bin mir ganz sicher, dass nicht eine einzige Entscheidung das Leben formt, sondern Charakter, Handlungsweise und Lebenseinstellung.

Lesetipp: so gehe ich mit Stress um

Sommerfeeling 2021

In diesem 33. Sommer ist alles etwas anders. Die wundervolle, warme Sonne blendet mich weiterhin, die Wege strengen an, die helle Jahreszeit kostet Kraft. Aber wenn ich nun die Türklinke in der Hand halte und zögere, kommt von der Seite eine kühle Hundenase. Dann lasse ich die Türklinke los, nehme den Führbügel und weiß, dass ich es nicht alleine schaffen muss. Dass jemand auf mich aufpasst und das Sehen für mich übernimmt. In den letzten Tagen durfte ich mit halbgeschlossenen, entspannten Augen durch die sonnenüberflutete Welt gehen mit entspannten Schultern und sogar einem leisen Lächeln im Gesicht. Für mich sorgt mein Blindenführhund Harry für Sommerfeeling, indem er mir eine zentnerschwere Last abnimmt. Nur, wer diese Last selbst trägt oder getragen hat, kann vollkommen verstehen, was das bedeutet. Für alle anderen formuliere ich es mal so: ein Meer aus Cocoseis mit frischen Erdbeeren 😊

Das Ende vom Lied – Sommer, nein danke?

Ich liebe den Sommer, denn zu keiner Jahreszeit fühle ich mich lebendiger! Voller Energie schwinge ich mit, werde ein Teil des lebhaften Pulsierens, das lachend, feiernd, verspielt und kraftvoll in der Luft vibriert. Es stimmt, seine Helligkeit fordert viel von mir, aber mit all seinen schönen Seiten, schenkt mir der Sommer auch die nötige Energie dazu. Wieso sollte ich ihn nicht auskosten, nur, weil es etwas schwerer ist? Der Trick dabei: es ist nicht das Licht, nicht die Jahreszeit, es sind nicht die anderen, nicht die spielenden Kinder, nicht die Gastronomiebetriebe – es liegt an mir ganz allein. Meiner Einstellung dazu. Je harmonischer, versöhnlicher und liebevoller ich mit mir und meiner Sehbehinderung umgehe, desto einfacher ist es. Und ich sehe gar nicht ein, mir von MIR den Sommer vermiesen zu lassen – also HAPPY SUMMERTIME!

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Und verrate mir: Was beschäftigt dich im Sommer? Wie gehst du damit um?



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4 Kommentare zu „Sommer, Sonne, lichtempfindlich

  1. Liebe Lizzi, es ist wunderbar, deine positive Einstellung zum Leben heraus zu lesen. Ich stelle mir das alles anstrengend vor, und trotzdem bist du so positiv. Vorallem das „Nett sein mit sich selber“, davon werde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden.
    Liebe Grüsse Karin

  2. Liebe Karin,

    vom „nett zu sich selbst sein“ sollte sich JEDER eine Scheibe abschneiden oder ein Erinnerungs-Post-it an den Spiegel kleben. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns gerne vor Augen hält, dass wir schneller und besser sein sollen, immer mehr, mehr, mehr. Da vergisst man schon mal, dass es auch anders geht, dass man nicht so hart mit sich selbst umgehen muss. Eine liebevolle Beziehung – ob zu sich oder zu anderen – ist doch viel schöner für den Lebensweg. Und ja, als fast Blinde in einer Welt für Sehende zu leben, das ist anstrengend und kostet Kraft. Aber eine Behinderung – so sehe ich das – ist kein Urteil zum Unglücklich sein. Also: warum nicht das Leben genießen, feiern und auskosten auf die Art und Weise, die möglich ist? Und wenn man sich seinen Gefühlen und Gedanken öffnet, ist so unsagbar vieles möglich 🙂

    Ganz liebe Grüße
    Lisa

  3. Liebe Lizzi, Kokoseis mit Erdbeeren – JA! Auch wenn ich Kokoseis nicht mag, dem Gefühl folge ich von ganzem Herzen. Meine Karriere als Lichtempfindliche hat ja viel später begonnen, so richtig erst mit über 50. Ich habe dann im Turbo versucht zu lernen, das UND zu leben. Es darf traurig machen UND ich kann den Sommer genießen. Genau wie du sage ich: Nur wir selbst können das verändern, weil nur wir Einfluss auf unsere Einstellung haben. Ich sage immer: Unsere Augen sind ein Fakt, ob wir LEBEN, das ist unsere Entscheidung. Und – wie schön, dass sich unsere beiden Artikel so schön ergänzen. Eine praktische Anmerkung: Die ganz dunklen Sonnenbrillen lassen mich im Dunkeln stehen. Ich sehe noch zu gut und sie nehmen mir die Kontraste. Sonnenbrille ist so individuell und wir brauchen professionelle Optiker*innen für uns. Sommergrüße, Anne aka SEHHELDIN

    Wie abgesprochen, hier noch mein Artikel zum selben Thema: https://sehheldin.eu/sommerfeeling-trotz-extremer-lichtempfindlichkeit/

  4. Hallo Lizzi Deine Erlebnisse waren wieder mal zu lang geschrieben,lese morgen noch mal in ruhe nach,aber vergesse dann auch wieder die Hälfte lach.Supi , am Strand sitzen und wasserwandern ist immer gut für die Füsse.Ich habe eine dunkele und Gelbfilter brille. Aber die Gelbfilterbrille ich nicht für Sonnenstrallen , obwohl doch mehr Kontrast hat. Da setze ich die dunkele Kantenfilterbrille auf und sehe nicht mehr so nebelig. schau mal http://www.cogan-syndrom.de Das habe ich 2009 ausgedruckt und mein HNO Arzt gezeigt, sie sagte ja das haben sie auch,aber das konnte man damals nicht feststellen. Habe das meine Augenärztin , sie freute sich wuste auch von nichts. Gruss von Günter.

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