Ich war mal bei einer Wanderung für Blinde und Sehbehinderte. Es ging über 12 km auf asphaltierten Wegen oder ebenen Waldpfaden, ab und zu eine kleine Steigung. Alles gut zu bewältigen. Jeder hatte eine zugeteilte Begleitperson. Toll, oder? Meine Mitwanderer waren begeistert über die leicht begehbare Strecke, das sorgenfreie Wandern und nette Pläuschchen. Ich dagegen fragte mich ständig: War‘s das jetzt? Will ich so wandern?

Für mich war das ein gechillter Sonntagsspaziergang mit Betreuer. Null Herausforderung. Der Dankbarkeitszwang schwebte zudem über mir, auch wenn ständig versichert wurde, wie gerne doch alle helfen – gerade das stresste mich, als wäre ich ein Sozialprojekt. Klar freut mich ehrliche, gezielte Unterstützung und das honoriere ich nach meinem Ermessen, aber so fühlte sich das nicht an. Das alles passt nicht zu mir, so gar nicht! Ich bin Anfang 30, sprühe vor Energie und rocke mein Leben selbstständig. Wenn ich mich nicht kennzeichne, erwartet keiner eine Blinde hinter der Sonnenbrille. Ich mache alles, was andere machen – Sport, Einkaufen, Haushalt, arbeiten gehen, Freizeit genießen. Nur vielleicht nicht ganz GENAUSO.

Nein, ich verurteile solche Blindenveranstaltungen keinesfalls. Blind ist nicht gleich blind und jeder hat seine Voraussetzungen, Vorstellungen, Werte, Ideen, Bildungsgrade, Hobbys etc. Behindert sein macht uns nicht gleich. Das wäre, als sagte man, alle Blonden hätten dieselbe Lieblingsspeise. Für manche sind solche Veranstaltungen genau das Richtige. Für mich ist es allerdings nicht genug, nicht authentisch.

Authentisch wandern, was heißt das für mich?

Wurzeln! Steine! Schmale Trampelpfade quer über die Wiese! Eine „echte“ Wanderung ist für mich eine, die nicht verfälscht oder vereinfacht wird. Man sucht sich einen Weg aus und beschreitet diesen – ob er flach oder steil, gewunden oder gerade, schweißtreibend oder zum Pfeifen geeignet ist. Man nimmt ihn wie das Leben, wie es eben kommt und findet für jede Hürde eine Lösung. Manchmal muss man langsam machen, sich vortasten, balancieren. Manchmal mutig sein, sich seinen Ängsten stellen, sich schmutzig machen und über sich hinauswachsen. Manchmal braucht man Hilfe dabei. Höhen und Tiefen gehören dazu, genauso wie Stolpersteine, Naturstufen, umgestürzte Bäume und gemütliche Pausenbänkchen in der Sonne. Das ist natürlich, das ist echt! Das ist, was ich liebe!

Das ist, was ich will – auch im Leben!

Auf den ersten Blick habe ich die Wahl zwischen „wie Sehende“ oder „blinde Extrawurst“. Ersteres kann ich nicht ohne weiteres, weil ich nicht gesund sehend bin. Letzteres dagegen gefällt mir nicht, weil es sich für mich isoliert und lebensfern anfühlt. Als würde ich in Watte gepackt und müsste darunter ersticken. Das eine überfordert meist, weil ich meine Sehschwäche kompensieren muss, um mitzuhalten. Ein wahnsinniger Kraftakt. Das andere befremdet mich, macht mich klein und sorgt dafür, dass ich mich schwach und behindert fühle. Immer unter meinem Potential. Das ist für mich Leben ohne Würze.

Aber ich will leben – in vollen Zügen! Bitte keine Light-Version und keine Ausweichwelt. Ich möchte nicht in den Yoga-Kurs für Blinde. Ich möchte in den Yoga-Kurs, der meinem Fitnesslevel entspricht und in dem Studio stattfindet, dessen Philosophie mir am besten gefällt. Denn hier spielen meine Augen nur eine sekundäre Rolle, es kommt vielmehr auf meine Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit an.

Was spricht gegen den Yoga-Kurs für Blinde?

Vieles – zum Beispiel limitiert er mich. Wieso? Hast du mal das Kursprogramm eines Yogastudios oder der Volkshochschule angeschaut? Da gibt es Feierabend-Yoga für Anfänger, Vinyasa- und Hot-Yoga für jedes Fitnesslevel oder Ashtanga-Yoga für Fortgeschrittene. Yoga-Kurse für Frauen, zum Entspannen oder Power-Yoga… aber gibt es für alle ein blindenspezifisches Pendant? Natürlich nicht. Also komme ich, wenn ich meine gesetzliche Blindheit als Auswahlkriterium nehme, viel zu kurz und gebe meine Individualität auf, pfeife auf meine Sportlichkeit und meinen tiefen Wunsch nach Unabhängigkeit. Das ist ein bisschen so, als bekämst du eine Portion Frozen Yogurt ohne Topping, wohlwissend, dass es auf der anderen Straßenseite köstliche Schokosoße, feinpüriertes Erdbeermus, Cookie-Stückchen und bunte Streusel gibt.

Und gäbe es zu jedem Yoga-Kurs ein blindenspezifisches Pendant, würde ich trotzdem nicht mitmachen – weil ich nicht isoliert sein will, weil ich keine Extrawelt möchte. Ich bin der festen Überzeugung, eine Welt ist für alle groß genug! Und ich will nicht lauter Blinde, ich will lauter Yoga-Begeisterte!

Ich möchte mich im „Spezialkurs“ nicht unter meinem Potential verstecken aus Angst, Sehende würden mich nicht verstehen, nicht auf mich eingehen oder ich könnte sie gar aufhalten. Ich habe auch ein Recht auf einen Platz in UNSERER Gesellschaft, in der ich mich so engagiere. Und ich habe ein Recht darauf, anderen mit meiner Blindheit zu begegnen – ohne schlechtes Gewissen, Scham, Versteckspiel oder Dankbarkeitszwang. Denn mir begegnet täglich ebenfalls Ungewohntes, Unbekanntes, Unangenehmes oder Überraschendes. Zum Beispiel meckernde Schwaben („Junge Frau, Sie brauchen keine Sonnenbrille. Es regnet!“) oder aufdringliche Anmachen, die kaum abzuschütteln sind. Ich treffe auf Hilfesuchende, die mich nach dem Weg fragen und auf eifrige Helfer, die mich mal schnell um eine Baustelle herumführen. Es gibt Kinder, die meinen Blindenhund streicheln wollen, obwohl er gerade arbeitet, oder Hundebesitzer, die über meinen Kopf hinweg entscheiden, dass unsere Hunde miteinander spielen dürfen. Mal sitze ich im Bus neben jemandem, der gerade ein offenes Ohr für seine Lebensgeschichte braucht oder ich treffe einen Gleichgesinnten, dem ich Zeit schenke, obwohl ich es eilig habe. Vieles ist nicht planbar, wir leben von einer Situation zur nächsten. Das alles passiert in UNSERER Welt, das ist das Leben! Das ist authentisch. Nicht perfekt, sondern echt, gefühlvoll, überraschend, lustig, schwierig, spontan, herausfordernd und eben deshalb doch perfekt!

Ich will dazugehören und Vielfalt fördern, das erreiche ich nicht, indem ich in einen Extrakurs gehe, in dem ich mich sehtechnisch gut aufgehoben fühle – auf Kosten der Individualität. Stattdessen wähle ich – wie beim Wandern – den Weg, der mir gefällt und gehe ihn, egal wie holprig er ist.

So mache ich authentisch Yoga!

Ich gehe in den Yoga-Kurs, den ich für mich auswähle und bitte die Trainer, mir bei Bedarf zu helfen. Ich lasse mir zu Beginn alle Räumlichkeiten zeigen und erkläre bei der Vorstellungsrunde, warum ich meine Matte ganz vorne platziere: damit ich mit meinem winzigen Sehrest noch eine Chance habe, die Asanas beim Coach abzuschauen und damit dieser mich direkt korrigieren kann.

Was passiert? Die anderen Teilnehmer respektieren meinen Platz, flüstern mir im Fall der Fälle noch vor dem Trainer „linker Arm“ zu und erleben, dass Blindheit ansonsten überhaupt keine Rolle beim Yoga spielt. Vielmehr: sie akzeptieren mich aufgrund meiner Sportlichkeit als ganz normales Kursmitglied, sodass wir zusammen schwitzen, atmen und den Kontakt mit uns selbst genießen können. DAS ist, was ich will! Das ist authentisch! Und das ist übrigens Inklusion für mich.

Blindheit als alleiniges Auswahlkriterium funktioniert nicht

Lizzi, hast du auch sehende Freunde?“ – Ähm, eigentlich nur! Ich kenne kaum Sehbehinderte, die auch gleichgesinnt sind.

Lizzi, ist dein Freund auch sehbehindert?“ – Ähm, warum um alles in der Welt fragen mich das alle? Liebe war schon schwer zu finden, da konnte ich nicht auch noch darauf achten, dass er schlechte Augen hat.

Lizzi, warst du auch an der Nikolauspflege?“ – Ähm ja, als Unterrichtshelferin im FSJ nach meinem Abitur.

Von allen Seiten hagelt es Klischees. Ja, es stimmt. Ich bin fast blind. Das ist EIN Aspekt meiner facettenreichen Persönlichkeit. Ich bin auch lockig, anspruchsvoll, kreativ, kochfaul, sportlich, lebenslustig, wortgewandt, zum Singen nicht geeignet, kontrollierend, hilfsbereit, andersdenkend, selbstkritisch und noch einiges mehr. Wieso also sollte ich meinen Alltag, meine Kontakte und Freizeitgestaltung rein auf das eine Kriterium ausrichten? Etwa weil es sich sicher anfühlt? Weil alle die selbe vermeintliche Schwäche haben? Weil man nicht viel erklären muss? Nein danke, das ist nichts für mich, das ist nicht, was ich unter LEBEN verstehe. Ich habe absolut kein Interesse, mich dauernd nur mit anderen Blinden und Sehbehinderten zu umgeben. Das limitiert mich, denn es gibt so viele tolle, unterschiedliche Menschen. Ich suche nicht Freunde und Bekannte, die eine Behinderung mit mir teilen, sondern solche, die dieselben Interessen, Leidenschaften und Wellenlängen haben! Die können blind, gehbehindert oder kerngesund, studiert, Weltenbummler, Juristen, Meisterdetektive oder sonst was sein. Hauptsache, uns hält nicht ein Defizit zusammen, sondern etwas, das wir gemeinsam lieben und leben!

Und meine Freizeit möchte ich ebenso wenig auf meine Sehschwäche ausrichten, sondern darauf, was in mir brennt, was mir guttut und Freude bereitet. Ich lasse nicht etwas sein, nur weil es visuell anspruchsvoll ist. Mein Sehrest hält mich nicht vom Wandern, Yoga, Reisen und Schwimmen ab oder vom Bloggen, Gärtnern, Basteln und Fotografieren. Vom Feiern, Tanzen und Trinken oder Spieleabenden. Vom Ausleben purer Lebenslust!

Würde ich mich ansonsten nicht selbst beschränken? In Watte packen?

Die Qual der Wahl – hab ich nicht

Ich wähle weder „wie Sehende“ noch die „blinde Extrawurst“, sondern Option drei. Ich schlage mich weder auf die eine noch auf die andere Seite. Es gibt gar keine Seiten – nur mein Leben, das ich selbst gestalte! Ich plane, kämpfe, frage, beiße, probiere und wage mich durch. Das ist häufig mit Aufwand verbunden. Nicht selten muss ich mir Hilfe organisieren oder tief in die Trickkiste greifen. Aber nur so kann ich mir MEINEN Platz in der Gesellschaft, in der EINEN Welt erobern. Nichts ändert sich, wenn ich mich in scheinbaren Wohlführgrüppchen isoliere oder von Sehenden Akzeptanz fordere, ohne ihnen die Chance auf Berührungspunkte zu geben. Es geht nicht darum, etwas zu beweisen, sondern darum, Wege zu finden, Berührungsängste abzubauen und Barrieren zu brechen – im Alltag und in den Köpfen. Mein Leben möchte ich nicht in eine Ausweichwelt fernab der Realität verlagern. Ich habe meine Daseinsberechtigung, zahle Steuern, leiste meinen Beitrag in der Arbeitswelt, engagiere mich ehrenamtlich und kurble die Wirtschaft an. Und ich verstecke mich nicht. Ich bin hier und will dazugehören mit all meinen Ticks, den schlechten Augen und den weiten Gedanken. Nicht irgendwo am Rande, sondern mittendrin!

Mit diesem Blogbeitrag nehme ich an der Blogparade „Welche Rolle spielt Authentizität in deinem Business“ von SchreibLUST teil.

Hast du Gedanken, Ideen irgendwas, was du gerne zu diesem Thema loswerden möchtest? Schreib es gerne in die Kommentare – ich freue mich drauf!

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3 Kommentare zu „Authentisch leben mit Sehbehinderung

  1. Hallo Lisa, aus deinem Text kann ich deutlich lesen, wie schwierig es letztendlich ist mit einem Handicap (wenn ich das so nennen darf-politisch korrekt?) in der Gesellschaft seinen Platz zu finden bzw. sich eine Platz zu schaffen und zwar so wie du sagt, dass es für einem selbst auch wirklich authentisch ist. Sicherlich bist du da ein gutes Vorbild! 🙂
    Es gibt eine Vielzahl Angeboten für Menschen mit Behinderung und ich bin mir sicher, dass die wenigen Engagierten ihren Einsatz als nur wohltätige Tat im abwertenden Sinne sehen. Das hat mich etwas gestört an deinem Text bzw. es hat mich kurz zusammenzucken lassen.
    Liebe Grüße, Carmen.

  2. Hallo Lisa, ich habe dir einen Kommentar versprochen und jetzt würde ich am liebsten 10 Kommentare schreiben. Das ist mir gerade aber etwas viel 😉 – also versuche ich es einfach zu halten.

    „Und ich will nicht lauter Blinde, ich will lauter Yoga-Begeisterte!“: Super Satz, den ich gut nachvollziehen kann. Auch das Gefühl für den Dankbarkeitszwang: Hier in den Niederlanden gibt es für alles „Buddys“ als Freiwillige und ich mag die Idee überhaupt nicht. Ich will zum Beispiel nicht „Buddy“ (maatje) von einem älteren Menschen sein. Entweder wir treffen uns, weil ich diesen Menschen gerne mag und es mich bereichert – oder nicht. Wenn ich helfen möchte, dann bin ich gerne Assistenz, Einkaufhilfe etc. Dann sind die Rollen deutlich.

    Dass du dich da als junge, sprühende Frau in Ecken gedrängt fühlst, verstehe ich gut. Ich beginne zu ahnen, was du bisher erlebt hast. Seitdem Menschen von mir wissen, dass ich schlecht sehe, bekomme ich auch (ungefragt) Vorschläge, doch die blinde Bekannte treffen zu können. (Eh, wieso?)

    Was ich gerne ergänzen will: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sehr heilsam und tröstlich ist, eine Community zu haben. Menschen, bei denen ich nicht viel sagen muss und sie verstehen. Sie verstehen, welchen Mut es kostet, damit umzugehen, dass die Augen immer schlechter werden. Die verstehen, wie müde man sein kann. Die verstehen. Psychologisch gesehen ist es so, dass nur gemeinsam Heilung wirklich möglich ist . (innere Heilung). Deshalb steht die SEHELDIN auch für Community, weil: „gemeinsam ist man weniger allein“ . Aber das sind dann nicht meine Freund*innen und wir gehen auch nicht zusammen aus, nur weil wir zufällig beide z.Bsp. hochgradig kurzsichtig sind. Vielleicht werden wir Freund*innen, weil es auch auf anderer Ebene passt.

    Jetzt ists doch lang geworden, auch wenn es noch viel mehr zu sagen gäbe.
    Bis denn, Anne aka SEHHELDIN

  3. Liebe Carmen,
    vielen Dank für deine Gedanken!
    Zu den engagierten Helfern habe ich folgende Gedanken:
    – ich selbst will gar keine engagierten Helfer (was ihr Engagement aber nicht schmälern oder abwerten soll), die nur dabei sind, um mich zu unterstützen. Mir ist es viel lieber, wenn ich mit Gleichgesinnten wandere und es selbstverständlich ist, wenn man sich gegenseitig hilft. Für mich (und viele andere selbstbestimmte Menschen) ist das ein wesentlicher Unterschied.
    – der Dankbarkeitszwang hat mit den Helfern gar nicht so viel zu tun, vielmehr sind es oft andere Blinde, die dann Dinge wie den „Helferkaffee“ einführen. Das heißt, ihrem persönlichen Wanderbegleiter geben sie einen Kaffee (oder irgend ein Getränk) aus. Natürlich ist das eine nette Geste, wenn das aber fast alle tun, fühle ich mich gezwungen, es auch zu tun. Dabei geht es nicht darum, jemandem einen Kaffee zu spendieren – das mache ich liebend gerne. Aber ich möchte mich nicht unter Druck zu Dankbarkeit verpflichtet fühlen, denn ich bin kein Sozialprojekt und ich möchte (wie oben beschrieben) gar keine Begleitperson, sondern lieber Weggefährten.
    – es gibt Menschen, die fühlen sich mit Begleitpersonen sehr wohl und geben liebend gerne einen Dankbarkeitskaffee aus. Sie haben einfach andere Voraussetzungen als ich z.B. stelle ich es mir schwer vor, wenn man spät erblindet und plötzlich mit einer ganz neuen Situation klarkommen muss. Da freut man sich vielleicht, wenn man sich auf eine Begleitperson verlassen kann, die einem Sicherheit gibt. Oder generell Menschen, die ängstlich sind. Jeder hat seine Gründe.

    Ich hoffe, ich konnte dein Zusammenzucken so etwas lindern?

Was sagst du dazu?