August 2016: Die Idee zum Blindenführhund wurde geboren.

August 2020: Die Bewilligung landete nach langem Kampf ums Rezept im Briefkasten! Voraussichtliche Wartezeit etwa zwölf Monate.

November 2020: „Dringender Rückruf erforderlich“, stand in einer Nachricht. Minuten später erfuhr ich: ich bekomme meinen Führhund in zwei Wochen.

2021: Und hier sind wir: Vier Wochen mit vier Pfoten!

Es ist kaum auszudrücken, wie intensiv und gehaltvoll die vergangenen Wochen mit Goldendoodle Harry waren – es ist so unsagbar viel passiert auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Mein Leben ist kaum wiederzuerkennen – erweitert, verbogen, umgekrempelt, bereichert, ungewohnt, spannend! Manch altes geht verloren, viele neue Elemente fordern ihren Platz. Noch nie habe ich so eindeutig und markant gespürt, wie ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ich bin immer noch ich und auch irgendwie nicht.

Wie ist es, einen Blindenführhund zu bekommen? Wie läuft die Einarbeitung ab? Was genau hat sich verändert? Wie ist das Leben mit Hund? Ich wage einen ersten Rückblick und Erfahrungsbericht in meiner vierteiligen Blogserie „Vier Wochen mit vier Pfoten“.

Die drei Harrys

Eine meiner liebsten Geschichten, die mich seit mehr als der Hälfte meines Lebens begleitet ist die von Harry Potter. Die Zwangsruhe von 2020 nutzte ich, um mich mental durch Band 1-7 in die wundervolle Welt zwischen Winkelgasse, Hogwarts und dazwischen zu Apparieren. Ich las die letzten Zeilen der „Heiligtümer des Todes“, während ich lustigerweise einen köstlichen Kaffee von Harry`s Kaffeerösterei schlürfte. Wie passend. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass ich Blindenführhund Harry bekomme. Wie überaus passend!

Kennenlernen, Beschnüffeln & erste Meilensteine

Nachdem ich Ende November überfallartig die wundervolle Nachricht erhielt, dass ich bereits zum Nikolaus meinen langersehnten Blindenführhund bekommen soll, war ich erstmal in hellem Aufruhr. So viel zu tun! So viel vorzubereiten! Ich informierte schnell meinen Arbeitgeber, den Vermieter und so ziemlich alle Leute, die ich kenne, bestellte ein Hundebett, besorgte Näpfe und einen Sack Futter. Ließ  mich „zur Anpassung von Hilfsmitteln“ krankschreiben, buchte eine Fahrt… und plötzlich wurde aus einem panischen „Hilfe, nur noch zwei Wochen“ ein verzweifeltes „Noch sooo lange warten“. Schlafen? Essen? Unmöglich!

Richtig erleichtert war ich deshalb, als ich endlich nach Neuburg reiste, wo tags darauf unsere erste Begegnung stattfinden sollte. Ich wurde für zehn Tage in einem geräumigen, gut ausgestatteten und barrierefreien Apartment untergebracht – organisiert von meiner Führhundschule, bezahlt von meiner Krankenkasse. Abends legte ich mich mit dem Gedanken hin, dass ich nun für lange Zeit das letzte Mal ohne Hund sein würde. Ich spürte greifbar wie Kissen und Decke, dass etwas endete und etwas anderes begann.

Das Flauschige

Eine unruhige Nacht und höchstens drei Stunden Schlaf später war es soweit: unsere Trainerin von der Blindenführhundschule (perfekt fürs nächste Galgenmännchen) klingelte pünktlich um 10:00 Uhr und stand mit einem blonden, flauschigen RIESIGEN Etwas vor der Türe. Oh Gott, das war er also. Der Hund. Viel größer, als auf dem Foto, das ich gesehen habe. Wie atmet man doch gleich? Ich weiß, dass ich mich unterhielt, aber ich hatte nur Augen für das wuselige Goldbärchen, das abwechselnd schwanzwedelnd um mich herum hüpfte und aufgeregt durch die Wohnung flitzte – die Nase am Boden, flankiert von wehenden Schlappohren. Atmen, Lizzi, atmen.

Steckbrief

Name: Harry
Rasse: Goldendoodle
Geburtstag: 31. März 2019
Job: Blindenführhund

Ignorieren sollte ich ihn erstmal, damit er sich beruhigte. Und wer beruhigte mich? Er bekam einen Napf voll Wasser, dem er sich geräuschvoll widmete. Unsere Trainerin meinte, ich solle mich etwas hinsetzen, doch daran war gar nicht zu denken. Kleines Geständnis: früher hatte ich große Angst vor Hunden. Es hat viel mentale Arbeit gekostet, daraus großen Respekt und daraus angemessenen Respekt zu machen. Trotzdem widerstrebte es mir noch etwas, mehr auf Augenhöhe mit Harry zu sein. Stehend fühlte ich mich wohler. Okay für den Anfang.

Etwas entspannter war ich, als wir zur ersten Gassirunde gingen. Draußen an der frischen Luft atmet es sich besser durch. Ich bekam einige Infos, Kommandos mit Laut- und Handzeichen sowie eine Flexi-Leine, mit der ich den kleinen Stromer über unsere hauseigene Wiese führte. Man, war der süß! Dieser leichtfüßige, flinke Gang, die drollige Schnuffelnase am Boden klebend und die Rute wie ein fröhliches Fähnchen erhoben. Kurz darauf lernte ich außerdem seine unverkennbare Pinkel- und Häufchenhaltung kennen. Für so ein Blinddate schon ganz schön persönlich.

Dann war unser Vormittagstraining vorbei und wir waren allein. Er und ich. Beide total aufgeregt, nervös und unruhig. Harry stromerte durch die Wohnung, verfolgte mich auf Schritt und Tritt. Ich ging zur Kaffeemaschine. Tapp tapp tapp. Ich ging ins Bad. Tapp tapp tapp. Ich ging zum Sofa. Tapp tapp tapp. Ich hatte jetzt einen Hund, nur überhaupt keine Ahnung, wie ich mit ihm umgehen, was ich mit ihm tun sollte. Mit Tieren generell habe ich keine Erfahrungen, da ich gegen viele allergisch bin. Durch puren Zufall fand ich 2016 heraus, dass ich nur auf manche Hunderassen reagiere. Darum auch ein Goldendoodle. Und so einer saß schließlich neben mir mit seinen schäfchenweichen Goldlöckchen, gerade nah genug, dass ich ihn streicheln konnte und wir „nahmen Kontakt auf“. Mehr als Kopf und Rücken ging da noch nicht – richtig putzig, wenn ich heute darüber nachdenke, wo ich ihm den Schlaf aus den Augen reibe, seine Pfoten und Ohren putze und die Rute striegle.

Nach dem Nachmittagstraining ging es an unseren ersten Feierabend, zwei Blonde, die sich nicht aus den Augen ließen. Das Ende vom Lied war, dass die beiden Sensibelchen völlig geschafft vorm Sofa auf dem Boden hockten, der eine auf dem Rücken, die andere fleißig am Bauchstreicheln. Keiner hat den anderen gefressen – immerhin.

Trotzdem wurde es wieder keine erholsame Nacht, denn bei jeder Drehung, jedem Kissenjustieren kam Harry nervös-neugierig angetrippelt, um zu schauen, was die neue Mitbewohnerin denn da trieb. Verständlich, immerhin war ich für ihn genauso neu wie er für mich.

…als ein Auto blitzeschnelle langsam um die runde Ecke fuhr…

Zusammengefasst kroch und raste die erste gemeinsame Woche gleichermaßen dahin. Einerseits gab es so viele kleine und große Momente, gefüllt mit Bedeutung, so viele Anfänge, so viel Erinnerungswürdiges – Meilensteine für mich.

Wie unser erstes Führen, vor dem ich so großen Respekt gehabt hatte. Im Vorfeld wurde in einer Führhundgruppe thematisiert, dass es für Führhundhalter mit Sehrest besonders schwierig sei, sich auf den Hund einzulassen. Das hat mich stark beschäftigt. Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte mir selbst mehr vertraut, denn wenn ich eines kann, dann mich auf andere einlassen – ob sie zwei Beine oder vier Pfoten haben. Die Aussage mag bestimmt für den ein oder anderen gelten, aber auf mich traf sie nicht zu. Dementsprechend fiel mir eine Lawine vom Herzen, als ich beschwingt mit Führbügel und Leine in der Hand von Harry durch Neuburg geleitet wurde – frei von Angst, voller Bereitschaft, diesem Hund irgendwann ganz zu vertrauen.

Oder wie die Tatsache, dass ich von Tag zu Tag meine Berührungsängste verlor. Richtig berührt hat mich der Moment, als meine Finger Harrys Rippen entlangfuhren und dahinter das kräftige, stete Pochen seines Herzschlags ertasteten. Oder, als ich seine knuffigen Ballen erfühlt habe…

Oder wie ich den ersten Kaffee kochte, ohne auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Wie ich ihn an den ersten Abenden beruhigt habe, wenn er bei heimkommenden Hotelgästen knurrte und bellte, weil es für ihn ungewohnt war. Wie ich ihn schnarchen hörte. Wie ich endlich zu so viel Normalität fand, einen ganzen Film zu schauen. Wie ich durch die Badezimmertüre mit ihm geredet habe, weil er einsam winselnd davorsaß. Wie stolz ich war, dass ich unser erstes Zerrspiel gewagt habe. Wie ich jedes neue Geräusch, jede neue Bewegung und Haltung an ihm studiert habe. Wie ich ihn innerlich so gefeiert habe, als er im Dunkeln zwei dubiose Typen angeknurrt hat, die in meine Nähe geschaut haben. Wie er mich auf Schneematsch umgerissen hat, als er beschloss mit einem anderen Hund zu spielen…

Andererseits rückte die Halbzeit, dann das erste Wochenende und dann die bald bevorstehende Heimreise unaufhaltsam näher.

Die Einarbeitung selbst

Was wir sonst so getrieben haben? Wir hatten jeden Tag zwei Trainingseinheiten mit unserer Trainerin von der Führhundschule, in denen wir Unterordnungsübungen, Führtraining, Freilauf und vieles mehr übten. Obendrauf gab es viele wichtige Infos rund um den Hund, das Rechtliche und Pflegetipps. Von Wald und Feld durch Fußgängerzonen und Einkaufszentren bis an den Schalter einer Apotheke – wir waren so ziemlich überall und das mal im Führgeschirr, an der kurzen Leine oder ganz ohne. Morgens und abends gingen wir Gassi auf eigene Faust und in den Zeiten dazwischen chillten wir zusammen. Unsere Pausen hatten wir beide dringend nötig, denn für Harry war das Führen und für mich das Konzentrieren und viele unterwegssein ziemlich anstrengend.

Ein besonderer Moment

Die intensivste Erinnerung habe ich an den zweiten Abend. Ich saß auf dem winterlichen Balkon, Harry setzte sich direkt vor mich und wir schauten uns an. Lang. Sehr lang. Und ich wusste in diesem Augenblick, dass ich für meinen lieben, frechen, beeindruckenden Schatz einfach alles tun würde. Ich würde immer für ihn dasein, immer alles geben, damit er ein tolles, ausgelastetes und erfülltes Leben als mein Blindenführhund bei mir hat. Jede sichere Straßenüberquerung, jedes erreichte Ziel, jede spielend genommene Hürde werde ich ihm auf die eine oder andere Weise danken. Das habe ich ihm fest versprochen und noch mehr. So schnell habe ich noch nie jemandem „ich liebe dich“ gesagt.

Ein weiteres Highlight für mich war der Besuch der Führhundschule, wo ich das Trainingsgelände, Harrys (wirklich großen!) Bruder und noch eine ganz besonders entzückende Überraschung sehen durfte. Nichtsahnend betrat ich den Raum, wo ich sämtliche Harry-relevante Unterlagen bekommen sollte, da sah ich sie, die Welpen! Winzigkleine, verschlafene, tapsige Goldendoodlewelpen.

Bevor ich mich versah, hatte ich einen auf dem Arm und mir schmolz das Herz. Dieses winzige fünfwochenalte Baby in Apricot mit seinem entzückenden Näschen und den Tapsepfoten hätte ich am liebsten nie wieder hergegeben. Weich, warm und zuckersüß kuschelte es sich auf meinem Schoß zurecht, bevor es dann nach einer Weile doch winselnd seine Geschwister rief.

Irgendwann, dachte ich mit einem verstohlenen Tränchen in den Augenwinkeln, will ich so einen ganz Kleinen auch mal haben…

Fazit & Erkenntnisse

Anstrengend, meine Einarbeitung war richtig anstrengend! Körperlich, weil ich viermal täglich draußen war und viele Gassi- und Übungskilometer mit Harry zurücklegte. Geistig, weil es so viel zu lernen und zu beachten gibt. Der Hund kennt alle Kommandos bereits, aber man selbst muss erst einmal herausfinden, wie man mit ihm umgeht – von der eigenen Körperhaltung bis zur Stimmlage. Es ist ein bisschen, als würde man eine Ausbildung oder ein Studium beginnen, nur, dass die Arbeitszeit nach acht Stunden nicht endet. Das Tolle ist jedoch, dass es eine so dankbare, schöne Arbeit ist, auf die man sich einlässt und wie in jeder Beziehung muss man bereit sein, zu geben.

Wofür ich mir übrigens sehr dankbar bin: in den beiden Wochen, bevor ich Harry bekam, wurden mir von vielen lieben Menschen mit Führhund Hilfe und Informationen angeboten. Ich sollte mich mit allen Fragen an sie wenden. Das habe ich NICHT getan und bin so froh darüber. Du hast es am Beispiel der Führung mit Sehrest gesehen. Es mag den einen so ergehen und den anderen wieder ganz anders. Ich bin ein großer Fan davon, dass man Neuem wertfrei begegnet, sodass man die Chance auf einen eigenen Weg, auf selber denken, fühlen und handeln hat. Tipps und Erfahrungswerte von anderen können sehr wohl hilfreich und wertvoll sein – aber eben nicht alle. Mir fällt es manchmal schwer, genau die Ratschläge zu finden, die mich weiterbringen. Das sind nicht jene, die ihre Situation auf alle anderen übertragen, sondern die, die neutral von ihren Erfahrungen berichten und Raum für eigene lassen. Bevor ich mir also etwas Wunderbares verderben oder mich verrückt machen lasse, stürze ich mich lieber etwas unvorbereitet, aber gefühlsecht ins Abenteuer!

Mehr von den zwei Blondies gibts in Kürze: „Vier Wochen mit vier Pfoten – Blindenführhund Harry: Woche 2“

Wie immer freue ich mich riesig über Kommentare – vielleicht mit Fragen? Eigenen Erfahrungen? Gedanken?


2 Kommentare zu „Vier Wochen mit vier Pfoten #1 – Blinddate mit Blindenführhund

  1. Liebe Lisa und natürlich lieber Harry, ich habe schon seit über zwei Jahren meinen Pitou als Führhund an meiner Seite. Bei mir ging es damals aber nicht ganz so schnell wie bei dir. Im Februar 2018 habe ich die Genehmigung bekommen, im Juli 2018 ist Pitou dann eingezogen. Ich war bei unserer ersten Begegnung aber auch super aufgeregt und wollte danach aber auch gar nicht mehr weg. Und mittlerweile kann ich mir mein Leben ohne diesen süßen, haarenden, kuschligen, verspielten, neugierigen und cleveren blonden Labrador namens Pitou nicht mehr vorstellen, der mich vor allem vor Corona auf Schritt und Tritt begleiten darf.

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