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Ein normales Leben führen, das wollen viele. Ich nicht. Warum? Stellen wir uns erst kurz die Frage, was normal ist.


nor·mal

/normál/

Adjektiv

1a. der Norm entsprechend; vorschriftsmäßig

1b. so [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt


Da sind wir am Puls meines Problems. Das, was sich die meisten unter normal vorstellen. Aber genau das möchte ich nicht. Ich will nicht normal sein, will nicht normal leben, jedenfalls nicht, wenn das heißt, dass ich wie sie sein soll.

Ich bin nicht wie die meisten – weder physisch noch psychisch

Ich bin eine fast blinde Frau, hochgradig sehbehindert. Zugegeben, es gibt viele Dinge, die ich gerne tue, die den meisten Menschen gefallen. Aber es gibt so vieles, das mich vom Mainstream trennt… zum Beispiel gehe ich nicht gerne shoppen, sondern halte es minimalistisch. Für mich ist weniger besitzen ein Gewinn. Lösend. Befreiend. Menschenmengen mag ich nicht und ich bin lieber alleine als in schlechter Gesellschaft. Wenn ich jemand Neues treffe, verurteile ich ihn nicht, weil er mir komisch vorkommt. Gerade die seltsam anmutenden Leute sind die, die ich früher oder später in mein Herz schließe. Grade, weil sie nicht hirnlos normal, sondern ausgesucht anders sind. Nicht erzwungen, nicht aufgesetzt freigeistig, einfach mit ihrer eigenen Meinung, die vom Kollektiv losgelöst sein kann.

Mit meiner charakterlichen Andersheit kann ich gut leben, auch wenn sie ihren Preis hat. Für manche Kommentare wird man von Kollegen schief angesehen – wenn man nicht den neusten Klatsch hören will, wenn man nicht weiß, welcher Promi es mit wem treibt. Manchmal erntet man von Gesprächspartnern Verständnislosigkeit und bekommt zu spüren, dass man etwas gesagt oder getan hat, womit diese so gar nichts anfangen können. Es ist, als würde man sich selbst durch ihre Augen sehen und fühlen, wie sie einen für merkwürdig halten. Das ist okay für mich. Zwar tut es oft weh, dadurch weniger Gleichgesinnte zu finden – einfach, weil es nicht so viele gibt – oder gar Freundschaften. Aber wie gesagt, ich bin lieber alleine als umgeben von jenen, die mich nicht verstehen und nicht akzeptieren.

Aber wie ist es mit dem Behindertsein?

Ja, durch meine hochgradige Sehbehinderung läuft bei mir vieles anders. Kürzlich habe ich auf lydiaswelt ihren 200. Beitrag gelesen, wo Lydia mit einigen Vorurteilen Blinden gegenüber aufräumt. Zurecht erklärt sie, dass sich die armen Sehbeeinträchtigten nicht permanent wünschen, gut sehen zu können.

Da bin ich ganz bei ihr! Kennst du das Spiel mit der guten Fee und den drei Wünschen? Was würdest du dir wünschen? Ich wurde das schon oft gefragt und NIEMALS habe ich mir gewünscht, besser sehen zu können. Damals habe ich nicht darüber nachgedacht. Heute weiß ich, dass ich mir Verständnis und einen Platz in der Gesellschaft wünsche. Ehrlich gesagt habe ich sonst keine Wünsche. Höchstens, dass es denen, die ich liebe, gutgeht. Aber Schluss mit Wunschkonzert.

Lizzi trägt ein schwarzes Oberteil und eine leuchtendgelbe Hose. Sie steht vor einer leuchtend gelben Wand.

Ich will kein normales Leben führen müssen!

Normal hieße, dass ich meine Behinderung im Griff habe und mit allen Tricks und Hilfsmitteln so leben kann, wie Sehende. Aber wozu eigentlich? Warum soll ich leben wie Sehende? Ist es denn falsch, wie ich lebe? In meinem Artikel „Hochgradig sehbehindert ist wie jeden Tag Halloween“ habe ich Sehbehinderte und Gutsehende mit Äpfeln und Birnen verglichen. Ich persönlich möchte keine Birne sein, die wie ein Apfel zu sein versucht. Ich möchte mir auch keine Mühe geben müssen, wie ein Apfel zu scheinen. Ich bin eine Birne! Das ist okay.

Birnen sind auch nur Obst – bitte inkludieren!

Da der Begriff „Inklusion“ in aller Munde ist, geht er mir viel durch den Kopf. Ich frage mich, was er bedeutet, was er für mich bedeutet. Ich weiß, dass ich dazugehören möchte. Aber nicht, indem ich so sein soll, wie visuell gesunde Menschen. Ich möchte nicht ins Team „Normal“, wenn das heißt, dass ich mein Leben darauf ausrichten soll, so zu sein, wie sie. Ich meine damit, dass ich alles daransetze, die Dinge „normal“ zu tun. Klar, einige Basics gehören dazu. Man braucht ein Einkommen, eine Wohnung, Kleidung. Das ist hier nicht die Frage.

Die Frage ist ganz philosophisch. Wie will ich mein Leben leben? Möglichst unauffällig, sodass die „normalen“ Menschen denken, ich hätte alles im Griff, komme mit meinem Handicap super klar und kann schön angepasst unter dem Radar fliegen? Damit sie so Sachen sagen können wie „Toll, dass du das alles hinbekommst trotz Handicap.“ Nein danke. Solange unsere Gesellschaft für Sehende, für Gesunde gemacht ist, möchte ich mich nicht anpassen. Nicht stillschweigend die Erwartungen an mich hinnehmen, während mir nicht viel dafür gegeben wird. Und ich möchte auch nicht dauernd beweisen, dass ich so viel wert bin wie sie – die Gesunden – weil ich genauso den Haushalt schmeißen, Sport machen und arbeiten kann wie sie. Kleine Info am Rande. Ich bin ein Mensch und schon alleine deshalb muss ich meinen Wert nicht beweisen. Doch nehmen wir an, ich müsste, würde ich sagen, als studierte Germanistin und Philosophin, vollzeitarbeitende Online-Redakteurin, Ehrenamtsinhaberin, Sporttreibende, Reisende und Bloggerin darf ich den Test als „bestanden“ werten? Doch ein ganz schön normales Leben, oder?

Was möchte ich damit sagen? Was will ich wirklich?

Ich wünsche mir meinen Platz in der Gesellschaft. Als hochgradig Sehbehinderte. Nicht als eine, die versucht, wie Sehende zu sein, die „das Leben“ auf die Reihe bekommen muss. Einfach wie jemand, der dazugehört. Für den es vibrierende Ampeln gibt und markierte Treppenstufen. Den nicht alle in der Bahn anstarren, weil er alleine unterwegs ist, bei Regen mit Sonnenbrille oder einkaufen geht. Dem nicht mitleidige Blicke folgen, weil eine Behinderung das Schlimmste überhaupt ist, sondern dem lieber eine helfende Hand angeboten wird, wenn sie fehlt. Ohne viel Tam Tam.

Ich möchte mich nicht verstellen, nicht beweisen, nicht schweigen müssen. Will nicht behaupten, dass ein Handicap leicht zu handeln ist. Wieso darf ich nicht zugeben, dass es schwer ist in einer Welt für Sehende? Das ist es doch! So sehr! Aber ich muss so tun, als käme ich toll klar, darf ja keine Schwäche zeigen, sonst heißt es gleich wieder „die ist ja behindert und kann nichts.“ Dann schwingt „hilflos“ zu sehr mit… oder man sagt gar, ich würde jammern.

Ich wünsche mir nichts anderes als Normalität, aber nicht durch Mimikry sondern Verständnis und Akzeptanz. So, wie ich verstehe, dass es eine alleinerziehende Mutter nicht leicht hat, ohne, dass ich sie für unvollständig ohne Mann halte. So, wie ich begreife, dass Altern herausfordert, weil gewöhnliche Aktivitäten zum Kraftakt werden. So, wie mir bewusst ist, dass Menschen (noch) keine Maschinen sind und jeder mal einen schlechten Tag hat, jeder mal Hilfe durch Wort und Tat benötigt. Kann man so nicht eine fast blinde Frau auch als normal annehmen, mitfühlen und akzeptieren? Ihr einen eigenen Platz einräumen?

Was meinst du? Was wünschst du dir? Wie siehst du das Ganze?


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3 Kommentare zu „Ich will nicht ein normales Leben führen. Ich will MEIN normales Leben führen.

  1. Hi Lizzi. Würde dir gerne zu teinen Themen schreiben , nur sind deine Texte etwas schwer für mich..Ich weiß Dan gar nicht was ich dazu schreiben soll. SORY. Ich kann dir aber sagen das i di mag. Ich habe einen Wunsch an dich. Da du so gut schreibst, wäre es doch ein leichtes für uns mal eine kurzgeschichte zu schreiben. Egal was einfach so aus der Fantasie heraus. Denke du kannst das 😊wünsche dir noch eine gute Nacht Danke grüssli Marcel.

  2. Hi Marcel,
    schön von dir zu lesen. Was findest du an meinen Texten denn „schwer“? Die Sprache oder den Inhalt? Oder beides? Weißt du, das sind Dinge, mit denen ich mich lange beschäftige, darum habe ich mir schon viele Gedanken dazu gemacht. Wer das zum ersten Mal liest, kann damit allerdings schon „überfordert“ sein bzw. muss sich einfach erst mal seine eigenen Gedanken dazu machen. Dazu sind die Texte auch da – zum Inspirieren oder Denkanstöße geben.
    Was für eine Kurzgeschichte schwebt dir denn vor? Da lässt sich bestimmt was machen 🙂

    Liebe Grüße
    Lizzi

  3. Nabend Lizzi. Habe deinen Text nochmals durchgelesen. Meine gedanken sind dabei auf einen Freund gestossen den ich noch nie gesehen habe. Leider haben wir uns verloren. Würde sagen das es eine echte Mänerfreundschaft war. Stundenlang. Ganze Abende, Nächte oder auch Tagsüber waren wir zusammen ohne das wir uns je persönlich gegenüber gestanden haben. Auch seine Stimme kannte ich nicht. Nie haben wir uns gestrieten. Am Schluss als unsere Freundschaft zuende ging haben wir geweint. Zumindest ich. Bin mir aber sicher das es ihm gleich ging. Es gäbe da noch viel zu erzählen. Als sehender jemanden zu kennen ohne ihn zu sehen war für mich eine ganz tolle Erfahrung.

    Weiß jetzt nicht ob das geschriebene zu deinem Thema passt, aber ich hab einfach mal so ne kleine Anekdote von mir aufgeschrieben . Vergiss das mit der kurzgeschichte. War ne blöde Aufforderung.Ich muss mich mehr auseinandersetzten mit dem was du schreibst. Nur so kann ich was zu deinem Gedanken schreiben.
    Etwas hat mich berührt.bei deinem Text. Warum soll ich leben wie Sehende?
    Warum soll ich leben wie ein fast Blinder.? Warum soll ich leben wie einer gehörloser? Warum soll ich leben wie ein Millionär?Warum soll ich leben wie ein Bettler?

    Ich würde sagen : Lebe wie du es am besten kannst oder möchtest.

    LIZZI – WEIL IH DI MAG.
    SCHÖNES WOCHENDE WÜNSCHE ICH DIR. GRÜSSLI MARCEL.

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