Ich wäre gerne fett, faul und hässlich

Aber leider bin ich so nicht. Ich bin das genaue Gegenteil. Gut, nicht schlank, aktiv und hübsch, aber doch definitiv eher in diese Richtung tendierend. Na schön, das mit dem hässlich und hübsch ist jetzt nicht so genau zu nehmen, es hat einfach schön in die Überschrift gepasst. Es geht natürlich auch weniger um den Körperumfang. Vor allem steht der Aktivitätsgrad des Körpers und des Geistes im Vordergrund und zu meinem großen Leidwesen bin ich bis über beide Ohren mit ganzem Herzen in das Lebendig-Sein verliebt und die Philosophie ist wie Atmen für mich.

Ich bin so voller Energie, voller Lebenslust, voller Liebe für das Universum, voller Freude über kleine Alltagswunder, voller Faszination über Zusammenhänge, voller Gefühl für die Welt.

Ich springe mindestens einmal am Tag beim Musikhören auf, schleudere alles von mir, was ich gerade in der Hand habe und werfe mich in den Rhythmus, falle in die Musik, lasse mich mit der Melodie davontragen.

Wenn ich höre, dass es draußen regnet, schnappe ich mir meine Regenjacke, die wasserdichten Schuhe und Schwupps bin ich draußen, denn ich will die kühlen Tropfen spüren, den köstlichen Duft des rauen Wetters inhalieren und mich belebt fühlen.

Ich bin definitiv nicht die Königin der Disziplin, aber wenn ich mich terminlich zu körperlicher Aktivität verpflichtete, bin ich Feuer und Flamme dabei. Ich verbrezle mich hingebungsvoll im Yoga, kämpfe mich tapfer durch sämtliche Ausfallschritte beim EMS und lasse Kilometer mit einem Lächeln unter meinen Schritten schmelzen. Alles, was mich an meine Grenzen bringt, lässt mich MICH spüren, mich mit meinem Körper sprechen und das Duett aus Anspannung und Entspannung harmonisiert meinen Geist.

Wo ist da der Haken?

Das hört sich für dich vielleicht gar nicht so schlimm an und du fragst dich, was eigentlich das Problem ist. Tja, nicht nur Käpt’n Hook hat einen Haken, sondern die meisten Dinge. In meinem Fall gibt es da etwas, das mich aktiv am Ausleben dieser Dränge, Wünsche und Freuden behindert. Es mag dir traurig erscheinen, aber nach über 30 Jahren Erfahrung habe ich immer noch nicht meinen Frieden mit meinem Handicap gemacht. So eine Sehbehinderung die an sonnigen Tagen an Blindheit grenzt ist nichts, was man irgendwann problemlos akzeptieren kann – ich zumindest nicht. Jedenfalls nicht in einer Welt, die für Sehende gemacht ist, in die sich Gehandicapte integrieren sollen, einfügen und Steuern zahlen, anpassen… und der Rest bekommt davon gar nichts mit. Wir sind nur Randfiguren in ihrer Welt. Klar, ich will jetzt nicht aberkennen, dass es viele liebe Helfer und Engagierte gibt. Gewiss nicht! Das ändert aber nichts am Großen und Ganzen – ich muss immer kämpfen. Ich weiß schon, nichts gibt es umsonst und jammern, heulen und mich beklagen möchte ich auch nicht. Trotzdem muss man es anerkennen, dass man nie ein völliger Teil der sehenden Gesellschaft sein wird. Vielleicht ändert sich das in einer fernen oder gar nicht so fernen Zukunft, wenn die Digitalisierung nicht mehr in den Kinderschuhen steckt und erweiterte und virtuelle Realitäten bisher vorhandene Barrieren überbrücken. Aktuell indes ist es, als würdest du in einem fremden Land leben, wo die Menschen eine dir unbekannte Sprache sprechen, nur, dass du die Sprache nie wirst lernen können. Dein Fremdisch wird immer unvollkommen sein, auch wenn du dir Tricks überlegst, wie du dich in manchen Situationen verständigen kannst. Aber wie sehr du dich auch bemühst, du erreichst nie das Niveau eines Muttersprachlers, nicht mal ansatzweise.

Ketten um mein Herz

Und durch diese Welt kämpfe ich mich jeden Tag und hasse die Abhängigkeit, die mich begleitet. Für die simpelsten Dinge braucht man Hilfe, auch wenn sie gerne gegeben wird. So oft möchte ich einfach loslegen, einfach machen, doch es geht nicht. Es muss erst gewisse Unterstützung angefordert werden, Hindernisse müssen ausgemacht und umschifft werden. Es braucht Zeit, Planung und viel Energie.

Ein konkretes Beispiel: seit einigen Jahren bin ich leidenschaftlich engagierte Spaziergängerin. Das In-Bewegung-Sein ist grundsätzlich mein liebster Zustand. Klar, dann kam es, wie es kommen musste. In mir formte sich der vehemente Wunsch, Wandern zu gehen. Nicht einmal, nicht ab und an wenn es sich ergibt, sondern oft und am allerliebsten natürlich, wenn ich es möchte. Tja, Pech für Lizzi, das geht eben nicht. Durch meine visuelle Einschränkung kann ich nicht einfach meinen Rucksack schultern, die Wanderschuhe schnüren und draufloslaufen. Oh, glaub mir, es wäre grundsätzlich gar kein Problem für mich, so etwas alleine zu machen. Ich würde mir nicht einsam und doof vorkommen, wenn ich ohne Weggefährten meinem Pfad folgen würde. Tatsächlich komme ich mit mir sehr gut aus – ich und ich, wir verstehen uns blendend. Aber im Ernst, es geht nicht. Ich könnte keine Wegweiser oder Schilder lesen, würde über Wurzeln stolpern, Treppen hinunterfallen, in Erdlöchern umknicken, mich verirren oder in den Fluss plumpsen. Oder im schlimmeren Fall in einen Abgrund stürzen. Da ich keine suizidalen Tendenzen habe, fällt das Einfach-Drauflos-Prinzip also flach. Und schon bin ich abhängig, da ich etwas möchte, aber erst auf ein passendes Angebot warten muss. Gut, manche haben das unsagbare Glück und haben Freunde oder Bekannte, die eine ähnliche Neigung haben. Perfekt, da kann man sich dann einfach anschließen oder zusammen etwas organisieren. Nun gibt es bei mir jedoch nicht diese Fügung. Zwar weiß ich vom ein oder anderen, dass er hin und wieder auch gerne wandern geht, aber was bringt mir das, wenn ich auf seine Gunst angewiesen bin? Wenn ich mich immer nur nach demjenigen richten muss? Natürlich erwarte ich nicht, dass nur, weil ich ein gewisses Interesse an etwas habe, die Menschen, die ich „Freunde“ nenne, plötzlich auch dafür brennen und mit mir durch Wälder und auf Berge ziehen, Wanderreisen unternehmen und von einem harterarbeiteten Gipfel den Sonnenuntergang bewundern.

Du könntest jetzt anmerken, dass es durchaus viele Menschen gibt, die Interesse am Wandern haben. Da hast du völlig recht. Ich habe auch schon oft an Wandergruppen gedacht. Ist aber praktisch gar nicht so einfach. Man muss dann erst wieder eine solche Gruppe finden, in der einerseits Leute sind, die man mag und andererseits, die auch gewillt sind, jemanden mit Behinderung mitzunehmen. Und dann ist da die Sache mit dem Stolz und diese andere noch größere Sache mit dem Vertrauen. Beim Behindert-Sein gibt es keine Abkürzungen, nur Umwege und das nervt manchmal gewaltig!

Eine Wahrheit, die weh tut

Dieses Abhängig-Sein ist einfach zum Kotzen, richtig Scheiße! Ich könnte jetzt, wie es meinem Naturell entspricht, sagen, dass man alles schaffen kann, dass man sich arrangieren muss, dass man sich auf das Positive konzentrieren sollte. Ja, so ist es und so lebe ich es auch. Aber hier und jetzt möchte ich das oft Vergessene, Verkannte, Unausgesprochene hinter den Kulissen hervorzerren. Komm ins Rampenlicht, Schmerz! Komm auf die Bühne, Wut! Das ist dein Scheinwerfer, Verzweiflung! Nur, weil man stark scheinen, weil man seine Behinderung im Griff haben möchte, heißt das nicht, dass ich mich nicht damit dauernd schrecklich fühle. Ich bin ständig in tiefer Zerrissenheit im Sturm zwischen Wollen und Können. Ich verabscheue diese Abhängigkeit, dieses Angewiesen-Sein auf andere, wenn ich etwas machen will, das mir viel bedeutet. Hoffen, dass der andere Zeit hat. Dass er sich Zeit nimmt. Dass es ihn interessiert. Dass ich ihm vertrauen kann. Fuck, das ist so dermaßen beschissen und erniedrigend! Immer bitten und hoffen zu müssen. Das Schlimmste daran ist, ich will so viel. Ich will den Jakobsweg laufen und weiter! Ich will mir die Welt anschauen, will wunderschöne weiße und schwarze Strände sehen, will ein Tropfen im wogenden Menschenmeer sein, das sich zu donnernder Festivalmusik bewegt, will fassungslos und betäubt vor Staunen die größten Wasserfälle dieser Erde sehen und noch so vieles mehr… Ich will leben, LeBeN, LEBEN!

Wie soll man das immer mit Würde tragen und zufrieden hinnehmen, wenn alles so kompliziert und so schwierig ist? Wenn es so wehtut? Wie soll man sich in etwas fügen, das nicht passt? Egal, wohin ich mich drehe und wende, ich ecke an. Da sind die Gitterstäbe, die Grenzen, die ich nicht überwinden kann. Es ist so schwer, ein Leuchtfeuer zu sein, wenn man sich selbst an seinem Licht verbrennt.

Was ich dir sagen will? Bei allem positiven Denken, bei allem, was man bisher gelernt hat, bei allem, was man tragen und ertragen kann, ist und bleibt es einfach Scheiße, behindert zu sein in einer Welt, die nicht für mich gemacht ist.

Ich werde nie aufgeben, werde immer weiterkämpfen und mir das, was ich möchte, mit Schweiß, Blut und vielen Tränen erarbeiten. Aber es tut weh, es tut so weh! Und das muss auch mal gesagt werden.

Ich weiß, das kann mir keiner abnehmen. Keiner kann dieses furchtbare, unerfüllte, verzweifelte Brennen in mir löschen. Das furchtbare Gefühl zu ersticken, die Beklemmung in meiner Brust. Für mich fühlt sich das Begehren, das Sehnen nach Lebendigkeit und dem Verhindern des selbigen durch die Behinderung an wie unerwiderte Liebe und es gibt im Leben keinen tieferen, keinen echteren, keinen schlimmeren Schmerz als die Abwesenheit von Liebe.

5 Kommentare zu „Zerrissen im Sturm aus Wollen und Können

  1. Wow, Lizzy, ich bin gerade auf deinen Artikel gestoßen und er berührt mich sehr! Ich finde, du beschreibst wirklich beeindruckend anschaulich und einfühlsam das Zerrissensein zwischen Wollen und Können, das du durch deine Seheinschränkung erfährst. Mir fällt dazu noch ein: viele Menschen tragen diese „Fesseln“ auch in sich, obwohl sie sehen können, weil sie z.B. Normen und gesellschaftliche Urteile, die ihrem tiefen inneren Wollen widersprechen nicht in Frage zu stellen wagen. Zumindest in diesem Sinn scheinst du nicht so gebunden zu sein, oder? Herzlichen Dank für diesen schönen Text!🙂 Lg, Sarah (auf meinem Blog „Sunnybee“)

  2. Hallo, liebe Sarah,
    freut mich sehr, dass dir mein Beitrag gefällt. Du hast natürlich völlig recht, es gibt viele Menschen, die ihre eigenen Ketten in sich tragen – gerade solche, die durch Normen und Gesellschaftliches entstehen. Stimmt, mit solchen habe ich mittlerweile kaum noch zu kämpfen. Macht das Leben so viel leichter 🙂
    Ich finde, es ist trotzdem ein kleiner Unterschied zu einer Behinderung, diese ändert sich nie, egal, wie sehr ich an mir arbeite. Jemand, der sich sein Leben von Konventionen diktieren lässt, ist immerhin theoretisch in der Lage, sich davon zu lösen. Es ist etwas, wozu man sich entscheiden kann – also zum Beispiel wenn man denkt, man müsse jemanden zu seiner Hochzeit einladen, weil es sich ja so gehört. Man muss diese Person in Wahrheit nicht einladen. Man denkt nur, man müsste… aber man kann es auch lassen. Es stimmt natürlich auch, dass viele sich darüber eben nicht hinweg setzen können und es dann im Endeffekt doch müssen, aber es besteht immerhin die Chance, dass sie irgendwann davon ablassen könnten.
    Aber es geht ja auch nicht darum, wem es schlechter geht – alle Fesseln sind gleichermaßen ätzend! Mir geht es vor allem darum, auch mal zuzugeben und auszusprechen, dass eine Behinderung scheiße ist, auch wenn man gut mit ihr auskommt, auch wenn man sich arrangiert, auch wenn man immer wieder neue Lösungen findet. Der Weg ist immer beschwerlich, steinig und schmerzhaft und ich finde, weil ich tagtäglich diesen Begleitschmerz empfinde, sollte er auch mal ausgesprochen werden, auch wenn mein Kopf immer stärker ist als er.
    Noch einmal ganz herzlichen Dank für dein Feedback, es war und ist eine schöne Anregung!

    Herzliche Grüße aus Lizzis Welt
    Lisa

  3. Ja, du hast natürlich recht: innere Fesseln lassen sich potentiell überwinden, eine körperliche Behinderung per se nicht. Mir gefällt an deinem Text gerade gut, dass du – als offensichtlich starke Frau – die Momente der Wut, Trauer und Resignation nicht verneinst. Ja, sie gehören einfach auch mit zum Leben! Herzlichen Gruß nochmal, Sarah

  4. Ein so gut geschriebener Text und ich denke, dass ich dich verstehe. Bin selbst im Gehen eingeschränkt und möchte doch so viel tun, was nicht immer machbar ist.

    Alles Liebe von Mathilda <3

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